Fr, 24. Mai 2019
22.01.2019 11:56

In USA auf Vormarsch

„Satanisten“, die aber nicht den Teufel anbeten

Dunkle Gestalten, umgedrehte Kreuze und Opferrituale mit viel Blut. Das sind die Bilder, die in den Köpfen der meisten Menschen entstehen, wenn sie von Satanismus hören. Doch damit wollen die Mitglieder des Satanischen Tempels nichts zu tun haben. Obwohl die 2012 in den USA gegründete Religionsgruppe den Namen Satan trägt, steht die Verehrung des Teufels nicht im Mittelpunkt. Vielmehr verbreiten Mitglieder alternative Interpretationen der Bibel und kämpfen für Pluralismus in der Gesellschaft. Aus einer Handvoll Mitglieder sind in wenigen Jahren Zehntausende geworden - mittlerweile auch in Europa. US-Regisseurin Penny Lane gibt in ihrem neuen Dokumentarfilm „Heil, Satan?“ überraschende Einblicke in die Welt der Neo-Satanisten.

Am Anfang wurden die Bewegung nur belächelt und die Mitglieder für einfache Spinner gehalten, die in zahlreichen Großstädten vor Regierungsgebäuden aufmarschiert waren und schwarze US-Flaggen bzw. Transparente mit „Heil, Satan“ hochhielten. Doch ihr Glaube wurde dadurch nur weiter bestärkt. Mittlerweile gibt es auch außerhalb der Vereinigten Staaten Vertretungen, etwa in Kanada, Schweden und Großbritannien.

Lane versieht ihr Werk absichtlich mit einem Fragezeichen, weil die Einordnung der neuen Religion nicht so einfach ist. „Mit jeder weiteren Schicht, die ich vom Satanischen Tempel abgeschält habe, wurde ich aufs Neue überrascht. Im Vergleich zu den erzkonservativen Christen erschienen die Satanisten wie die Erwachsenen“, so Lane gegenüber der britischen Zeitung „Daily Mail“.

Atheistische und politische Strömung
Im Unterschied zu früheren Formen des Satanismus - unter anderem die berühmte Kirche des Satan (Church of Satan) -, die sich vor allem auf den egoistischen und triebgesteuerten Charakter des Individuums konzentrieren und nicht an einen übernatürlichen Schöpfergott glauben, ist der Satanische Tempel eine sehr politische Strömung. „Sie ist eine Waffe im gerade stattfindenden Kampf der Kulturen“, meint der dänische Satanismus-Experte Jesper Aagaard Peterson im Interview mit der „Daily Mail“.

Und dieser Kampf ist für die Mitglieder des Satanischen Tempels mitunter sehr gefährlich. Die meisten Akteure treten in der Dokumentation unter Pseudonymen auf oder werden unkenntlich gemacht. Todesdrohungen und Gewalt bei Kundgebungen haben die Neo-Satanisten vorsichtiger werden lassen. Lucien Greaves, einer der Gründerväter, besucht öffentliche Veranstaltungen seiner Kirche nur mehr mit einer kugelsicheren Weste.

Kampf für eine „pluralistische Gesellschaft“
Theologe R. Andrew Chestnut sieht im Gespräch mit der britischen Zeitung Satan mehr als Metapher für diese atheistische Gruppe: „Eine neue Generation von Satanisten. Sie haben diese organisierten Rituale der Vorgänger nicht mehr.“ Ein ehemaliges Mitglied beschreibt die Ausrichtung am treffendsten: „Wenn du gottlos, frei denkend und rebellisch bist, bist du in den Augen vieler in den USA bereits ein Satanist. Ich denke, Aktivismus ist bereits eine satanistische Aktion.“ Mit anderen Worten: Die Mitglieder des Satanischen Tempels sehen den Widerstand gegen die etablierte „korrupte“ und „selbstgerechte“ Ordnung als ihren politischen Beitrag für eine „pluralistische Gesellschaft“, auch wenn viele Menschen die Aktionen nicht schätzen.

Aber auch etablierte satanistische Bewegungen üben laufend Kritik an den Aktionen und der Grundeinstellung des Satanischen Tempels. „Wie könnt ihr euch als Satanisten bezeichnen und euch gleichzeitig atheistisch geben?“, laute der Vorwurf, sagt Chestnut zur „Daily Mail“.

„Wir werden die Welt verändern“
Am meisten wurde Regisseurin Lane von den sieben Grundsätzen des Satanischen Tempels überrascht. Darin finden sich zahlreiche christliche Werte wie zum Beispiel das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, Empathie gegenüber allen Lebewesen, die Freiheitsrechte jedes Individuums und die Wiedergutmachung für erlittenes Leid. Wer gegen diese Grundsätze, die als Weg zu einer weiteren Institutionalisierung des Satanischen Tempels gewertet werden, verstößt, wird ausgeschlossen. Greaves und seine Jünger meinen in der Dokumentation, dass ihre Bewegung derzeit „noch in den Kinderschuhen steckt“. Doch auf ihre „bescheidene Art und Weise“ würden sie „die Welt verändern“.

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