Do, 21. Juni 2018

„Krone“-Interview

24.03.2018 07:00

Thunder: Stromgitarren im dritten Frühling

Die britische Hard-Rock-Legende Thunder hat sich auch von zwei längeren Bandpausen nicht unterkriegen lassen und kreuzte auf ihrer letzten Europatour auch das erste Mal seit 23 Jahren durch Wien. Mit dem letzten Studioalbum „Rip It Up“ gelang dem Quintett ein überraschender Chart-Erfolg, das DVD/CD-Livedokument „Stage“, das in Cardiff aufgenommen wurde, zeigt eine Band, die knapp 30 Jahre nach ihrer Gründung in der Blüte ihres musikalischen Lebens steht. Gemeinsam mit Sänger und Manager Danny Bowes rekapitulierten wir die einzigartige Karriere Thunders und ließen uns so manch lustige Geschichte aus vergangenen Tagen erzählen.

„Krone“: Danny, eure Show in der Szene Wien im Jänner war hier die erste nach 23 langen Jahren. Außerdem habt ihr es mit dem letzten Studioalbum „Rip It Up“ in die britischen Charts geschafft und erlebt so etwas wie euren dritten Frühling. Wie fühlt sich das an, plötzlich wieder so viel Popularität zu verspüren?
Danny Bowes:
Wir haben wohl das richtige Timing erwischt. Manchmal kannst du die besten Alben machen, aber wenn der Zeitgeist ein anderer ist, dann wirst du scheitern. Hard Rock war lange weg, kam aber wieder zurück und wir haben den richtigen Sprung geschafft. Heute gibt es wieder wesentlich mehr Menschen, die an dieser Art von Musik interessiert sind. Manchmal kann man überhaupt nichts dafür, dass etwas klappt oder auch nicht klappt.

Mit so einem Album auf Platz drei der britischen Albumcharts zu kommen, ist wirklich respektabel, zumal unheimlich viel Konkurrenz herrscht und der Hard Rock zumindest nicht so populär ist. Was bedeuten dir nackte Zahlen wie diese?
Wir sorgen uns nicht so sehr darum, es ist vielmehr ein guter Indikator dafür, wie du allgemein bei den Leuten ankommst. Am Wichtigsten ist zu wissen, dass du einen guten Job erledigt hast und die Menschen das durch Werbemaßnahmen schon vor der Veröffentlichung mitgekriegt haben. Dann kannst du mit einem guten Verkaufsstart rechnen und hoffen, dass die Mundpropaganda noch etwas dazu bringt. Wir haben wirklich viel Glück, dass unser Comebackalbum „Wonder Days“ 2015 so gut einschlug. Denn dieses Werk hat den jetzigen Erfolg geebnet. Die Verkaufszahlen von „Rip It Up“ haben sich enorm erhöht im Vergleich zum Vorgänger und der wiederum verkaufte sich besser als „Bang!“ aus dem Jahr 2008. Das ist in England und auch in Resteuropa so – ich bin sehr dankbar, dass es so gut läuft.

Hättet ihr ein so frisch klingendes und feuriges Album wie „Rip It Up“ vor 20 Jahren schreiben können?
Nein, auf keinen Fall. Wir hätten es weder schreiben, noch spielen können. Mit jedem neuen Album lernst du Dinge über dich und die Band dazu. Das war bei uns nicht anders. Viele Bands wiederholen sich, aber bei Thunder war das nie ein Thema. Es gab niemals den Drang, einem Sicherheitskonzept zu folgen. Wir haben uns die Latte selbst immer hochgelegt. „Wonder Days“ war weniger mutig, weil es ein Comeback war. Für „Rip It Up“ haben wir lange diskutiert, wie es noch besser werden kann und so haben wir sehr hart am Material und an der Performance gearbeitet. Es gibt exemplarisch den Song „Right From The Start“, bei dem Luke mir das Demo gab und ich mir unsicher war, wie ich den Song singen kann. Ich habe einfach hart und lang daran gefeilt und bin sehr froh, dass wir den Song doch veröffentlicht haben.

