26.11.2019 08:30 |

Steirischer Machtpoker

„House of Cards“ in der SPÖ: So brutal ist Politik

Nach dem Rücktritt von Michael Schickhofer wird sein Erbe jetzt aufgeteilt. Vorerst übernehmen Jörg Leichtfried und Anton Lang die Führung der steirischen Genossen. Die Vorgänge der vergangenen Tage sind ein Lehrstück, wie brutal und gnadenlos Politik sein kann.

Es war eine einzige Stunde am Sonntagabend, die mehr über den Zustand einer Partei sagte als viele rote Diskussionen, Wortmeldungen, Presse-Erklärungen der vergangenen Wochen und Monate: Als um 16 Uhr die erste Hochrechnung im Mediensaal der SPÖ-Parteizentrale aufflimmerte, war in den Gesichtern der Funktionäre und jener Parteigenossen, die einfach gekommen waren, um gratis weißen Spritzer, Bier und Brötchen zu konsumieren, weder Überraschung noch Enttäuschung abzulesen. Vielmehr eine Art von alter Gewohnheit, eine weitere rote Niederlage hinnehmen zu müssen, eine lässige Wurschtigkeit und heimliche Genugtuung, dass es den „Schicki“ endlich erwischt hatte.

Am Tag der Abrechnung muss man dabei sein
Von seinen früheren Schulterklopfern waren nur einige gekommen - oder sie hielten sich dezent im Hintergrund. Die Riege derer, die erste Reihe fußfrei den prognostizierten Fall des Landeshauptmannstellvertreters und einstigen Ziehsohns von Franz Voves beobachten wollten, war da schon viel größer. Am Tag der Abrechnung musste man dabei gewesen sein.

Als Michael Schickhofer sich zuerst hinter verschlossenen Türen mit Getreuen beriet, um gegen 17 Uhr den Saal zu betreten, hatten seine „Parteifreunde“ genug Zeit, sich halblaut vor Journalisten untereinander zu unterhalten und „den Schmerz hinunterzuspülen“, wie ein hochrangiger Roter bei einem Glas Rotwein lächelnd konstatierte.

Gewerkschafter wagten sich aus der Deckung
Das Wetzen der Messer war jetzt nicht mehr zu überhören - und sollte es ja auch nicht sein. Die Gewerkschafter, die sonst gerne aus der sicheren Deckung feuern, sprachen schon offen über Konsequenzen. Überraschend auch, dass der Grazer SPÖ-Chef murrte, der in der Vergangenheit selbst nicht von Erfolg gesegnet war.

Einer bemühte sich, in der einstündigen „Sedisvakanz“ die Führung zu übernehmen: Max Lercher, den Pamela Rendi-Wagner unsanft aus der Wiener Parteizentrale in der Löwelstraße befördert hatte, suchte schnell das Kameralicht.

Max Lercher: „Der Weg der Erneuerung ist zu gehen“

Erinnerungen an legendäres Rendi-Wagner-Interview
Das Bild, als Michael Schickhofer endlich den wartenden Journalisten Rede und Antwort stand, erinnerte an die schaurige Halbdunkel-Szenerie, als Pamela Rendi-Wagner vor die Kamera trat, um zu verkünden, dass die SPÖ die Regierung Kurz per Misstrauensantrag abwählen würde. Auch in Graz sammelten sich die Landesräte hinter dem Noch-Parteichef. Aber Rückenstärken sieht anders aus. Die traurig-versteinerten Mienen wirkten aufgesetzt. Man wollte wohl signalisieren: Wir im Hintergrund gehen nicht zur Tagesordnung über - egal, was der Chef da vorne sagt.

„Einmal Tacheles reden“
Noch in der Nacht nahmen rote Spitzenfunktionäre Kontakt mit der „Krone“ auf und verwiesen auf die Montags-Vorstandssitzung. „Einmal Tacheles reden“ wolle man. Seiner Demontage in aller Öffentlichkeit durch die eigene Partei kam Schickhofer am Montagvormittag zuvor. Die Sitzung am Nachmittag fand zwar in seinem Beisein, aber schon unter der Führung eines anderen statt. Standing Ovations begleiteten seinen Abgang. Beim anschließenden Medientermin offerierte man aber noch Restposten von „Steirerkolas“, die „Schicki-Mickis lieben“.

Jetzt wird gepokert
Ex-Minister und Abgeordneter Jörg Leichtfried übernahm interimistisch das Ruder, Finanzlandesrat Anton Lang wird die Regierungsverhandlungen mit der ÖVP leiten. Er liebäugelt danach mit dem Posten als Vize-Landeshauptmann. Der Machtpoker, der am Sonntag um 16 Uhr begonnen hatte, ist also noch lange nicht zu Ende. Ein weiß-grünes „House of Cards“ für Rote.

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