Was ist zu tun?

Noch nicht einmal volljährig, aber schon kriminell

Tirol
10.11.2024 18:00

Während immer weniger Jugendliche straffällig werden, bleibt die Zahl der Gewaltdelikte in Tirol relativ konstant. Wie kann verhindert werden, dass Teenager auf die schiefe Bahn geraten?

Jugendliche, die anderen Jugendlichen das Handy „abziehen“, schlägern, stehlen, Drogen nehmen. Wie geht man mit straffälligen Teenagern um und wie kann verhindert werden, dass sie überhaupt kriminell werden?

Um eine Einschätzung dazu baten die Tiroler Grünen das Mädchenzentrum Aranea, das Jugendzentrum Z6 und den Verein Neustart – also Einrichtungen, die sich Tag für Tag mit Jugendlichen auseinandersetzen. Der Grund: Landtagsabgeordnete Zeliha Arslan fordert mehr Präventionsangebote für Jugendliche – sowohl in der Schule als auch digital und besonders in Risikogruppen.

Die Zahl der Verurteilungen sinkt tendenziell
Die Zahl der Verurteilungen sinkt tendenziell(Bild: Krone Kreativ)

Wer zum Täter wird, war vorher meist schon Opfer 
Die sozialen Einrichtungen sind sich einig: Täterinnen und Täter sind oder waren zugleich oft Opfer von Gewalt. Daher geht es darum, Jugendlichen ein sicheres Umfeld zu bieten. Wichtige Faktoren, damit Jugendliche nicht straffällig werden, seien daher, wie das Z6 beschreibt, engagierte Eltern beziehungsweise Bezugspersonen, ein rechtmäßiger Aufenthaltstitel am Lebensmittelpunkt, eine respektvolle Begleitung durch Lehrerinnen und Lehrer, ein stabiler Freundeskreis – um nur ein paar Punkte zu nennen.

Gewalttätiges Handeln überlagere oft eigene Ohnmachtsgefühle und werde als legitime (Gegen)Reaktion verstanden.

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Junge Menschen sind nicht ausschließlich Opfer oder (Mit)Täter von Gewalt, sondern vielfach beides.

Jugendzentrum Z6

Der Verein Neustart verweist auf einen unveränderten oder sogar sinkenden Trend von Gewaltdelikten durch Jugendliche (siehe Grafik). Das komme einerseits von einer zunehmend gewaltfreien Erziehung, denn Kinder und Jugendliche, die ohne Gewalt aufwachsen, werden selber auch weniger Gewalt ausüben. Risikofaktoren stellen hingegen problematischer Konsum von Alkohol und Substanzen, ein delinquenter Freundeskreis oder Gewalterfahrung – insbesondere auch durch die Eltern – dar.

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Unterstützungsangebote für Eltern auszubauen, würde ebenfalls das familiäre System und das soziale Umfeld stärken und so eine Schutzwirkung entfalten.

Verein Neustart

Schaut man sich die Zahlen der Verurteilungen und Anzeigen an, sollte man auch beachten, dass die Anzeigenbereitschaft wächst – Gewalt wird nicht mehr normalisiert, die Aufklärungsquote steigt, die Bevölkerung wächst in jener Altersgruppe, die Anzeigenstatistik wurde 2018 auf „Mehrfachzählung“ umgestellt.

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Wir dürfen nicht erst handeln, wenn Jugendliche straffällig geworden sind, sondern müssen frühzeitig handeln. Nur durch gezielte Programme können wir Perspektiven fernab von Kriminalität bieten.

LA Zeliha Arslan, Sozialsprecherin der Tiroler Grünen

Strafmündigkeit senken sei hier keine Lösung
Der Verein Neustart verweist außerdem auf das „Schweizer Modell“. In der Schweiz ist man bereits ab zehn Jahren strafmündig. Allerdings sind bis zum Alter von 15 Jahren maximal 10 Tage „persönliche Leistung“ zu erbringen. In Österreich können bereits 14-Jährige zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden. Das Jugendstrafrecht in der Schweiz ist im Gegensatz zu Österreich „nicht tat-orientiert, sondern täterorientiert“. Das heißt, dass das entscheidende Kriterium für die Wahl der Reaktion die Situation der Jugendlichen ist, nicht die Schwere der Tat.

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Die Entscheidung des Jugendanwalts folgt also nicht dem Gedanken einer Strafe, sondern der Logik, welche Maßnahme die/den Jugendlichen davor schützt, weitere schwere Straftaten zu begehen.

Verein Neustart über das „Schweizer Modell“

Es handelt sich bei den Reaktionen auch um sozialpädagogische oder therapeutische Maßnahmen, nicht um eine Strafe. Vor dem Hintergrund wäre eine Senkung der Strafmündigkeit in Österreich keine sinnvolle Maßnahme, schlussfolgert der Verein. Die im Dringlichkeitsantrag angeführten Schwerpunkte der schulbasierten Programme, Präventionsarbeit in Risikogruppen und die digitale Präventionsarbeit wären hingegen zu begrüßen. Der Ausschluss aus der Schule sollte vermieden werden.

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