15.12.2019 07:00 |

Album „Fine Line“

Harry Styles: Emanzipation vom Boygroup-Image

Schubladen sind nicht sein Ding: Der frühere One-Direction-Sänger Harry Styles spielt immer wieder mit eingefahrenen Geschlechterrollen und mag es auch musikalisch flexibel. Auf seiner zweiten Soloplatte „Fine Line“ bedient der 25-Jährige erneut mehrere Genres - und löst sich endgültig vom Boygroup-Image, das ihm zu Unrecht schon viel zu lange anhaftet.

Styles, der 2010 als Teenager zusammen mit Louis Tomlinson, Niall Horan, Liam Payne und Zayn Malik in der britischen Castingshow „The X-Factor“ entdeckt wurde, passte sich dem Boygroup-Image in den folgenden Jahren problemlos an: keine Freundin, keine Skandale. 50 Millionen verkaufte Platten und mehrere Welttourneen später legten die Popmusiker („Story Of My Life“, „Drag Me Down“) 2015 eine Pause auf unbestimmte Zeit ein. Die Briten kümmerten sich um Solo-Projekte, Styles darüber hinaus um ein zweites Standbein. Im Kriegsfilm „Dunkirk“ von Christopher Nolan spielte er einen Soldaten im Zweiten Weltkrieg - ein Wechsel ins ernste Fach, den Styles musikalisch ebenfalls vollzog.

Wenig radiokonform
Auf seinem Debütalbum zeigte sich der Brite vor zwei Jahren musikalisch reif und - im Gegensatz zu One Direction - wenig radiokonform. Er überzeugte Kritiker mit verschachtelt-psychedelischen Popstücken oder der epischen Indie-Pop-Ballade „Sign Of The Times“. Auch auf den zwölf Songs des Nachfolgers gibt sich Styles facettenreich. Den eingängigen Synthie-Pop-Song „Lights Up“, die Laidback-Indie-Nummer „Watermelon Sugar“ und das radiotaugliche „Adore You“ veröffentlichte der 25-Jährige bereits vorab.

Im Video zur ersten Single „Lights Up“, das am US-amerikanischen „Coming Out Day“ erschien, tanzt der Mädchenschwarm aus der britischen Provinz lasziv oben ohne - mit Frauen und Männern. Bei Fragen von Geschlechter-Rollen und Stereotypen will sich Styles ohnehin nicht festlegen. Er spielt gern Fußball, lackiert sich die Nägel pink und ist fast vollständig tätowiert. Bei seinen Konzerten schwenkt der Brite, der mittlerweile in Los Angeles lebt, regelmäßig die Regenbogenfahne. Außerdem setzt er sich öffentlich gegen Waffengewalt, die Diskriminierung von Afroamerikanern und von Frauen ein. Es sind politische Statements, die man von Boygroup-Mitgliedern eher nicht kennt.

Selbstreflektion
Auf „Fine Line“ beschäftigt sich Styles hingegen nicht mit den großen Themen, sondern vor allem mit sich selbst. „Es dreht sich alles um Sex und darum, sich traurig zu fühlen“, erklärte er dem Musikmagazin „Rolling Stone“. In „Cherry“ verarbeitet Styles etwa die Trennung vom französischen Model Camille Rowe, mit der er ein Jahr zusammen war. Am Ende des Stücks ist die Verflossene sogar kurz zu hören. „Wir sind befreundet, also habe ich sie gefragt, ob das okay für sie ist. Und das war es“, sagte Styles im Interview mit Apple Music.

Er wolle mit seinem Nachfolgealbum noch offener und persönlicher werden, sagte Styles. Das sind Dinge, die als Sänger einer zusammengecasteten Boyband kaum möglich sind. Dennoch will Styles die Zeit mit seinen Kollegen nicht missen. „Wenn ich es nicht genossen hätte, hätte ich es nicht gemacht. Es ist nicht so, als ob ich an einer Heizung festgekettet war.“ Eine baldige Wiedervereinigung schließt er aber aus. Denn auch seine früheren Mitstreiter feiern solo längst Erfolge. Als letzter bringt im kommenden Monat Louis Tomlinson seine erste eigene Platte raus.

Live in Wien
Musikalisch ist es ohnehin schwer vorstellbar, dass sich der extrovertierte Styles, der Harry Nilsson, David Bowie und Stevie Nicks als Vorbilder hat, erneut einer kommerziell-durchformatierten Band unterwirft. Mit „Fine Line“ hat er sich jedenfalls ein weiteres Mal von seiner eigenen Vergangenheit gelöst. Am 30. Mai kommt Harry Styles das erste Mal live nach Österreich - mit King Princess in die Wiener Stadthalle. Derzeit ist das Kontingent erschöpft, eventuell lässt sich aber unter www.ticketkrone.at noch etwas finden.

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