22.02.2017 13:32 |

Zu spät behandelt?

Schwere Vorwürfe nach Tod eines Häftlings in NÖ

"Wäre er zeitgerecht lege artis behandelt worden, wäre er noch am Leben." Mit diesen Worten lässt der Anwalt der Familie eines Häftlings, der im Dezember des Vorjahres in einem Wiener Krankenhaus starb, nun aufhorchen. Der Inhaftierte hatte einen Hodenbruch erlitten, ein geplanter OP-Termin wurde jedoch kurzfristig abgesagt. Wenig später verschlechterte sich der Zustand des 55-Jährigen derart rapide, dass er schließlich infolge eines Multiorganversagens starb. "Ich gehe davon aus, dass entweder den Anstaltsarzt oder das Spital ein Verschulden trifft", so der Jurist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Ein halbes Jahr lang soll der Häftling über starke Bauchschmerzen geklagt, vom Anstaltsarzt zunächst aber nur Schmerzmittel und Infusionen bekommen haben. Erst zwei Monate später wurde er von der Justizanstalt Hirtenberg in Niederösterreich in ein Krankenhaus nach Wien eingeliefert und näher untersucht. Ein Hodenbruch wurde diagnostiziert, für den 16. November ein Operationstermin vereinbart. Wie die Familie des 55-Jährigen erklärte, sei der Termin jedoch "angeblich aus Zeitgründen" kurzfristig "abgeblasen" worden. Der Häftling wurde daraufhin wieder zurück in die Justizanstalt gebracht.

Häftling starb an Multiorganversagen
Dort verschlechterte sich sein Zustand, der Mann wurde am 1. Dezember zur neuerlichen Behandlung ins Spital gebracht. Einen Tag später musste der 55-Jährige auf die Intensivstation verlegt werden, vier weitere Tage danach erlitt der Häftling ein Multiorganversagen. Für ihn gab es keine Rettung mehr.

"Wäre er zeitgerecht lege artis behandelt worden, wäre er noch am Leben", erklärte nun der Rechtsvertreter der Familie, Mirsad Musliu, im Gespräch mit der APA. Und weiter: "Ich gehe davon aus, dass entweder den Anstaltsarzt oder das Spital ein Verschulden trifft." Den Hinterbliebenen gehe es darum, "zu erfahren, aus welchen Gründen es zum für sie unerwarteten Tod gekommen ist", so Musliu.

"Er war kein Risikopatient", erklärte die Chefärztin der Generaldirektion für den Strafvollzug, Margit Winterleitner. Der 55-Jährige sei "in gutem Zustand" in das Spital überstellt worden und unmittelbar vor einem Routineeingriff gestorben. Vom Ableben des Mannes war man in der Justizanstalt Hirtenberg "völlig überrascht", so Winterleitner.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung
Bei der Staatsanwaltschaft Wien sind jedenfalls Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung anhängig, bestätigte Behördensprecherin Nina Bussek. Diese richten sich derzeit gegen unbekannte Täter. Von der Justiz wurde ein Obduktionsgutachten in Auftrag gegeben, das noch nicht zugestellt wurde. Die Hinterbliebenen haben sich dem Verfahren als Privatbeteiligte angeschlossen.

Sowohl das Justizministerium als auch die Justizanstalt Hirtenberg halten sich zu dem Fall unter Hinweis auf die anhängigen Ermittlungen vorerst bedeckt. "Was den Gesundheitszustand und die Behandlung des Häftlings betrifft, kann ich im Hinblick auf das laufende Verfahren keine Auskunft geben", sagte der Sprecher der Justizanstalt, Major Herbert Pusterhofer. "So ein Todesfall ist immer tragisch. In erster Linie gilt unser Mitgefühl den Hinterbliebenen."

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