Mo, 17. Dezember 2018

Wiener Stadthalle live

18.04.2018 01:15

30 Seconds To Mars: Beliebigkeit in Reinkultur

Mit dem neuen Erfolgsalbum „America“ im Gepäck, beehrte die US-Popband 30 Seconds To Mars nach langer Zeit wieder die Bundeshauptstadt. Vor gut 12.000 Fans zeigte das „Band-Duo“ Jared und Shannon Leto eindrucksvoll, wie man anno 2018 Kommerz ohne Herz produziert.

Ein Gedankenspiel. Welche Wertigkeit würde eine Band wie 30 Seconds To Mars haben, wenn sie nicht mit einem Oscar-Preisträger und exzentrischen Schönling aus dem Retortenkabinett Hollywoods auffahren würde? Würde man den belanglosen, immergleichen Stadionpop, der noch lange nicht groß genug für ein Stadionkonzert ist, ebenso devot zelebrieren oder sich doch eher verächtlich abwenden und auf die Suche nach Tiefgründigkeit machen? Würde das sektenartige Gebärden des Frontmannes für begeistert-heiseres Jauchzen oder ein verächtliches Wehklagen sorgen? Und würde man babyblaue Mäntel, kunterbunte Jogginghosen und hell leuchtende Glitzerjacketts immer noch cool oder doch eher peinlich finden?

Großes Brimborium
Nun liegt es im Naturell echter Rockstars, mit jeder Form von Verhalten und Stil durchzukommen und man kann Jared Leto wahrlich nicht ankreiden, die Musik für sich sprechen zu lassen. Wie bei innovationsfreien Künstlern üblich, muss auch bei 30 Seconds To Mars das große Brimborium von der klanglichen Durchschnittlichkeit ablenken. So dröhnen käsige 08/15 DJ-Beats aus den Boxen, während sich ein schwach leuchtender Sarkophag im vorderen Hallendrittel befindet und vom enthusiasmierten Publikum eingekreist wird. Mit leichter Verspätung schreitet das Brüderpaar Leto erwartet unbescheiden auf die Bühne, um das neue Album „America“ und alte Hits zu präsentieren. Frontmann Jared im zuvor erwähnten Kakadu-Outfit, Drummer Shannon in einer Art goldenen Hosenträgerstrampler, einer Elitenversion des gängigen „Blaumanns“.

Danach folgt stumpfe Beliebigkeit. „Up In The Air“ mit „oooh-ooohoo“-Rufen, bei „Kings And Queens“ wird kreativ zu „aaah-oooh-aaaahaa“ gewechselt, bevor die 46-jährige Jesus-Reinkarnation trotz brodelnder Stimmung mit beharrlicher Vehemenz auch die Sitzer zum Springen und Johlen auffordert. Kann man schon mal machen, wenn der Gott-Komplex ins Kreuz schießt. Bevor die spaßigen Riesenluftballons - bei kommerziellen Großkonzerten neben seifigem Sound und Konfettiregen längst zum wichtigsten Show-Accessoire aufgestiegen - in die Halle gepumpt werden, überrascht Leto neben seinen verbindenden Texten tatsächlich mit einem seltenen „oooo-woooo-hooo-o“-Refrain - so etwas hat man noch nicht erlebt!

Verkupplungssendung
Die grell leuchtende Bühne mit den variabel verstellbaren Reflektoren erinnet an ein pompöses Solarium, doch die Instrumentalfraktion muss im Keller spielen. Zumindest ein Keyboarder und der wechselweise Gitarrist/Bassist dürfen hinter der Bühne an den Ecken stehen und ihr rhythmisches Werk verrichten - selbstverständlich so inkognito, dass man die Strahlkraft des Brüdergespanns zu keiner Sekunde stört. Als Jared Fan Isabella auf die Bühne holt und nach ihrem Heimatort fragt, flutscht ihm ein herzhaftes „I love Amstetten“ über die Lippen - geografisch scheint der Schönling mit besonderer Österreich-Bildung gesegnet zu sein. Der Versuch, ihren Freund Benji zu einem Heiratsantrag zu überreden, scheitert glorreich. „Herzblatt“ statt Hit-Stafette.

Auf der Bühne wuseln immer wieder Sicherheitskräfte, Techniker oder der bandeigene Fotograf herum, während sich Jared von einer Ecke in die andere bewegt, um all den Jubel und die Begeisterung aufzunehmen, die seine Künstlerseele so dringend braucht, wie die Lunge Luft zum Atmen. Doch wo ist eigentlich Tomo Miličević? Der fehlt bei diesen Europa-Terminen wegen „persönlicher Probleme“ - das künstlerisch-verbale Phrasenschwein-Äquivalent zum fußballerischen „der Trainer steht nicht zur Diskussion“. So trägt das Brüderpaar alleine die nur 90-minütige Show, die mit viel Fan-Interaktion und unnötigen Songunterbrechungen gefüllt wird und ganz und gar nicht der üblichen Qualität einer Stadthallen-Band entspricht.

Spannungsloses Plätschern
Mit dem neuen Album „America“ gelang 30 Seconds To Mars der bislang größte Erfolg ihrer Karriere. In den USA landete es auf Platz zwei, in Deutschland gar erstmals auf Platz eins. Die süffisante Bestandsaufnahme und Analyse ihrer amerikanischen Heimat ist aber gleichbedeutend mit dem finalen musikalischen Ausverkauf. Von den spannenden, stets in den Mainstream schielenden Alternative-Rock-Kompositionen der Frühzeit ist nichts mehr übrig und Songs wie „Walk On Water“, „Rider“ oder „Rescue Me“ plätschern spannungslos und gleichförmig vor sich hin. Ein Song gleicht dem anderen, die Refrains sind von außerordentlicher Redundanz. Dass es anders gehen würde, das zeigt die Zwei-Mann-„Band“ nur selten. Etwa beim wundervollen, souverän gesungenen Rihanna-Cover „Stay“, dem sanften Klassiker „Hurricane“ oder den aus Kehlen 12.000 Kehlen intonierten „The Kill (Bury Me)“.

Für eine Band in derartiger Größenordnung ist all das dennoch zu viel Schein und zu wenig Sein. Bei 30 Seconds To Mars zeigt sich ganz klar, dass man kreative Leerfelder nicht immer durch eine kunterbunte Show und viel Prunk kaschieren kann. Jared Leto ist der einzige Hollywood-Schauspieler, der auch als Musiker zu einem Weltstar gereift ist, doch im 20. Jahr ihres Bestehens ruht sich die Band längst nur noch auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus und setzt auf kompositorisch Trends nacheifernde Belanglosigkeiten. Die stolz in die Höhe gereckte Österreich-Fahne bei „Do Or Die“ ist dabei nur der Gipfel der Anbiederung. Wer noch nicht genug hat oder sich vom Gegenteil überzeugen lassen will - am 1. September gibt es ein da capo mit der Band in der Grazer Stadthalle.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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