07.02.2020 06:00 |

Neue Alben

Gil Scott-Heron: Vermächtnis eines großen Poeten

Gil Scott-Heron war einer der wichtigsten polit- und sozialkritischen Künstler Amerikas und hat mit seiner Mischung aus Spoken Word, Blues, Soul und Jazz vor allem die späten 70er- und frühen 80er-Jahre nachhaltig geprägt. Zehn Jahre nach Veröffentlichung seines letztes Albums „I‘m New Here“ erscheinen via XL Recordings nun zwei Werke, die das Vermächtnis des „schwarzen Bob Dylan“ würdig hochhalten.

Der britischen Spürnase Richard Russell hatten Musik-Connaisseure im Laufe der letzten drei Dekaden schon genug zu verdanken. Das Mastermind hinter dem famosen Label XL Recordings zeichnet unter anderem für Weltkarrieren von Künstlern wie den White Stripes, The xx, M.I.A. oder Dizzee Rascal verantwortlich. Mit beeindruckender Geschmackssicherheit wagt er sich an neue, noch unbekannte Künstler heran oder erfüllt sich seine eigenen Kindheitsträume, indem er sich mit beißender Beharrlichkeit an längst verloren geglaubte Legenden wirft. Hat etwa Star-Produzent Rick Rubin einst den amerikanischen Helden Johnny Cash mit den „American Recordings“ aus der Bedeutungsversenkung geholt, hat das Russell vor mittlerweile mehr als zehn Jahren mit dem legendären Gil Scott-Heron gemacht.

Knospe der Dichtkunst
Obschon selbst im Rave- und Elektronikbereich sozialisiert, war Russell von Anfang an gebannt von Scott-Herons unvergleichlicher Poesie. Nicht umsonst galt er zeit seines Lebens als „Godfather Of Rap“ oder der „schwarze Bob Dylan“. Besonders Wagemutige kratzen sogar noch stärker an der Götzenbildung und drehten den Spieß einfach um - wodurch aus Dylan der „weiße Scott-Heron“ wurde. Die Kindheit des 1949 geborenen war von Rassismus durchzogen, erst der Umzug vom einst so rückschrittlichen Tennessee zu seiner Mutter in die Bronx formte den gleichermaßen verbal wie nonverbal Geprügelten zu einer blühenden Knospe der Dichtkunst. An seinem Debütroman „Der Aasgeier“ arbeitete Scott-Heron akribisch. Als dieser 1970 das Licht der Welt erblickte, wurde er mit Jubel und Applaus überhäuft. Wenig später lernte er den einflussreichen Produzenten Bob Thiele kennen, der ihm noch im selben Jahr das Album „Small Talk At 125th & Lenox Ave.“ ermöglichte, wo er in bester Spoken-Word-Manier kritische Texte aus seinem Gedichtband rezitierte.

Schon früh widmete sich der leidenschaftliche Querulant der Systemkritik und nahm sich kein Blatt vor den Mund. Aufgrund seiner tragischen Kindheitserfahrungen beschäftigte er sich anfangs vorwiegend mit dem Stand der Afroamerikaner in der US-Gesellschaft, sympathisierte mit der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre und wandte sich in seiner kommerziellen Hochphase, die von 1975 bis 1985 stattfand, den Verwerfungen der „Dritten Welt“, insbesondere Südafrika, zu, und schmähte in ungewohnt scharfer Art den Republikaner Ronald Reagan. Als „Vulkanausbruch aus Intellektualität und Sozialkritik“ wurde er mitunter bezeichnet, die traurige Wahrheit über exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum lange ausklammernd. Obwohl Scott-Heron schon früh in seinen Songs auf diese Thematiken eingeht, ist das Bewusstsein um die Gefährlichkeit von Drogen in den 80er-Jahren noch enden wollend.

Späte Glorie
Als ihn sein Label 1985 aus dem Vertrag entlässt, verschwindet der Künstler wie von Zauberhand von der Bildfläche. Er veröffentlicht Samplerbeiträge, landet rund ums Millennium wegen Drogenbesitzes für zwei Jahre im Gefängnis und wird wenig später noch einmal eingebuchtet. Etwa zu dieser Zeit setzt sich Russell in den Kopf, einen seiner großen Helden aus dem Sumpf zu ziehen und noch einmal zu einem ungeahnten Comeback zu verhelfen. 2010 erscheint mit dem nur halbstündigen und bescheiden betitelten „I’m New Here“ das erste Werk nach 13 Jahren Studioabstinenz. Die Kritiken überschlagen sich und Jamie Smith von The xx legt ein knappes Jahr später mit „We’re New Here“ einen Remix nach, der den erdigen Blues in einen Dub-Mantel setzt und von vorne bis hinten gelungen ist. Scott-Heron erlebt die späte Ehre nur mehr marginal mit. Er wird mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert und verstirbt am 27. Mai 2011 im Alter von nur 62 Jahren. Obwohl die Todesursache nie bekannt gemacht wird, muss er wohl dem langjährigen, exzessiven Drogenmissbrauch Tribut zollen.

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von „I’m New Here“ veröffentlichen XL Recordings gleich zwei wichtige Alben, die das Vermächtnis des schwarzen Poeten hochhalten. Zum einen ist die „10th Anniversary Expanded Edition“ erhältlich, die neben dem originalen Album auch Material aus den Aufnahmesessions beinhaltet, das es nie auf das eigentliche Album geschafft hat. Russell selbst erinnert sich zurück: „Das Cover von ,Handsome Jonny’ etwa war die letzte Aufnahme am letzten Tag bei der letzten Session im Clinton Studio in Hell’s Kitchen, New York, die ich am 19. September 2009 mit Gil aufnahm. Gil hat mir damals die Originalversion vorgestellt und mir die Geschichte erzählt, wie Richie Havens ihn 40 Jahre früher in Woodstock performt hat.“ Zusätzlich befinden sich noch weitere wertvolle Cover-Outtakes auf der Wiederveröffentlichung. Zum Beispiel „Disorder“ von Joy Division und Robert Johnsons famoses Blues-Vermächtnis „Me And The Devil“. Dazu erzählt Scott-Heron mal mehr oder wenige humorige Geschichten, etwa wie aus „Jizz“ und „Ass“ am Ende Jazz wurde.

Würdiges Vermächtnis
Noch interessanter ist die nach Jamie Smith bereits zweite Neuinterpretation des Albums. „We’re New Again - A Reimagining By Makaya McCraven“ zeigt den aufstrebenden Chicagoer Jazz-Musiker, der Scott-Herons aussagekräftige Stimme mit überarbeiten Interpretationen seiner Songs zeigt. Als Musiker, Schlagzeuger, Sampler, Beatmaker und Produzent ist McCraven in der modernen Jazz-Szene nicht mehr wegzudenken. In seinem Heimstudio ließ er eine ganze Heerschar an Musikern auflaufen, um elektronische und Sample-basierte Parts zur Modernisierung des Materials zu verwenden. So ist „We’re New Again“ nicht als Ummodelung einer Kultplatte zu verstehen, sondern vielmehr als persönliche Verbeugung eines großen Künstlers der Gegenwart vor einer echten Legende aus der Vergangenheit. Beide Versionen spiegeln das große Vermächtnis Scott-Herons wieder und halten die Erinnerung an einen der wichtigsten Musiker der modernen Popkultur aufrecht.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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