17.01.2020 06:00 |

Album „El Dorado“

Marcus King: Der junge Mann mit der alten Seele

Gerade einmal 23 Jahre jung, aber bereits mit der Lebensweisheit eines alten Hasen ausgestattet. Auf seinem Solodebüt „El Dorado“ verlässt Marcus King seine gewohnten Blues-Pfade, um sich dem schwarzen Soul der 60er zu verschrieben und ihn mit Country, Folk und einem Schuss althergebrachten R&B zu vermengen. So entsteht eine Lebensgeschichte in zwölf Kapiteln, die sich zwischen allen Gefühlsregungen einbettet. Eben so bunt wie das echte Leben.

Mit gerade einmal 23 Jahren seine Lebensgeschichte in zwölf Songs zu gießen, ist nicht unbedingt Usus im Musikbusiness. Da ist schnell von vorschneller, spätpubertärer Wichtigmacherei die Rede oder die vertonte Biografie offenbart massive Lücken, die nur naturgegerbte Lebensjahre schließen könnten. Bei Marcus King ist das freilich anders. Diesem Mann nimmt man auf seinem Solodebüt „El Dorado“ zu jeder Zeit ab, dass er schon in frühen Jahren nicht nur Unbeschwertheit und Glück, sondern auch Enttäuschungen und Pein erlebte. Eine interessante Biografie lässt sich schlussendlich nicht aus einem Alter herausschnitzen, sondern ritzt ihre Kerben in Form von Erlebnissen. Als Marcus mit zarten vier Jahren das erste Mal eine Gitarre in die Hand nimmt, ist er in seiner Familie bereits in der vierten Generation Musiker. Opa reüssierte im Country-Bereich, Vater Marvin kennt man nicht nur in der Heimat South Carolina als versierten und gut gebuchten Blues-Gitarristen.

Harte Jugend
Der jeweilige Stolz, den ein King dem nächsten zuteilwerden lässt, geht auch auf Marcus über. Die Familie kennt das Künstlerdasein und reagiert unterstützend statt zweifelnd. Dass er einmal Profimusiker werden möchte, wusste Marcus schon vor dem Eintritt in die Pflichtschule. Dort ist er mit seiner Liebe für den erdigen Handwerkssound der United States of America aber oft ein Außenseiter. Hip-Hop und R&B sind auch im Süden gefragt, und nicht die obsolete Klampferei eines jungen Blonden mit alter Seele. Die Schule sieht King als Gefängnis. Dass er bipolar ist, wird erst spät diagnostiziert und mit gerade einmal 13 Jahren verliert er seine erste große Liebe bei einem Autounfall. „Sie war das erste Mädchen, für das ich wirklich große Gefühle hatte“, erklärt er später rückblickend, „das war ein wirklich harter Moment und Songs zu schreiben war für mich die einzige Möglichkeit, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.“

Bereits mit 15 formiert er mit Gleichgesinnten die Marcus King Band und schärft sein persönliches Musikerprofil fortan ohne Unterlass. Das Netzwerk des Vaters gepaart mit seinem eigenen Talent ermöglicht Marcus schon beim Debütalbum „Soul Insight“ 2015 den Eintritt in die große Welt des Genres. Seine beneidenswerten Fertigkeiten führen Allman-Brothers-Legende Warren Haynes dazu, das Album auf seinen Evil Teen Records zu veröffentlichen. Zwei weitere Alben folgen und platzieren sich in den US-Bluescharts, live ist King mit seiner famosen Band US-weit ein gefragter Mann und sogar der oft so sperrige Black-Crowes-Musiker Chris Robinson attestiert ihm ein besonderes Talent. Es wird also Zeit, die Kindheit hinter sich zu lassen und sich zu emanzipieren. King zieht ins Country-Mekka Nashville, um dort das nächste Karrierekapitel aufzuschlagen. Dazu passt auch sein Solodebüt „El Dorado“, das den jungen Hippie von einer ganz neuen Seite zeigt.

Neue Heimat
„So sehe ich Nashville - als die Stadt des Goldes. Ich wollte mit dem Umzug der ursprünglichen Quelle meiner Musik näherkommen. Ich habe den Mietvertrag für mein Haus unterschrieben, als ich auf dem Weg hierher war. Ohne es innen überhaupt gesehen zu haben, doch wenn das Universum zu dir spricht, dann musst du zuhören.“ So wagemutig und abenteuerlich ist schlussendlich auch das Album ausgefallen. Mit Black-Keys-Hälfte Dan Auerbach hat er in seinem Easy Eye Studio nicht nur einen kongenialen Songwriter, Musiker und Produzenten, sondern auch Freund fürs Leben gefunden. Auerbach vernetzt den jungen King schnell mit geschätzten Musikern aus der Stadt und zimmert ihm eine Band zurecht, die sich perfekt für die persönlichen und offenen Songs eignen. Vom bislang gewohnten Blues-Fokus rückt King zugunsten von viel (schwarzem) Soul, altem R&B und Folk-Einflüssen ab.

Die zwölf Songs entstehen in unglaublichen drei Tagen. „Dan und ich haben dieselbe Arbeitsattitüde“, erklärt King, „wir sind beide so passioniert in Bezug auf Musik, dass wir beim Arbeiten nicht auf die Uhr schauen.“ Bei der Zusammenarbeit offenbaren sich vor allem zwei Dinge. Einerseits ist Auerbach völlig perplex, dass hinter dem „Wundergitarristen“ ein junger Mann mit einer unfassbar fragilen und gleichzeitig kraftvollen Stimme steckt, andererseits schreibt King seine Texte wie ein Großer. Es geht um das Abnabeln von zuhause, um das Erwachsenwerden, gebrochene Herzen, verlorene Freunde und das eine oder andere Glas Whiskey zu viel. All das aber nicht in Form von juvenilem Ungehorsam, sondern mit der galanten Balance eines alten Hasen, der sich in jeder Bar seiner Stadt als Stammgast bezeichnen könnte. Auf „El Dorado“ verbindet King seinen gefühlvoll-strukturierten Gesang mit teils schmerzhaften, teils amüsanten Geschichten aus seinem jungen Leben.

Sound der alten Tage
Die Vielseitigkeit zieht sich durch das gesamte Werk. So zeigt sich King im Opener-Doppel „Young Man’s Dream“ und der Single „The Well“ soulig bzw. bluesrockig, liefert mit „Beautiful Stranger“ eine intensive Ballade ab, stellt die Flüsterstimme bei „Break“ in den Vordergrund, mäandert bei „Too Much Whiskey“ im Cowboy-Rock oder verzettelt sich bei „Sweet Mariona“ etwas, weil der Track doch etwas zu stark ins US-Schlagereske geht. „El Dorado“ ist aber trotz allem eine akkurate Mischung aus all den bodenständigen und einfühlsamen Stilen, die man mit 80er-US-Roadmovies verbindet und die sich irgendwo zwischen Elvis Presley, Sam Cooke, Creedence Clearwater Revival und hemdsärmeligem Nashville-Country einigen können. Die Black Keys haben „El Camino“, King hat sein „El Dorado“ - das passt auch einfach gut zusammen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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