04.12.2008 07:16 |

Flut in Venedig

"Hochwasser-Surfer" sorgt für Aufregung

Dem Hochwasser in Venedig kann zumindest einer etwas Positives abringen: Der Holländer Duncan Zuur nutzte die Fluten, um sich einen langgehegten - nicht legalen - Traum zu erfüllen. Er zog mit dem Wakeboard auf dem überfluteten Markusplatz seine Schwünge (siehe Video) - bevor die Polizei den Spaß beendete. Venedig steht nach schweren Regenfällen zum Großteil unter Wasser. Nachdem der Wasserpegel in der Lagunenstadt auf den höchsten Stand seit 22 Jahren stieg, bleibt die Lage nach wie vor schwierig. Als der Wasserpegel der Adria am Dienstagvormittag um 1,10 Meter stieg, läuteten die Sirenen, um die Bevölkerung zu alarmieren. Es ist der vierthöchste Pegelstand der letzten hundert Jahre.

Immer wieder waren der Holländer und sein Team in den vergangenen Jahren nach Venedig gepilgert, nie reichte die Wasserhöhe. Am Dienstag musste alles blitzschnell gehen. Rechtzeitig bevor die Polizei kam, war sein Abenteuer wieder beendet. "Keine zwölf Stunden nach dem Hochwasseralarm war die gesamte Mannschaft an Ort und Stelle und einsatzbereit", erzählte Zuur. Wenige Minuten nach 11.00 Uhr, bei Hochwasserstand 1,35 Meter, was auf dem Markusplatz einem guten halben Meter entspricht, holten die Helfer die kleine, 20 PS starke Motorwinde aus dem Versteck und platzierten sie unter den Arkaden.

Ein Helfer in Gummistiefeln zog das Seil 120 Meter quer über den Platz und drückte es Duncan Zuur in die Hand, der sich inzwischen seiner Zivilkleidung entledigt hatte. Nach vier eleganten Schwüngen und anschließenden Standing Ovations der überraschten Touristen war das Event auch schon wieder vorbei.

"Venedig in ständiger Notsituation"
Obwohl es in dem von Kanälen durchzogenen Venedig immer wieder zu Überschwemmungen kommt, sprach Bürgermeister Massimo Cacciari von einem Ausnahmehochwasser. Touristen und Venezianer waten im Oberschenkel hohen Wasser über beliebte Ziele wie den Markusplatz. Stühle von Straßencafés sind praktisch ganz im Wasser verschwunden.

"Die italienischen Politiker begreifen nicht, dass Venedig in einer ständigen Notstandssituation lebt. Wir brauchen Steuerbegünstigungen für Geschäftsleute und Unternehmer und vor allem eine Infrastruktur, die Venedig gegen die Flutwellen verteidigen kann", so ein Sprecher des Hotelierverbands.

Die Lagunenstadt leide nicht nur unter immer häufigeren Überschwemmungen, sondern auch unter der abnehmenden Einwohnerzahl. Seit 1950 hat sich die Bevölkerung der Stadt um fast zwei Drittel auf 62.000 Menschen verringert.

Venedig laufe Gefahr, zu einer Museumsstadt zu werden, warnen die Hoteliers. Schon heute sei die Bevölkerung überaltert. Einer der Gründe seien die hohen Lebenshaltungskosten. Allein die Mieten seien an der Lagune 60 Prozent höher als sonst in Italien. Auch der Alarm "acqua alta" (Hochwasser) dürfte künftig immer häufiger gegeben werden. Allein in den nächsten zehn Jahren dürfte der Pegel der Adria um etliche Zentimeter steigen, sagte ein Experte. Ursache sei der Anstieg des Meeresspiegels als Folge des Treibhaus-Effekts.

Rettung ja - aber wie?
Giancarlo Galan, Präsident der Region Venetien und Vertrauensmann des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi, beschuldigte die Verwaltung Venedigs, keine Initiativen zur Rettung der Stadt zu ergreifen. Seit Langem sei vom sogenannten Projekt Mose die Rede. Doch die Errichtung einer aufblasbaren Staumauer würde noch Jahre dauern. Laut Stadtverwaltung ist dieses System von beweglichen Sperren an den drei Ausgängen der Lagune ins offene Meer der einzige Weg, um Venedig eine Zukunft zu garantieren. Sobald der Meeresspiegel steigt, sollen sich 20 Meter hohe Zylinder automatisch aufblasen. Dass Venedig gerettet werden muss, darüber ist man sich in Italien einig. Bisher scheiterte es aber am Geld und am Wie. Umweltschützer befürchten etwa, dass Mose das prekäre ökologische Gleichgewicht in der bereits stark verschmutzten Lagune zum Kippen bringen könnte.

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