Das freie Wort

Die Scheinheiligkeit Europas

Viel zu selten, weil fast gar nicht, zeigen sich die Politiker Europas von ihrer verantwortungsbewussten Seite. Viel zu oft, weil leider meistens, zeigen sie sich von ihrer verantwortungslosen Seite. Und erschütternderweise zeigen sich einige von ihnen noch öfter von ihrer scheinheiligen Seite. Genau das erleben wir aktuell bei den Themen Handel und Wettrüsten. Besser gesagt, es ist wieder mal haarsträubend, was sich da gerade abspielt. Nervosität und Entsetzen werden von Angela Merkel, Jean-Claude Juncker & Co. offen zur Schau getragen. Da wagt es doch tatsächlich US-Präsident Trump, Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf Stahl- und zehn Prozent auf Aluminiumimporte anzukündigen. Und schon zeigt sich nicht nur China, sondern auch Europa von der geschockten Seite. Wie furchtbar, da versucht doch tatsächlich einer die Wirtschaft des eigenen Landes vor Billigimporten zu schützen! Einer wie Trump darf das natürlich gar nicht. Dass sich die EU selbst vor Billig-Stahl aus China schützen musste und künftig wieder vermehrt schützen muss, braucht man ja nicht an die große Glocke zu hängen. Ist ja was völlig anderes, weil man es nicht Strafzölle nennt. Heuchelei pur und aufgesetztes Entsetzen zeigen sich in der EU auch beim Thema Wettrüsten. Natürlich ist der Rüstungseifer, den Russland und die USA an den Tag legen, nicht zu verharmlosen. Natürlich ist es schockierend, wenn man sich den „Fortschritt“ der Waffentechnik vor Augen führt. Natürlich ist das ein Comeback vom sogenannten Kalten Krieg. Aber bitte von beiden Seiten, also von Putin und von Trump. Doch was macht Europas selbst ernannte Kaiserin namens Merkel? Die telefoniert umgehend mit Trump, und schnell sind sie sich einig. Das, was Putin macht, geht gar nicht. Nicht den Funken von berechtigter Kritik an den USA also. Deutschland verdrängt auch leidenschaftlich gern die Tatsache, das sich Putin durch die fortschreitende NATO-Osterweiterung zunehmend bedroht fühlt und allein dadurch selbst Signale aussendet und Zeichen setzen muss. Wie man Europa oder, besser gesagt, die EU leider kennt, übertrifft man sich in Sachen Scheinheiligkeit mal wieder selbst. Auch deshalb sehnt man sich nach dem politischen Ende von so manchen Politikern auf dem europäischen Parkett. Der Glaube samt Hoffnung auf eine Erneuerung der EU mit Chancen auf eine solide Zukunft ist aktuell wieder im „Tal der Tränen“ angekommen. Der Wunsch und die Sehnsucht nach einem Ende mit Schrecken statt einem Schrecken ohne Ende haben wieder neue, ungeahnte Höhen erreicht.

Christian Stafflinger, Linz

Erschienen am Fr, 9.3.2018

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