22.02.2019 07:00 |

Album „This Land“

Gary Clark jr.: Das gute Gewissen Amerikas

Mit seinem dritten Album „This Land“ verlässt der amerikanische Blues-Gitarrist Gary Clark jr. inhaltlich als auch textlich ausgetretene Pfade und schwingt den erhobenen Zeigefinger gegen Unrecht und Ignoranz in seiner Heimat USA. Ausschlag für das 15-Song-Kapitel starke Manifest war ein rassistischer Vorfall vor der eigenen Haustüre.

Das Leben meinte es gut mit Gary Clark jr. Im Herbst 2015 veröffentlichte er sein zweites Studioalbum „The Story Of Sonny Boy Slim“, das von Kritikern und Fans gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde und ihn endgültig zum jungen Heilsbringer des längst totgeglaubten amerikanischen Blues machte. Ein knappes Jahr später heiratete er seine australische Model-Freundin Nicole Trunfio, die beiden kauften sich eine 50-Hektar große Ranch in der Nähe von Austin, Texas, wo Clark als Kind aufwuchs. Dort hörte er im Mittelklasse-Elternhaus in den späten 80ern erstmals Curty Mayfield, Jackson 5 oder Johnny „Guitar“ Watson. Dort formte sich seine eigene Liebe zur Musik, die sich mittlerweile zu einer beachtlichen Karriere manifestierte. Doch mitten in dieser privaten Idylle im südlichen Herzen der USA, wurde Clark vor knapp zwei Jahren jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Es bricht heraus
Eines schönen Morgens trat er an die Schwelle seiner Haustür und begegnete seinem Nachbarn. Dieser fragte nonchalant, wem den dieses Anwesen gehören würde - mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass unmöglich Gary Clark jr. der Besitzer sein könnte. Ein klarer Fall von Alltagsrassismus. Flapsig formuliert und den Körper des Gefragten gnadenlos durchbohrend. Mit am „Tatort“ war Clarks Sohn Zion, der selbst ratlos und mit vielen Fragen zurückbleibt. All das, was sich in den USA in den letzten Jahren angestaut hat, erlebt der Künstler nun in Form einer lose dahingeworfenen Frage am eigenen Leib. Es erinnert ihn an die „Black Lives Matter“-Bewegung, an den Kniefall von NFL-Quarterback Colin Kapernick, der Präsident Donald Trump noch heute erzürnt und an furchtbare Ereignisse wie Charlottesville oder die Polizistenmorde an Schwarzen. In Gary Clark jr., einem eigentlich friedlichen und in sich ruhenden Mann, kocht die Wut auf und er schreibt den Song „This Land“, der Opener des gleichnamigen neuen Albums und die Initialzündung für das intensivste Werk seiner bisherigen Karriere.

Für den Titelsong geht Clark zurück in seine eigene Kindheit. Er erinnert sich daran, wie er und seine Mitschüler als Kinder einst Woody Guthries „This Land Is Your Land“ gesungen haben. „Es war wie eine Art Treueschwur für uns“, erinnert er sich in einem Interview zurück, „es ist egal, wie alt du bist, wie du aussiehst, welche Hautfarbe du hast. Wir alle sind gleich und leben in den USA, sind Amerikaner. Das geht solange gut, bis du das erste Mal in deinem Leben ,Geh doch zurück nach Afrika‘ hörst. Und egal wie du das verarbeitest, dein Leben wird von da an nie wieder dasselbe sein.“ „This Land“ ist somit ein Werk voller Emotionen, die sich aber nicht nur um Wut und Unverständnis drehen. Der 35-Jährige ließ sich den nötigen Raum, um sein Leben im Allgemeinen zu rekapitulieren und nicht nur mit Hass und Abscheu auf die negativen Seiten des Lebens zurückzublicken. Das Thema Rassismus und Gesellschaftsspaltung trieft aber nur so aus den Songs raus. Das vermitteln schon Titel wie „I Walk Alone“, „Feeling Like A Million“ oder „What About Us“.

Kampf auf der Ebene
Auch musikalisch ist Clark vielseitiger denn je. Noch mehr wagt er sich in artfremde Gefilde wie Hip-Hop, R&B oder sogar Reggae, ohne seine Wurzeln im Blues und Soul zu vernachlässigen. Dass „This Land“ im Sound stellenweise etwas glattgebügelt wird, kann man ob der inhaltlichen Schwere des Materials verschmerzen. Einmal mehr ist er, der schon mit renommierten Dinosauriern wie den Rolling Stones, Eric Burdon, Tom Petty oder Eric Clapton die Bühne teilte, der Fackelträger erdiger Gitarrenmusik, der man viel zu oft und viel zu schnell das Aussterben prophezeit. „This Land“ ist ein Manifest für Gleichberechtigung und modernen Zusammenhalt. Ein Warnschuss gegen die ansteigende Diversifizierung und das Auseinanderdriften verschiedener Kulturen. Zudem ist der Titeltrack der wohl gesellschaftspolitisch wichtigste US-Song seit Childish Gambinos letztjährigem Markstein „This Is America“. Gary Clark jr. ist Grammy-Gewinner und hat für Barack Obama im Weißen Haus gespielt - sein wichtigster Kampf findet nun aber auf der Ebene der Gesamtbevölkerung statt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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