Neun Jahre lang gab es kein neues Songmaterial der irischen Stadionrocker U2 zu vermelden – nun veröffentlichte man über Nacht die EP „Days Of Ash“ und lockt mit einem neuen Studioalbum später im Jahr. Wenn U2 sich melden, ist es meist schlecht um die Welt bestellt. Dafür ist es jetzt wieder ziemlich gut um U2 bestellt.
Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Je öfter das wütende Rumpelstilzchen im Weißen Haus tobt und zetert, umso stärker bilden sich Kunst und Kultur als Gegenoffensive. Die Schockstarre ob der Donald-Trump-Egoshow in den USA scheint sich in der Musikwelt langsam doch in eine Protesthaltung umzukehren. „The Boss“ Bruce Springsteen überraschte seine Fans vor wenigen Wochen mit der spontan geschriebenen Quasi-Hymne „The Streets Of Minneapolis“, der aus Puerto Rico stammende Latin-Superstar Bad Bunny hat bei der Grammy-Verleihung den Faktor Mensch hervorgekehrt und dem US-Präsidenten mit einer atemberaubenden Superbowl-Halftime-Show in Liedform den Marsch geblasen und selbst die seit nunmehr neun Jahren ohne neugeschriebenes Lied durch die Welt tingelnden U2 fühlen sich wieder bemüßigt, ihre Meinung lautstark kundzutun.
Verdorbene Jahre
Wer auch sonst? Frontmann Bono hat sich die letzten Dekaden mehr darauf konzentriert, zu Staatenlenkern, Wirtschaftstreibenden und Freiheitskämpfern aufzuschließen, als mit seiner einst so glorreichen irischen Band für musikalische Gustostückerl zu sorgen. Alben wie „No Line On The Horizon“ (2009), „Songs Of Innocence“ (2014) oder „Songs Of Experience“ (2017) waren für eine Band eines solchen Weltformats an Durchschnittlichkeit nicht zu übertreffen, dazu erinnern sich viele Fans noch immer mit Schaudern an den vielleicht dämlichsten Marketingcoup der modernen Musikgeschichte – als Bono beschloss, jeder iPhone- und Apple-Gerät-Besitzer müssen seine neue Musik ungefragt auf seinem Endgerät aufgezwungen bekommen. Im schon länger grassierenden Größenwahn des nur 1,68 Meter großen Popstars mag das vielleicht edel überlegt gewesen sein, unter den von ihm längst verlassenen Normalsterblichen machten sich Ärger und Unverständnis breit.
U2 haben sich altersgemäß zu Las-Vegas-Residency-Shows zurückgezogen, verwalten geschickt ihr beeindruckendes musikalisches Erbe und sind seit geraumer Zeit aus dem Alltagsleben entschwunden. Doch wenn die Welt an allen Ecken und Enden lichterloh brennt, kann der selbsternannte Friedensapostel Bono nicht mehr in seinem luxuriösen Küstenanwesen nahe Dublin entspannen und sich ausschließlich philanthropischen Aufgaben widmen. Kriege brechen aus wie Blumen im Frühling knospen, Trumps Anti-Migrationseinheit und Quasi-Gestapo-Behörde ICE schießt in Wildwest-Manier Bürger nieder und fernab der Medien werden bei den Protesten in Iran zigtausende Menschen ermordet. Genug Gründe, um sich wieder aus dem gesicherten Kokon der Beschaulichkeit zu schälen, denn als eine der größten Rockbands alle Zeiten wissen U2 um ihre globale Wirkmacht, mit dem Finger auf Probleme zu deuten und uns allen ins Gewissen zu rufen, dass Demokratie und Freiheit auf äußerst fragilen Beinchen tänzeln.
Die besten Songs seit langem
Mit der 6-Track-EP „Days Of Ash“ (angelehnt an den Aschermittwoch, also dem Tag nach der Faschingsgaudi) haben U2 jedenfalls alle überrascht. Noch mehr überrascht, dass man nach Dekaden der klanglichen Bedeutungslosigkeit wieder richtig Feuer im Hintern hat. Die ersten zwei Songs auf dem knapp halbstündigen Werk können qualitativ auch mit dem seligen 80er-Material mithalten. Der Opener „American Obituary“ behandelt die in Minneapolis von ICE-Soldaten erschossene Renee Nicole Good und brilliert mit durchdachter Lyrik und einer ungezwungenen, zeitlosen Rockschiene, die zuweilen ein bisschen an die Frühzeit des Brit-Pop Anfang der 90er erinnert. Wesentlich gediegener kommt das darauffolgende „The Tears Of Things“ ums Eck, in dem Hobby-Bühnenprediger Bono sich sehr kritisch mit religiösem Fanatismus auseinandersetzt und dabei eine nicht mehr erwartete Stimmkraft an den Tag legt, die wunderbar über die akustische Instrumentierung hinausreicht.
Der 2022 von iranischen Sicherheitskräften getöteten, damals 16-jährigen Demonstrantin Sarina Esmailzadeh widmet die Band „Song Of The Future“. So wichtig das Thema auch wirkt, der leichtfüßige Track ist etwas simpel und nicht zu Ende überlegt und macht den inhaltlichen Fehler, den U2-Songs schon länger machen – er erstickt förmlich in vermeint wissendem Pathos. Das von einer aus Mali stammenden Künstlern vorgetragene Gedicht „Wildpeace“ leitet über in „One Life At A Time“, wo Bono den unmöglichen Versuch wagt, eine Art Konsens zwischen Israel und Palästina zu finden. Eine löbliche Herangehensweise, bei der die Melodieseligkeit ein wenig die zwingenden Momente vermissen lässt. Weil auch eine Band wie U2 anno 2026 in die wichtigsten Playlists und zu jüngeren Menschen durchdringen muss, schließt die EP mit der Ed Sheeran-Kollaboration „Yours Eternally“, die genau so gerät, wie Ed Sheeran seit Anbeginn seiner Zeit komponiert: zugänglich, fröhlich und motivierend, aber auch beliebig und austauschbar.
Es besteht immer Hoffnung
„Days Of Ash“ ist ein nicht angekündigter Appetizer auf ein neues Studioalbum, das Bono für später im Jahr verspricht. Mehrmals sei man 2025 im Studio gewesen und hätte neben diesen dringlichen, nicht aufschiebbaren Songs auch „Songs Of Celebration“ geschrieben, wie er in einem Statement zur EP-Veröffentlichung bekanntgab - möglicherweise auch ein guter nächster Albumtitel. „Für all die Grausamkeiten, die uns auf unseren kleinen Bildschirmen als Normalität verkauft werden, arbeiten wir an den neuen Songs“, so der Sänger weiter, „es ist nichts normal an diesen verrückten Zeiten und wir müssen jetzt aufstehen und etwas tun, bevor wir wieder den Glauben an eine gute Zukunft leben können.“ Auf einigen der neuen Songs beweist Bono eindrucksvoll, dass da noch eine ganze Menge großartiger Musik in den alten irischen Leibern steckt und man sich auf ein neues Album freuen kann. Zur EP gibt es auch das Magazin „Propaganda“ (hier online lesbar), dessen Vorgänger man schon in den 80ern druckte – Politik war eben immer aktuell. Müssen U2 ihre Stimme erheben, ist es schlecht um die Welt bestellt. Dafür war es lang nicht mehr so hoffnungsvoll um die Iren bestellt …
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