Ist das Songwriting und die Zusammenarbeit mit den anderen in der Band leichter, wenn man älter wird und in seiner Persönlichkeit reift?
Man versteht sich einfach besser. Luke ist derjenige, der die Songs schreibst, aber im Endeffekt schreibt er die Nummern für die Band und nicht für sich selbst. Auch er muss uns manchmal hart davon überzeugen, dass ein Song oder eine Idee gut genug ist. Nicht immer sind seine Visionen ideal, auch wenn er das glaubt. (lacht) Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, aber es gibt kaum eine Nummer, die nicht ohne lange Diskussion fertiggestellt wird.

Vier der fünf Bandmitglieder sind trotz aller Höhen und Tiefen seit dem Beginn 1989 in der Band. Wie fühlt es sich heute an, fast 30 Jahre später immer ein Teil davon zu sein?
Wir haben einfach das Glück, dass wir als Individuen sehr gut zusammenpassen. Wir sind gute Freunde und haben immer viel zu lachen. Wir gehören nicht zu denen, die in verschiedenen Garderoben oder Bussen sitzen und nur mehr aus Vertragsgründen die Bühne teilen.

Fehlt euch heute vielleicht auch der Druck, den ihr am Karrierebeginn hattet oder den ihr euch selbst gemacht hat?
2000 haben wir die Band für zwei Jahre aufgelöst, weil wir einfach keinen Bock mehr auf Musik hatten und uns selbst nervten. Nach elf Jahren hatten wir das Gefühl, dass alles keinen Sinn mehr hätte. Die Medien haben sich nicht mehr für unsere Musik interessiert, der Grunge hatte alles niedergebrannt und wir wollten uns auch nicht ändern, um am Markt Schritt zu halten. Also haben wir es lieber gelassen. 2002 kamen wir zurück. Aber nur, weil wir ein schönes Angebot für eine Show bekamen und das Gefühl hatten, wir wären bereit dazu. Erst danach kamen die Räder wieder ins Rollen. Dann setzte sich das Internet durch und wir konnten direkt mit den Fans kommunizieren, ein eigenes Label gründen und unsere Karriere so lenken, wie wir es für richtig hielten. Für sieben, acht Jahre ging das wirklich gut, aber das Problem war, dass es eben ein Geschäft war und nicht mehr nur die Band. Das ergibt neue Möglichkeiten, aber auch mehr Druck und Unsicherheit. Du bist gefordert, viel größer zu denken. Anstatt nur an die Songs denkst du auch daran, welche Partner in welchen Ländern deine Ware vertreiben können und wie dir das hilft. Alles war ziemlich verrückt und mir wuchs das langsam über den Kopf. Die Musik trat immer mehr in den Hintergrund. Ich hatte dann eine Art nervlichen Zusammenbruch und so kam es zum zweiten Split. Seit wir jetzt das dritte Mal wieder am Leben sind, haben wir den richtigen Mittelweg zwischen Musik und Geschäft gefunden – und es geht uns besser als je zuvor.

Ist es nicht auch ein Fluch, dass die Fans heute permanente Bespaßung seitens ihrer Lieblingsbands und –künstler fordern?
Das sehe ich nicht so. Wir haben immer alles nach unseren Bedingungen gestaltet und ich bin froh, dass die Fans uns so akzeptieren wie wir sind und sehr enthusiastisch sind. Wir haben eine sehr ehrliche und aufrichtige Beziehung zu ihnen und müssen nicht krampfhaft etwas vorleben, was gar nicht so ist. Wenn etwas Gutes passiert, dann teilen wir das gerne mit ihnen. Passieren schlechte Dinge, sagen wir das ehrlich und frei heraus. Wir suchen niemals Ausreden  und gerade das macht die Beziehung zwischen uns ehrlich und gut. Man kann einfach nichts Falsches sagen, solang man authentisch ist.

