Sternsingen im Alpenraum verbindet alten Volksglauben, christliche Rituale und gelebte Gemeinschaft – bis heute. Im Villgratental wurde der Brauch zum UNESCO-Kulturerbe.
In den Tagen nach Weihnachten, wenn Kälte und Dunkelheit die Täler fest im Griff haben, zieht im Alpenraum ein Brauch durch Städte und Dörfer, der sich der schnellen Zeit entzieht. Kinder – mancherorts auch Erwachsene – gehen singend von Haus zu Haus, tragen einen Stern, sprechen Segensworte. In Tirol und Südtirol ist das Sternsingen mehr als eine religiöse Geste: Es ist gelebte Volkskultur.
Historisch betrachtet ist der Brauch ein Schichtwerk.
Licht als Gegenpol zur Dunkelheit
Die christliche Erzählung der Heiligen Drei Könige bildet den sichtbaren Rahmen, doch darunter liegen ältere Ebenen. Winterliche Umzüge mit Gesang und rituellem Charakter waren im Alpenraum schon vor der vollständigen Christianisierung verbreitet. Sie dienten dem Schutz von Haus und Hof, der Erneuerung zum Jahresbeginn und der Stärkung der Gemeinschaft in der existenziell harten Jahreszeit.
Volkskundlich betrachtet wird das Sternsingen häufig in den Zusammenhang der Raunächte gestellt: Licht als Gegenpol zur Dunkelheit, als Ordnungssymbol in einer Zeit der Unsicherheit. Gerade im Alpenraum zeigt sich der Brauch in regionalen Handschriften.
Gesungener Segen, gelebte Gemeinschaft
In Teilen Osttirols, etwa im Villgratental, tragen erwachsene Sänger ruhige, archaische Lieder von Haus zu Haus – ein Brauch, der seit 2010 als immaterielles Kulturerbe anerkannt ist. Organisiert wird das Sternsingen vom Männergesangsverein Außervillgraten und dem Kirchenchor Innervillgraten. Im Unterschied zum Sternsingen der Katholischen Aktion steht nicht die wohltätige Sammelaktion im Vordergrund, sondern die menschliche Begegnung.
Vor dem Sternsingen wird mit wenigen Proben das Repertoire aufgefrischt und maximal ein neues Stück pro Jahr einstudiert. Einige davon werden seit Jahrzehnten gesungen und die Sternsinger wissen bereits, in welchen Häusern bestimmte Lieder sehr gut ankommen. Das Sternsingen endet mit Glück- und Segenswünschen für das neue Jahr.
Auf dem Rücken tragen die Sternsinger außerdem den „Stibich“ – ein Rückentraggefäß für gedroschenes Korn – zum Sammeln von Lebensmitteln und Getränken, die nach dem Sternsingen beim sogenannten „Stibichtreffen“ gemeinsam verzehrt werden. Diese Form gilt als besonders authentischer Ausdruck der lokalen Volkskultur.
Ein Brauchtum, das bis in die Gegenwart wirkt
In Nordtirol prägen Kindergruppen das Bild – oft mit alten, dialektalen Liedfassungen und festen Dorfrouten. In Südtirol ist das Sternsingen häufig eingebettet in ein geschlossenes Winterbrauchtum aus Räuchern, Haussegen und Segenssprüchen – nicht selten zweisprachig. Die Tiefe des Brauchs zeigt sich in seinen Zeichen. Die Türinschrift „C + M + B“ wird sowohl als Kürzel der Königsnamen gelesen als auch als Segensformel „Christus mansionem benedicat“. Beides existiert bis in die Gegenwart nebeneinander und verweist auf das Ineinandergreifen theologischer Deutung und volkskultureller Praxis. Auch die Gewänder erzählen davon: Ursprünglich waren die Sternsinger weniger „Könige“ als fremde, weise Gestalten, die den Menschen Schutz und Segen brachten.
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