24.01.2020 06:00 |

Album „Thin Mind“

Wolf Parade: 50 Prozent Magie, 50 Prozent Chaos

Nach dreijähriger Auszeit und um einen Mann dezimiert veröffentlichen die kanadischen Indie-Rocker Wolf Parade mit „Thin Mind“ endlich ihr heiß ersehntes neues Studioalbum. Die Hauptsongwriter Dan Boeckner und Spencer Krug kümmern sich mehr denn je um die Probleme der Welt und dystopische Zukunftsperspektiven. Ein wichtiges Statement in einem Zeitalter allumfassender Unsicherheiten.

Manchmal überholt einen einfach das Leben. Als die kanadischen Indie-Rocker Wolf Parade mit ihrem dritten Studioalbum „Expo 86“ vor allem in Nordamerika respektabel durchstarteten und ihr würdiges Dasein im Schatten der allmächtigen Arcade Fire ein weiteres Mal bestätigten, ging der Band die Luft aus. 2011 gab es nur mehr eine Handvoll Konzerte, dann standen die Uhren für fast fünf Jahre still. Ohne wirklich ein Ende angekündigt zu haben. „Ich lebte damals in Vancouver“, erzählt Spencer Krug im „Krone“-Gespräch, „Dan in Kalifornien und später in Montreal. Die Band brach dadurch irgendwie auseinander, ohne dass es jemals Probleme gab.“ Dan Boeckner ergänzt: „Irgendwann trafen wir uns in meinem Haus und beschlossen, die Instrumente einzustöpseln und vielleicht ein, zwei Songs zu schreiben. Das hat dann so viel Spaß gemacht, dass die Lust auf Alben und Touren automatisch kam.“

Gelebte Gleichberechtigung
Mit „Cry Cry Cry“ folgte 2017 ein durchaus adäquates Comeback, Genre- und Bandfreunde bekamen Schnappatmung und füllten die Klubs in Europa und Übersee mühelos. Wolf Parade sind zwar allein schon ob ihrer Ausrichtung ein Überbleibsel aus der Indie/Post-Punk-Ära der 00er-Jahre, haben sich musikalisch aber nie für die falsche Fahrspur entschieden und den Sound stets minimal verändert oder adaptiert. Krug und Boeckner sind dabei kongeniale „Partner in crime“. Ersterer ist meist der Experimentierfreudigere mit einem Hang zu Disco und Elektronik, Boeckner spielt zwar bei den famosen und schwer fassbaren Operators, ist bei Wolf Parade aber eher für die geradlinigeren Rocksongs zuständig. Gleichberechtigung im besten Sinne sozusagen. „Wichtig ist nur, dass sich der jeweils andere von den Songs nicht beschämt fühlt“, betont Krug, „wenn Dans Songs wieder mal zu sehr nach Tom Petty klingen, dann grätsche ich mit Synthie oder 70s-Prog rein und schon sind wir wieder originär.“

„Thin Mind“ ist nun das erste Wolf-Parade-Album in der Drei-Mann-Besetzung, nachdem sich Bassist Dante DeCaro schon vor eineinhalb Jahren dazu entschied, die Band zu verlassen und das im Februar 2019 auch offiziell verlautbarte. An der grundsätzlichen Arbeitshaltung hat sich dadurch nichts verändert und die Band pflegt ihre Legende weiter. Dem erweiterten Weltgeschehen entsprechend kanalisiert sich die Wut aber weniger auf Donald Trump und kanadische Rechtspolitiker (wie noch bei „Cry Cry Cry“), sondern vielmehr auf die Ohnmacht bezüglich gesellschaftlicher und klimatischer Entwicklungen. Das wundervoll gezeichnete Cover-Artwork entführt uns in eine Dystopie, in der die verarmten Menschen gegen unsterbliche Humancyborgs aufbegehren und das letzte Stück Garten Eden, also die Erde, verteidigen wollen. „Thin Mind“ ist gleichermaßen ein Manifest gegen die Klimakrise, das Erkalten der Zwischenmenschlichkeit und der Entmenschlichung durch die erweiterte Technologie und die grassierende „Smartphonitis“. Wie sehr ruiniert die moderne Welt nachhaltig unsere Psyche?

Magie und Chaos
Das alles verpacken Boeckner, Krug und Drummer Arlen Thompson in wunderbar zeitlose Synthie-Pop- und Indie-Rock-Songs, die gleichermaßen 2004 als auch 2020 für Tanzflächenzucken beim Zielpublikum sorgen. Dass die Nummern mittlerweile etwas glattpolierter als vor 15 Jahren klingen, ist auch der dazugewonnenen Reife geschuldet. „Früher bestand ein Konzert von uns zu 50 Prozent aus Magie und zu 50 Prozent aus Chaos“, lacht Boeckner, „als wir früher bei Festivals auftraten, bewunderten wir diese perfekten Gitarren-Cases der anderen Bands. Mir gehörte meine Gitarre oft noch nicht einmal selbst und ich habe sie in eine Decke gewickelt. Die Musik war schon okay, aber organisatorisch waren wir eine Katastrophe.“ Mit der Zeit und den unzähligen Projekten der Musiker kamen auch Routine und Erfahrung. „Wir waren richtiggehende Indie-Gören aus Montreal“, lacht Krug, „ungekämmt, dreckig und mit einer kompromisslosen Fuck-Off-Attitüde.“

Die allumfassende, hochaktuelle Themenpalette ist Wolf Parade besonders wichtig. „Die Art und Weise, wie die Menschen heute miteinander umgehen ist ein dunkler Spiegel der politischen Lage“, so Boeckner, „was die meisten Leute aber trotzdem nicht von uns wissen ist, dass die Texte bei uns immer als Allerletztes fertig sind. Es kann eben nicht jeder so ein Genie wie Leonard Cohen sein, bei dem quasi ausschließlich Poesie raussprudelte. Wir sind in erster Linie Musiker, die sich dann noch Gedanken zu diversen Themen machen.“ Immerhin - Wolf Parade machen sich Gedanken und tappen dabei nicht in die gefährliche Falle, auf biederem Populismus auszurutschen. Auch wenn „Thin Mind“ auf voller Länge nicht ganz mit der Qualität der Vorgängeralben mithalten kann, ist gerade die weltpolitische und humanistische Ausrichtung der Texte löblich zu erwähnen.

Gereifte Persönlichkeiten
Die Highlights auf dem Album haben durchwegs einen elektronischen Anstrich. Besonders hervorzuheben sind die Anti-Männlichkeits-Hymne „Julia Take Your Man Home“, die vor allem im letzten Drittel magisch durch die Gehörgänge gleitet und die 80er-Verbeugung „Against The Day“, die sich auch gut als Depeche-Mode-B-Seite machen würde. Wolf Parade erfinden das Rad mit „Thin Mind“ gewiss nicht neu, erzeugen aber durch ihre Spielfreude und die Verknüpfung der Stärken der jeweiligen Songwriter eine besondere Atmosphäre, die sie immer noch vom Gros des Genre-Mitbewerbs hervorhebt. Aus den juvenilen Chaoten sind erwachsene Weltverbesserer geworden, die nicht müde werden, ihre Musik in den Dienst der guten Sache zu stellen. Und das allein verdient Respekt und Applaus.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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