Der Grunge-Vibe hat euch schon nach dem Debütalbum „Backstreet Symphony“ (1990) getroffen. Dennoch hattet ihr bis Mitte der 90er-Jahre große Erfolge mit einer damals nicht mehr zeitgemäßen Musik. Das gelang nicht vielen Bands, die nicht ohnehin in der allerersten Reihe standen…
Das ist richtig, nicht viele Bands überlebten diese Umstellung. Wir haben es lange probiert, aber es wurde immer härter. Trotz der Umstände haben wir uns lange sehr gut gehalten, aber irgendwann kommst du an einem Punkt, wo du merkst, es ist egal, wie gut dein Album ist, es wird trotzdem nicht reichen. Das war der Zeitpunkt für das erste Ende. Uns war lange sehr egal, was um uns herum passierte, solang wir eine tolle Zeit mit tollen Fans hatten. Wir haben immer unsere Chancen genutzt, die Botschaft unseres jeweils neuen Albums nach außen zu tragen. Wir waren sehr realistische, normale Menschen, die niemals dachten, dass uns die Welt etwas schulden würde. Es ging immer darum, faire Chancen zu bekommen – nach denen suchten wir aktiv.

Kamen euch nie Gedanken, was ihr alles hättet erreichen können, wärt ihr etwa 1981 mit demselben Sound auf der musikalischen Bildfläche erschienen?
Natürlich hätte es ganz anders ausgehen können, das ist klar. Wer weiß, wie weit wir damals gekommen wären? Wir waren immer eine gute Liveband und haben sehr viele Tickets verkauft. Oft hat es eben nicht mit der Band zu tun, sondern mit den Umständen um dich herum. Du kannst nicht alles kontrollieren, sondern einfach nur dein Bestes geben und hoffen, dass es sich positiv entwickelt. Am Wichtigsten ist, dass wir immer noch Spaß haben und nicht verbittert sind. Ich habe über die Jahre so viele solcher Bands getroffen und frage mich immer, warum sie denn nicht einfach aufhören. Macht doch was anderes. (lacht) Wir haben uns aber nie so gefühlt und tun das auch jetzt nicht. Als wir für „Wonder Days“ zurückgekommen sind, haben wir mindestens drei Monate lang sehr detailliert darüber gesprochen. Wir wären niemals zurückgekommen, wenn nicht jeder absolut sicher gewesen wäre, das auch zu wollen und gewisse Dinge zu ändern, die damals schlecht für uns waren. Heute verkaufen wir ziemlich viele Alben und können wieder mit anderen konkurrieren.

Habt ihr über die Jahre gelernt, euch gegenseitig und unterschiedliche Meinungen besser zu akzeptieren?
Als Band waren wir uns eigentlich immer einig. Es gab stets Diskussionen und die Mehrheit hat bei jeder Diskussion gewonnen. Demokratie war schon immer sehr wichtig. Wir sind einfach sehr gute Freunde und deshalb war das Zwischenmenschliche immer in Ordnung.

Als ihr die Band 1989 gegründet habt, wart ihr alle keine Teenager mehr und hattet viele Erfahrungen in anderen Projekten gesammelt. War diese Art von Reife wichtig, um beim Erfolg nicht gleich abzuheben?
Das ist eine gute Frage und ich habe oft darüber nachgedacht. Wir haben es immer genossen, ein Teil dieser Band zu sein. Egal ob mit großem, oder weniger großem Erfolg. Ich bin überzeugt davon, dass wir das alles wohl etwas zu stark genossen hätten, wenn wir jünger gewesen wären. Ich bin mir nicht sicher, ob wir dann noch alle so wären wie wir jetzt sind, wenn du verstehst, was ich meine. (lacht) Wir haben unsere Freuden nie in die Öffentlichkeit gestellt, aber trotzdem ein sehr tolles Leben genossen. Wir haben sicher nicht viel ausgelassen, das aber eben niemals in die Medien getragen. (lacht)

