So, 19. August 2018

"Krone"-Interview

30.10.2012 19:25

Finanzcoach: "Geld ist wie Sex - und Schulden sind okay"

Weltspartag und Weltfinanzkrise: Wie geht das zusammen? Der Geldpsychologe Dr. Raimund Dietz (67) im Gespräch mit Conny Bischofberger über ein Tabu, das eine seltsame Faszination auf uns ausübt.

Ein kleines Holzhaus mit viel Glas am Rande von Perchtoldsdorf: Der Finanzcoach wohnt mit Khelims, antiken Statuen und Bildern junger bulgarischer Künstler. Eine Veranda gibt den Blick auf einen verschneiten Garten frei. In den Bücherregalen stehen reihenweise Werke zu seinem Lieblingsthema. Es heißt Geld. "Das Thema fasziniert mich, seit ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe", erklärt Dr. Raimund Dietz und serviert Kaffee mit Schlagobers. "Damals wurde mir klar, dass die Wirtschaftstheorie von Geld keine Ahnung hat." Die Forschungen (und Bücher) des Finanzcoaches handeln von der Seele des Geldes, von den Abgründen, in die es Menschen reißen kann, aber auch von der ungeheuren Macht, die jeder für sich nützen kann.

"Krone": Für 79 Prozent der Bevölkerung hat der Weltspartag keine Bedeutung mehr. Ist die Weltfinanzkrise daran schuld?
Raimund Dietz: Das Sparen muss den Menschen absurd erscheinen, weil ihr Geld durch die Krise und durch eine drohende Inflation gefährdet ist. Die Zinsen für ein Sparbuch sind heute niedriger als die Inflationsrate. Der Wunsch, vom Ersparten einmal leben zu können, hat sich als fantastische Illusion herausgestellt. Heute sind alle überschuldet.

"Krone": Die ganze Weltwirtschaft baut ja auf Schulden auf. Stimmt das Gefühl vieler Menschen, dass dieses System irgendwie zusammenbrechen muss?
Dietz: Das Gefühl stimmt. Wir sind ja 2007, 2008 haarscharf an dieser Gefahr vorbeigeschrammt. Ich stelle damals düstere Thesen auf, aber die wollte keiner hören. Ich sei ein Schwarzmaler, hieß es. Das Ganze ist nur deshalb bisher gut gegangen, weil die großen Player - Staaten und Zentralbanken - zusammenhalten. Das Volk wird mit Garantien für Sparguthaben ruhiggestellt. Aber es ist natürlich nicht so dumm, nicht zu wissen, dass sich die Staaten mit diesen Garantien übernehmen könnten oder sich bereits übernommen haben.

"Krone": Ihr Szenario?
Dietz: Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder kommt es zum Crash, dessen Gefahr ich jetzt für geringer halte als 2007. Oder es gibt ein "Soft Landing", wobei auch das weiche Runterkommen wehtun wird. Ein Mix an Maßnahmen, zu denen auch eine Umverteilung zählt, könnte die Rettung sein. So weit sind die Regierungen im Moment noch nicht. Aber der Einzelne, der kann klüger agieren.

"Krone": Reden wir also über Geld: Was ist der tiefere Sinn von Geld?
Dietz: Geld gibt uns Sicherheit, es macht uns frei und unabhängig. Man soll Geld also ernst nehmen. Geld ist wie Sex: Man soll nicht so tun, als sei es ja gar nicht so wichtig. Sondern anerkennen, dass man es braucht. Und es auch genießen (lacht).

"Krone": Wie sieht der ideale Zugang zum Geld aus?
Dietz: Positiv! Mit einem gewissen Respekt, auf alle Fälle aber sollten wir klug damit umgehen. Klug heißt: nicht mehr auszugeben, als man einnimmt.

"Krone": Das klingt sehr schön, aber wie ist es dann mit Schulden?
Dietz: Schulden sind okay. Es kommt nur auf die gesunde Balance an. Wenn ich meine Schulden nicht mehr bedienen kann, muss es menschliche Regeln aus der Schuldenfalle geben. Wenn ich aber Aussichten habe, sie bedienen zu können, brauche ich eine gute Strategie. Wer pünktlich zahlt, bei dem sollten sich die Banken auch ruhig einmal bedanken. Vielleicht könnte das ein neuer Zugang zum Weltspartag sein...

"Krone": Prämien für brave Ratenzahler?
Dietz: Gute Idee! Auf jeden Fall sollten Banken verstärkt die direkte Betreuung kultivieren, statt das Geld in computergesteuerte Programme zu stecken. Die finanzielle Gesundheit, das wirtschaftliche Wohlergehen ihrer Kunden sollte eigentlich ihr Hauptanliegen sein.

"Krone": Was können Menschen tun, bei denen die Finanzen kranken?
Dietz: Sie sollten ganz genau Buch führen, sich bei jedem kleinen Schritt überlegen, ob sie das jetzt brauchen, wo sie einsparen könnten. Es gibt ja nur die zwei Möglichkeiten: mehr einnehmen oder weniger ausgeben. Das muss jeder selbst für sich entscheiden. Wichtig ist, dass man sich die Fragen stellt. Weniger ausgeben ist oft leichter. Denn man kann auch mit erstaunlich wenig Geld auskommen.

"Krone": Warum ist dann einer der großen Träume vieler Menschen, im Lotto zu gewinnen?
Dietz: Weil einem so ein Gewinn Freiheit schenkt. Plötzlich fällt man in eine Wolke, man ist reich, kann sich alles leisten. Aber man wird nicht glücklich.

"Krone": Was ist das Geheimnis des Geldes?
Dietz: Vielleicht dieses: Geld macht dann glücklich, wenn man es verdient, und nicht, wenn es vom Himmel fällt. Das Glück kommt vom Geben, nicht vom Nehmen. Wer plötzlich unverdient Geld bekommt, der zieht den Neid an und die Gier.

"Krone": Es gibt viele Sprüche über Geld. Es sei das "Blut der Wirtschaft", regiere die Welt. Welcher ist Ihr liebster?
Dietz: Geld ist Energie, es steht für den Fluss des Lebens. Wenn diese Energie fließt, dann fließt auch wieder Geld zurück. Man muss es also loslassen können.

"Krone": Sie haben sich jahrzehntelang mit dem Thema Geld beschäftigt. Was wollen Sie am Ende erreicht haben?
Dietz: Ich möchte auf Geld als Schlüssel für alles ausreichend hingewiesen haben. Insofern würde ich mich am Ende meines Lebens gerne als Aufklärer fühlen.

Geld ist sein Metier
Geboren am 25. August 1944 als Sohn der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in Hall in Tirol. Dietz studiert Wirtschaftswissenschaften, Politik und Mathematik in Innsbruck und Berlin. Der diplomierte Volkswirt ist Konsulent für Regierungen und Nationalbanken, Finanzcoach und Autor. Sein neuestes Buch "Geld und Schuld" ist im Metropolis Verlag erschienen (29,80 Euro). Privat ist Dietz mit Monika (Psychotherapeutin) verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und fünf Enkelkinder.

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