02.02.2020 06:00 |

Album „Unexpected“

Marla Glen: Unerwartetes Comeback zum Sechzigsten

Ihr erster großer Auftritt vor 27 Jahren, zu den Boomzeiten von Grunge- und Alternative-Rock, war eine Sensation. Das Album „This Is Marla Glen“ katapultierte Blues, Jazz, Reggae und Soul in den Pop-Mainstream: authentische Lieder, gesungen, gekrächzt, durchlitten von einer schwarzen US-Amerikanerin mit Herrenanzug, Zigarre, Hut oder Ballonmütze. Nach längerer Pause ist Marla Glen nun zurück.

Die Sängerin war schon damals auf der Bühne eine Urgewalt. Die herausragende Platte und auch der Nachfolger „Love And Respect“ (1995) landeten in den Top-10 der deutschen Albumcharts, es gab Gold- und Platinauszeichnungen. Dann wurde es stiller um die einem exzessiven Lebenswandel nicht abgeneigte Musikerin. Was aber stets in Erinnerung blieb: Glen war in den 90er-Jahren eine der damals noch nicht ganz so zahlreichen Künstlerinnen, die ihre Homosexualität offen thematisierten. 2004 ging sie im vergleichsweise liberalen Deutschland eine Lebenspartnerschaft mit einer anderen Frau ein.

Bunte Palette
Nun veröffentlicht Marla Glen, seit dem 3. Jänner runde 60, eine neue Platte - und hat nichts verlernt, im Gegenteil. Das zu Recht so benannte, weil ziemlich unerwartete Comebackalbum „Unexpected“ liefert die typische Mixtur der Sängerin aus Chicago - erweitert um Afropop („Who‘s The Blame“), Funk („Prove All Your Lovin‘“), Disco („Groove That Thang“), sogar Hardrock („What Time Is It Till Love“) und Country-Folk („Smoking Joking Laughing“).

Ihre zärtliche Seite offenbart Glen mit der streichergesäumten Gospel-Ballade „Forever And Ever“ am Schluss. Ein stilistisch sehr vielseitiges und durchweg überzeugendes Werk also. Vor allem ist Glens Gesang noch rauer und herber geworden. Die Verlebtheit dieser kraftvoll-leidenschaftlichen Stimme ist - ähnlich wie bei ihrem Vorbild Nina Simone, aber auch bei vergleichbaren männlichen Kollegen wie Joe Cocker oder Tom Waits - der größte Reiz von „Unexpected“.

Whiskey als Medizin
„Ich brauche meine Stimme nicht zu trainieren“, sagte Glen kürzlich in einem Zeitungsinterview. „Sie ist, wie sie ist. Ab und an gurgle ich mit Whiskey. Damit halte ich die Sache am Laufen.“ Dass sie sich nicht nur als Blues-Interpretin sieht, obwohl sie eine klassische Blues-Stimme hat, begründete sie so: „Das wäre mir zu langweilig. Meine Stimme benötigt Raum für all die wundervolle Musik, die es auf dieser Welt gibt.“ Und was ihr markant-männliches Äußeres betrifft - sie sehe halt weiterhin „an manchen Tagen wie ein gefährlicher Vorstadt-Zuhälter“ aus, mache sich ansonsten aber „nie Gedanken über mein Image“.

Mit 60 Jahren scheint Marla Glen bereit zu sein für einen neuen kreativen Aufbruch nach all den Höhen und Tiefen ihrer Karriere. Dazu gehören auch eine Reihe von Konzertterminen - laut Webseite der Musikerin beginnend am 29. Mai in der Homosexuellen-Hochburg Köln, wo neben der nach wie vor fantastischen Stimme auch ihre androgyne Erscheinung für Begeisterung sorgen dürfte. Am 2. August folgt ein Auftritt beim Afrika Festival in Wien auf der Donauinsel.
Karten gibt es im Krone Ticketshop unter www.ticketkrone.at

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