Gab es bestimmte Dinge von euren älteren Projekten, die ihr gelernt habt, um bei Thunder nicht dieselben Fehler zu machen?
Bei meiner alten Band Terraplane war es so, als würde ich in eine Schule gehen die mir sagt, wie ich garantiert keinen Erfolg haben würde. Das war irrsinnig lehrreich, ich könnte heute ein Buch darüber schreiben. Auf der ersten Seite in der ersten Zeile würde als Ratschlag stehen: „Unterschätze nicht dein Plattenlabel, wenn es unbedingt etwas von dir will“. Das wäre Kapitel eins im Buch „Wie du garantiert nicht erfolgreich bist“. Bei Thunder haben wir erstmals begonnen, alles nach unseren Köpfen zu machen und das ging nur mit der Erfahrung von davor. Wir haben damals wirklich alle guten Ratschläge in den Wind geschlagen. (lacht) Ich lernte aber immer, die Konsequenzen aus allem zu ziehen. Bist du erfolgreich, dann ist es gut. Bist du es nicht, dann kehre vor deiner eigenen Tür. Lebe und lerne, entwickle dich weiter.

Wollten dich andere bei Terraplane in eine Richtung verändern, die dir deine Authentizität genommen hätte?
Auf jeden Fall, in vielen Bereichen. Mit der Produktion, den Produzenten, den Songs, dem Styling und dem Haarschnitt. Wir hatten auch einen sehr schwachen Manager, der sich überhaupt nicht durchsetzen konnte. Wenn du aber all das überstanden und daraus gelernt hast, dann kann dir nichts mehr so schnell anhaben. Wir kamen aus dem Plattenvertrag, fanden einen guten Manager und haben uns durchgesetzt. Wir haben so viel gelernt, es war eben wie auf einer Universität.

Du bist nicht nur Sänger, sonern auch Manager von Thunder. Viele Künstler würden behaupten, diese Doppelfunktion würde sie nur in ihrer Kreativität behindern. Wie siehst du das?
Um ehrlich zu sagen – ich habe keine Ahnung. Ich mache diese beiden Seiten schon so lange, dass ich es nicht schwer finde, in zwei verschiedene Richtungen zu denken und zu planen. Ich kann den einen Hut abnehmen und den anderen aufsetzen – sehr problemlos. Ich sehe gar kein Problem darin und du müsstest jemand anderen fragen. Natürlich gibt es Tage, wo ich überhaupt keine Lust dazu habe, aber das ist ja in jedem Job so. (lacht)

2016 habt ihr ein Buch namens „Giving Away The Game“ veröffentlicht, das noch nicht auf Deutsch übersetzt wurde. Habt ihr darin euer Lebensschicksal in der Band verarbeitet?
Es geht hauptsächlich um den Start. Wie wir als Kinder waren und in Bands kamen. Das ist ein bisschen das Verrückte für mich, dass sich das Werk so stark an den frühen Tagen orientiert. Irgendwie überfliegt es viele Unsicherheiten und Turbulenzen, springt dann plötzlich nach vorne und ist in der Gegenwart. Es fühlt sich für mich so an, als wäre es zu schnell vorbei gewesen. Wir hatten aber zu wenige Seiten, wir müssen wir wohl noch eines schreiben. (lacht) 75 Prozent unserer Geschichte sind meiner Ansicht nach noch nicht erzählt.

War es schwierig, so ehrlich mit der Außenwelt zu sein und auch pikantere Themen nach vor zu kehren?
Wir haben das Buch nicht selbst geschrieben, sondern jemanden engagiert, der es gut machte. Wir haben unzählige lange Interviews mit ihm geführt und jeder erzählte ihm die Geschichten individuell. Er hat auch Ex-Mitglieder, Manager oder Plattenfirmenmitarbeiter dazu befragt und so ist es unmöglich, dass nicht die Wahrheit rauskommt. Wenn du etwas falsch erzählen würdest, würde dich sofort wer darauf aufmerksam machen. Das hätte nie geklappt. Wir haben zudem völlig vergessen, was schon alles passierte und haben total unterschiedliche Erinnerungen an bestimmte Ereignisse. (lacht) Wenn du dann gemeinsam zusammensitzt entstehen viele Diskussionen, weil jeder von der Meinung der anderen abweicht. Das war sehr verwirrend und man kommt drauf, dass man ein ziemlich löchriges Hirn hat. Dieses Jahr sind es 29 Jahre, die es die Band gibt. Luke und ich spielten vor 34 Jahren in unserer ersten Band. Es ist nicht verwunderlich, dass unsere Hirne einfach nicht mehr alle Details von damals gespeichert haben. Luke ist der mit dem Elefantengedächtnis – zum Glück, denn ich vergesse extrem viel. Alle zusammen schaffen dann aber irgendwie ein schlüssiges Gesamtbild. (lacht)

