Tochter (21) vermisst

Mutter: „Ich bete, dass meine Jenni noch lebt“

Österreich
22.07.2018 06:00

Vor einem halben Jahr verschwand in Wien eine junge Frau. In der „Krone“ erzählt jetzt ihre Mutter - über unerfüllte Hoffnungen und peinigende Ängste. Erstmals spricht auch der ins Visier der Polizei geratene Ex-Freund der Vermissten: „Ich bin mir sicher, es geht ihr gut.“

Manchmal, wenn die Angst zu peinigend und die Sehnsucht unerträglich wird, geht Brigitta S. in Jennifers Zimmer und legt sich in das Bett ihrer Tochter: „Dann fühle ich mich ihr extrem nahe - und ich spüre, dass sie noch lebt.“ Momente der Hoffnung, in der quälenden Ungewissheit darüber, was mit Jenni geschehen ist, am 22. Jänner 2018 - als sie spurlos verschwand.

Die 21-Jährige wurde damals gegen 12 Uhr von drei Personen gesehen, wie sie - „in heller Kleidung, ohne Tasche“ - ihre Wohnung in der Ospelgasse in Wien-Brigittenau verließ. Doch danach verliert sich ihre Spur.

Drei Zeugen sahen Jenni am Tag ihres Verschwindens beim Verlassen ihrer Wohnung in Wien - hell gekleidet und ohne Tasche. (Bild: Martina Prewein)
Drei Zeugen sahen Jenni am Tag ihres Verschwindens beim Verlassen ihrer Wohnung in Wien - hell gekleidet und ohne Tasche.

„So etwas würde nicht zu ihr passen“
Plötzlich war sie am Handy nicht mehr erreichbar, sie beantwortete weder Anrufe noch SMS. Bei einer polizeilichen Nachschau, später, bei ihr daheim, wurde das Mobiltelefon gefunden. Es lag am Couchtisch, genauso wie ihre Geldbörse mit der Bankomat- und den Kreditkarten. Ihren Reisepass ließ sie ebenfalls zurück. „Darum“, schluchzt ihre Mutter, „fällt es mir schwer zu glauben, dass sie sich freiwillig abgesetzt hat“, und ohnehin, „so etwas würde nicht zu ihr passen ...“

Wer ist, wie war Jennifer? „Ein besonderer Mensch. Positiv, hilfsbereit, klug, verlässlich.“ Die pensionierte Lehrerin erinnert sich an das Früher: „Ich war 40, Jennis Schwestern gingen schon ins Gymnasium, als sie zur Welt kam. Und natürlich wurde unsere kleine Nachzüglerin von der ganzen Familie wie eine Prinzessin behandelt.“ Jenni, „das Nesthäkchen“, nie widerfuhr ihr Böses, „vielleicht sah sie deshalb stets nur das Gute, in allem“.

Bild aus dem Familienalbum: Jenni als kleines Mädchen (Bild: Martina Prewein)
Bild aus dem Familienalbum: Jenni als kleines Mädchen
Jenni mit ihrer Mutter im Portugal-Urlaub vor einem Jahr (Bild: Martina Prewein)
Jenni mit ihrer Mutter im Portugal-Urlaub vor einem Jahr

Zuletzt „überfordert gefühlt“
Mit 16 begann sie eine Lehre bei der Sozialversicherungsanstalt, pendelte fortan zwischen ihrem Elternhaus in Niederösterreich und der Wiener Wohnung der S.s. „Nebenbei machte sie die Matura nach, danach inskribierte sie Jus.“ Zuletzt habe sie sich „überfordert gefühlt, durch den anstrengenden Job und das Studium“. „Jenni hatte ihr Leben satt, sie empfand sich unter Druck gesetzt. Sie redete oft davon, aussteigen zu wollen“, berichtet Martin K. (Name geändert), der Ex-Freund der Vermissten, im Gespräch mit der „Krone“. Seit Februar 2017 waren die beiden ein Paar, „im November darauf zog ich bei ihr ein“. Die Beziehung hätte „fabelhaft funktioniert“.

Aber am Morgen des 22. Jänner 2018 sei „Jenni plötzlich wie ausgewechselt“ gewesen: „Sie beschimpfte mich grundlos. ,Pack deine Sachen und vertschüss dich!‘ - brüllte sie mir zu, als sie zur Mittagszeit aus der Wohnung ging.“ Der 25-Jährige geriet nach Jennifers Verschwinden ins Visier der Kripo, bislang gibt es keinen Hinweis, dass er ihr etwas angetan haben könnte. „Ich vermute“, sagt er, „sie ist in Istanbul. Wir machten dort im vergangenen Herbst Urlaub, seitdem schwärmte sie ständig von dieser Stadt - und von den reichen Leuten, die wir dort kennengelernt hatten.“ Wie sollte Jenni ohne Dokumente und Barschaft in die Türkei gekommen sein? „Es gibt sicherlich Möglichkeiten, und es fehlen ja 2000 Euro aus ihrer Spardose.“

Das Selfie zeigt Jenni wenige Stunden vor ihrem mysteriösen Verschwinden in einer Garage mit ihrem Ex-Freund. (Bild: Martina Prewein)
Das Selfie zeigt Jenni wenige Stunden vor ihrem mysteriösen Verschwinden in einer Garage mit ihrem Ex-Freund.

Falsche Hinweise - und vergebliche Hoffnung
Immer wieder startet die Polizei Suchaktionen - in Wäldern, in Seen. Außerdem wird mittlerweile international nach der vermissten Österreicherin gefahndet. Hunderte Male ist ihre Familie Wege abgegangen, die Jenni kannte: „Wir recherchierten, teilweise wochenlang, auf Plätzen, an denen sie angeblich gesehen wurde. Doch alle Tipps stellten sich als falsch heraus.“ Vor Kurzem behauptete eine Steirerin, ein Kapfenberger hätte sie entführt und halte sie in seinem Haus gefangen. Genau an Jennifers 22. Geburtstag, am 7. Juni, fand eine Nachschau bei dem „Verdächtigen“ statt: „Mein geschiedener Mann, meine zwei älteren Töchter und ich“, erzählt Brigitta S., „saßen zusammen und beteten, dass Jenni endlich gefunden wird.“ Am Abend die Meldung der Beamten: Der „Beschuldigte“ sei der Ex-Freund der Anzeigerin, sie habe sich bloß an ihm rächen wollen.

Brigitta S. in ihrem Haus in Niederösterreich: „Die Ungewissheit ist kaum zu ertragen.“ (Bild: Martina Prewein)
Brigitta S. in ihrem Haus in Niederösterreich: „Die Ungewissheit ist kaum zu ertragen.“

Wurde Jennifer Opfer eines Verbrechens? Hat sie Suizid begangen - oder in der Fremde, unter einer anderen Identität, ein neues Leben begonnen? Bei den Ermittlungen zu ihrer Abgängigkeit wurden Dinge bekannt, von denen ihre Mutter nichts geahnt hatte. Etwa, dass sie auf einer Internet-Seite registriert gewesen war, über die Ferienhaus-Besitzer Aufpasser für ihre Liegenschaften suchen, gegen ein kleines Gehalt und freies Logis. Doch auch Nachforschungen in diese Richtung führten - ins Nichts. „Und niemand will wissen, wo sich Jennis geliebte Tigerdecke befindet - die mit ihr verschwunden ist ...“

So viele Fragen, die bisher unbeantwortet blieben. „Trotzdem kann und will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass es meiner Prinzessin gut geht - und dass sie irgendwann vor meiner Türe steht und sagt: ,Mami, ich bin wieder da.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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