Sa, 18. November 2017

Wahlverwandtschaft

02.02.2013 17:00

Haneke und Waltz: Stiefvater als Wegbegleiter

Michael Haneke und Christoph Waltz: Wahlverwandtschaft der besonderen Art. Dass der Kultregisseur und der Schauspiel-Superstar denselben Stiefvater hatten, macht neugierig. Wer also war dieser Alexander Steinbrecher, der zum Wegbegleiter gleich zweier Ausnahmetalente wurde?

Die Mitgift eines Talents muss nicht unbedingt in den Genen liegen. Wer einen jungen Menschen formt, ohne ihn zu verformen, behutsam auf Interessen einwirkt, zieht einen Schicksalskreisel auf, dessen Drehungen mitunter erstaunlich sind...

Die Entwicklung des kreativen Potentials beruht auf Geist und Blut, ist doch die mütterliche und väterliche Welt eines Kindes in erster Linie prägend. Was aber, wenn Gott Amor verschmitzt Regie führt, familiäre Konstellationen kühn vermischt und ein Mann, ein angesehener Kompositeur, so zum Stiefvater gleich zweier Giganten der österreichischen Filmlandschaft wird? Dass Michael Haneke und Christoph Waltz, beide derzeit auf Oscar-Kurs (Haneke mit seiner grandiosen Regiearbeit "Amour", Waltz mit seinem schrägen Part in Tarantinos Western-Parodie "Django"), zeitweise just denselben Stiefvater an ihrer Seite hatten, erstaunt in der Tat.

"Ich kenn' ein kleines Wegerl im Helenental"
Von Alexander Steinbrecher (1910-1982) ist hier die Rede, der die frivole Leichtigkeit des Wiener Liedes ("Ich kenn' ein kleines Wegerl im Helenental", "Zwei aus Ottakring" u. a.) in Wort und Ton mit leichter Hand zu Papier brachte, der Stars wie Peter Alexander in flotte Schlagermelodien hüllte und auch die volknahen Lustspiele eines Ferdinand Raimund oder Johann Nestroy musikalisch untermalte.

Ein Komponist - und Flaneur im Dunstkreis faszinierender Frauen. In erster Ehe mit der Schauspielerin Jane Tilden verheiratet, eine Verbindung, die später geschieden wurde, fand er in zweiter Ehe mit Michael Hanekes Mutter, der Burgschauspielerin Beatrix Degenschild, sein Glück. Durch ihn, den beschwingten Kapellmeister, entwickelte der junge Michael Haneke eine Beziehung zur klassischen Musik, ja er war eine Zeitlang sogar von dem Wunsch beseelt, Konzertpianist oder Dirigent zu werden.

Liebe zur Musik
Steinbrecher pflanzte zwar die Liebe zur Musik in das Herz des musischen Knaben, bestärkte ihn aber nicht, diese Laufbahn nach Noten einzuschlagen. Was Michael Haneke im Nachhinein trocken kommentiert: Mangelndes Genie, ja dieses hätte wohl nicht gereicht, ließe sich eben nicht durch Talent wettmachen. Ein Erklärungsasket in privaten Belangen.

Hanekes unbestrittene Musikalität findet heute auf der Klaviatur großer Emotionen ihren genialen Ausdruck. Auch die Oper reizt ihn. Bravourös seine "Don Giovanni"-Inszenierung an der Pariser Oper 2006. Und der Regiemagier erließ sich erneut für Mozarts "Cosi fan tutte" am Teatro Real in Madrid - unter Gerard Mortier - ködern.

Dass Alexander Steinbrecher noch einen anderen jungen Mann voll väterlicher Zuneigung unter seine Fittiche nehmen sollte, kam so: Nach dem Tod von Beatrix Degenschild lernte der Komponist die Mutter von Christoph Waltz kennen - und lieben, Elisabeth Urbancic - Tochter der Burgtheaterschauspielerin Maria Mayen -, auch sie eine vielschichtige Frau, die als Bühnen- und Kostümbildnerin und Graphikerin wirkte und mit Johannes Waltz (1922-1964) verheiratet gewesen war.

Christoph Waltz, der gemeinsame Sohn, fand also in Steinbrecher einen Lebensabschnittsziehvater, dem dessen darstellerische Begabung nicht verborgen blieb. Erzieherischer Freigeist ließ Waltz' Freude am Rollenspiel heranreifen...

Zwei Unangepasste
Ein bemerkenswerter Reigen rund um zwei hochbegabte Söhne, zwei Mütter mit Bühnen-Passion - und einen Komponisten, dem der Part des Ziehvaters zufallen sollte. Ein Mann, der zeitlebend zwischenmenschliche Akkorde setzte und 1982, knapp 72-jährig, in Wien verstarb - und auf dem Neustifter Friedhof seine letzte Ruhe fand. Michael Haneke und Christoph Waltz verbindet also nicht nur ihr beachtlicher Erfolg als Lichtspielkünstler - ein jeder auf seine Art -, sondern auch eine besondere Wahlverwandtschaft. Zwei, die sich der Diktatur des Angepassten konsequent widersetzen. Alexander Steinbrecher hat wohl seinen Anteil daran.

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