Ihr habt unlängst den Song „Christmas Day“ aufgenommen und ein paar eurer Songs in Akustikversionen umgewandelt. Hält ihr euch damit frisch? Sind das Herausforderungen, denen ihr euch gerne stellt?
Akustiksongs haben wir schon immer gespielt, das hat uns stets Spaß gemacht. Wir sind draufgekommen, dass sich viele unserer Songs dafür eignen. „Christmas Day“ haben wir während der „Wonder Days“-Session eingespielt, aber wir konnten ihn nicht auf das Album bringen. Das hätte für alle Außenstehenden impliziert, dass wir einen Song zum falschen Zeitpunkt veröffentlichen. Wenn ein Song so heißt, erwartet auch jeder einen cheesy Song mit klischeehaften Lyrics – das ist nun einmal so. Irgendwie wussten wir nie, wie wir den Song rausbringen sollten, aber letztes Jahr war der Zeitpunkt richtig, weil wir kein neues Album veröffentlichten. Außerdem wollten die Fans seit Jahren eine Akustikversion von „Love Walked In“ hören, einer unserer ältesten und beliebtesten Songs. Viele wollten ihn auf ihren Hochzeiten spielen, aber mit dem Original wäre das etwas zu brutal gewesen. (lacht) Das Original ist so lange, dir wären deine Haare ausgefallen, bevor der Song überhaupt zu Ende geht. (lacht) Nach vielen Jahren haben wir es endlich gemacht und meine Vocals-Aufnahme zu „Christmas Day“ passierte am selben Tag im letzten Sommer. Dann haben wir live in Hamburg noch Live-Akustikversionen aufgenommen, was sehr seltsam war. Die Hälfte des Publikums war mit uns im Raum, mit Kopfhörern. Die andere Hälfte war im Produktionsraum – das war sehr eigenartig für uns, hat aber geklappt. Dann haben wir noch „Heartbreak Hurricane“ akustisch aufgenommen, weil der Song sich einfach perfekt dafür eignete. Wir haben ihn komplett ausgezogen, bis er spanisch klang und ich quasi den Johnny Cash in mir hervorholen konnte, den man deutlich hören kann. Alles sehr seltsam, aber es machte immer Spaß. Wir haben früher nie darüber nachgedacht, was man nicht alles aus diesen Songs machen kann – das war ungemein lehrreich.

Du bist ja nicht nur Musiker, sondern zeit deines Lebens auch immer schon großer Fan anderer Künstler gewesen. Suchst du auch nach jungen Bands? Dem nächsten heißen Ding?
Auf jeden Fall. Wir versuchen auch immer Bands als Support mitzunehmen, die jung sind und die wir wirklich mögen. Es gelingt uns zwar nicht immer, aber wir versuchen uns vom Lobbyismus der Veranstalter und Touragenten zu lösen und uns die Bands selbst auszusuchen. (lacht) Das haben wir in den letzten Jahren sehr stark forciert. Ich habe zudem auf dem Planet Rock Radio in Großbritannien eine Radioshow, wo ich immer wieder junge Bands forciere, die ich wirklich schätze. Das gefällt den Machern dort gar nicht, denn die wollen immer, dass ich nur Klassiker auflege, aber so läuft das nicht mit mir. Feuern können sie mich auch nicht wirklich. (lacht) Warum sollte man einer jungen Band nicht helfen, wenn man die Möglichkeit dazu hat?

