Der renommierte Historiker Stefan Karner forschte über das Untertauchen von Sigfried Uiberreither, der NS-Gauleiter der Steiermark war und nie vor Gericht kam. 1984 starb der Kriegsverbrecher in Deutschland. Die große Frage: Wie konnte die Nazi-Größe knapp 40 Jahre lang von der Bildfläche verschwinden?
Er war Herr über die Steirer, versuchte, die slowenische Kultur in der Untersteiermark auszulöschen, fällte Todesurteile, verfolgte Tausende aus politischen und rassistischen Gründen. Als hochrangiger SA-Mann war er an der Reichspogromnacht und dem Niederbrennen der Grazer Synagoge beteiligt: Sigfried Uiberreither, der zur Zeit der NS-Schreckensherrschaft Gauleiter und Landeshauptmann der Steiermark war.
Nach dem Krieg hielten ihn viele für tot, andere glaubten an seine Flucht nach Südamerika, die ihm mithilfe der USA geglückt wäre. Die vermutete Gegenleistung für die Freiheit des NS-Kriegsverbrechers: die Grönland-Forschungsergebnisse von Uiberreithers Schwiegervater, der Alfred Wegener hieß. Nichts davon stimmte. Tatsächlich war er 1947 aus seiner Haft im Lager Dachau geflohen.
„Uiberreither wechselte seine Identität und lebte als Friedrich Schönharting unerkannt mit seiner Frau Käte und den vier Kindern in Deutschland und managte in Sindelfingen einen Industriebetrieb“, berichtet Stefan Karner, Gründer und langjähriger Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz. Der Historiker forschte jahrelang akribisch über das mysteriöse Verschwinden des ehemaligen Gauleiters und veröffentlichte nun im Leykam-Verlag ein Biografie Uiberreithers.
„Er hatte zwei Leben und mehrere Gesichter“
Das Enthüllungsbuch spürt auch der Frage nach: Wie konnte die steirische Nazi-Größe, die an Hitlers Tisch saß, knapp 40 Jahre lang – bis zu seinem Tod im Jahr 1984 – von der Justiz völlig unbehelligt von der Bildfläche verschwinden?
„Er hatte zwei Leben, mehrere Gesichter, wurde von einer Handvoll Vertrauter in Sindelfingen und Graz gedeckt“, berichtet der Professor. Anfang sei er von einem NS-Netzwerk und dem Geheimdienst geschützt worden. „Von wenigen bürokratischen Anläufen abgesehen, suchte man Uiberreither schon nach wenigen Jahren nicht mehr.“ Die Fälschungen von Geburtsurkunden und Pässen waren gelungen.
Karner war übrigens der Erste, der 1986 in seinem Buch zur Steiermark im Dritten Reich auf den Tod Sigfried Uiberreithers in Deutschland hinwies.
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