Lokalaugenschein

“Die Freier schreien quer über die Straße”

Wien
29.03.2009 20:28
Wer in Wien Prater sagt, muss auch Stuwerviertel sagen. Es war schon beinahe immer Teil der Vergnügungsmeile in der Leopoldstadt, wenn auch ihr diskreterer. In den 70er-Jahren stellte so mancher Wiener in dem Grätzel sein Auto ab, wenn er mit seinen Kindern den Wurstelprater besuchte. Was den Kindern mit Sicherheit noch unbekannt war: In den schattigen Straßen mit den alten Baumbeständen blühte die Prostitution. Und das tut sie noch immer, allen Anstrengungen der Polizei und Protesten der Anrainer zum Trotz.

Die Bemühungen der Polizei und der politisch Verantwortlichen sind schon bisher nicht wenige gewesen. So wurden vor einigen Jahren Straßensperren aus Stein aufgestellt, die verhindern sollten, dass die Freier ihre Runden drehen. Jene Autofahrer, die das Stuwerviertel benutzten, um auf Schleichwegen von der Ausstellungs- auf die Lassallestraße zu gelangen, mussten umdisponieren. Die Kunden der Gunstgewerblerinnen ließ die Maßnahme jedoch weitestgehend ungerührt.

Autofahrer auf der Suche
Jetzt wird eben umgedreht und von einer anderen Seite ins Viertel gefahren. Etwa jener Mittvierziger, der im Opel mit Korneuburger Kennzeichen bei einem Lokalaugenschein diese Woche langsam und nicht wirklich nach vorne schauend aus der Venedigerau in die Stuwerstraße einbog. Suchend scannte er den Gehsteig und fuhr dabei langsam in Richtung Wolfgang-Schmälzl-Gasse. Dort drehte er vor der Barriere um und fuhr wieder zurück zur Venedigerau. Und er war beileibe nicht der einzige. Familienkarossen, SUVs, das kleine zweisitzige Cabrio: Alle waren sie unterwegs, alle suchten.

"Passt scho', könn' ma eh schon stehen bleiben"
In den vergangenen Monaten gesellte sich zu denjenigen, die ins Stuwerviertel der Prostitution wegen kamen, eine weitere Gruppe: Parkplatz suchende Gäste der neuen Großraumdisco im Prater. Gegen 22 Uhr - mit Ende der Gültigkeit der Kurzparkzone knallen in der Regel die Autotüren: "Is' schon Zehne?" - "Passt scho', könn' ma eh schon stehen bleiben", ist so ein typischer Dialog unter den Discobesuchern.

"Die Discobesucher sind mittlerweile ärger als die Kunden der Prostituierten", erzählte eine Blumenhändlerin in dem Viertel. "Das geht in der Nacht stundenlang mit der Parkplatzsuche." 22 Jahre lebe sie schon in dem Viertel, die Prostitution habe es schon immer gegeben. Der Einzelhandel sei hier in den vergangenen Jahren jedoch ruiniert worden: "Schauen sie sich um, es gibt doch keine Geschäfte mehr hier. Nur ein paar Lokale, in denen sitzen die Zuhälter."

"Permanentes und zunehmendes Problem"
Die Prostitution im Wiener Stuwerviertel ist ein "permanentes und zunehmendes Problem", sagte Peter Goldgruber, Leiter der sicherheits- und verkehrspolizeilichen Abteilung. Wobei die Zahlen, nicht zuletzt jahreszeitlich bedingt, stark schwanken. "Manchmal stehen nur vier bis fünf Prostituierte in dem Grätzel, manchmal sind es 20."

Freier müssen mit RSA-Brief rechnen
Indem man die Zuhälter und die Kunden der Prostituierten nun verstärkt mit Sanktionen bedroht, hofft die Exekutive, das Problem nun in den Griff zu bekommen. Die Argumentation: Im Stuwerviertel ist die Prostitution nach dem entsprechenden Wiener Gesetz eigentlich zur Gänze verboten. Wer die Frauen anspricht, veranlasst sie zur Begehung einer Verwaltungsübertretung oder erleichtert ihnen dies zumindest, was unter Strafe steht. Wer einen RSA-Brief nach Hause bekommt, werde es sich in Zukunft vielleicht überlegen, in das Viertel zu fahren.

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