Speziell in den 90er-Jahren habt ihr mit den allergrößten Bands wie Aerosmith, Iron Maiden oder Extreme die Bühne geteilt. Welche Erfahrungen habt ihr dort gemacht und waren sie hilfreich für eure eigene Karriere?
Das Wichtigste, das du daraus lernst ist, dass erfolgreiche Bands sich in ihrer eigenen Haut sehr wohl fühlen. Sie wissen, was sie können und wie sie das erreicht haben und wissen auch, dass sie ein großes Publikum haben und wie sie dieses bedienen sollen. Die nicht so guten sind meist sehr unsicher und verstecken das hinter arrogantem Gehabe. Diese Bands haben uns für gewöhnlich kein zweites Mal eingeladen, weil wir die Headliner immer forderten. Wir waren darauf aus, das Publikum für uns zu gewinnen. Die Philosophie des Livespielens ist eine sehr einfache: Du gehst raus, gibst alles und gehst leer in die Garderobe zurück. Es gibt keine andere Möglichkeit für eine energiegeladene Show. Damit haben wir uns bei den Unsicheren nicht sehr beliebt gemacht, aber ich werde nicht halblang machen, nur um jemand anderes Ego zu beglücken. Das ist einfach kein Thema. Unser allererster Manager vor gefühlten Millionen Jahren, der schon in den 60ern Bands wie die Kinks begleitete, hat uns wichtige Lebensweisheiten beigebracht. Er hat uns beigebracht, wie man sich als Künstler verhält, wenn man Interviews gibt, Leute das erste Mal trifft und sich selbst richtig vorstellt. Diese Schule gibt dir eine wunderbare Grundlage für das Musikbusiness, das voller Idioten ist. Manchmal musst du darauf vorbereitet sein, diese Idioten zu tolerieren, auch wenn du es nicht willst, aber sie können deine Karriere irgendwann auch einmal pushen. Ich bin sehr dankbar für diese Ratschläge, denn viele junge Bands kriegen diese Ratschläge heute offenbar nicht mehr und führen sich auf wie Idioten. Manchmal möchte man sie am liebsten klatschen, wenn sie sich dämlich aufführen. Aber diese Erfahrungen muss jeder für sich selbst machen.

Die Medien und die Öffentlichkeit lieben doch diese rauen Künstler-Exzentriker.
Es ist die eine Sache, ob du ein Exzentriker bist und eine andere, ob du ein Idiot bist. Wenn du exzentrisch und talentiert bist, dann werden dir die Leute alles vergeben, solange du lieferst. Wenn du aber auch nichts auf die Reihe bringst und affektiert rüberkommst, dann wirst du keine lange Karriere haben. Das verzeiht dir niemand. Viele Musiker spielen einfach eine Rolle und überspitzen diese Rolle extrem.

Ihr seid nun mit dem Veröffentlichungs- und Tourenzyklus für das „Rip It Up“-Album fertig. Schreibt ihr bereits an weiteren Songs für ein nächstes Studioalbum?
Ganz ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht. Wir haben noch nicht einmal Songs geschrieben, weil wir nur unterwegs waren und es sich einfach nicht ausging. Vor allem die letzten sechs Monate waren wir permanent auf Achse und jetzt brauchen wir dringend ein paar Wochen Pause. Ich kenne mich aber gut genug um zu wissen, dass ich nicht zuhause nicht lang entspannen kann, weil es mich dann wieder in den Fingern juckt. Wir haben ein paar Ideen geboren, aber keine Agenda, sie umzusetzen. Derzeit müsst ihr wohl noch etwas Geduld haben.

War es für euch immer einfach, nicht über die Stränge zu schlagen und Bodenständigkeit zu beweisen?
Eigentlich schon, da wir uns auch immer gegenseitig in der Realität hielten. Sobald jemand auch nur den Ansatz übertriebenen, egozentrischen Verhaltens an den Tag legte, haben wir ihm das im Kollektiv wieder ausgetrieben. Diejenigen waren aber ohnehin jene, welche nicht viel Zeit in Thunder verbrachten. (lacht) Wir stellen auch keine Tourmanager ein, die babysitten, weil wir selber professionell genug sind, um zu wissen, wie wir uns auf Tour verhalten.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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