18.09.2012 17:04 |

Neue Filme

Tilda Swinton und Meryl Streep: Eine Klasse für sich

Es gibt wirklich gute Schauspielerinnen. Und es gibt großartige: In "We Need to Talk About Kevin" und "Hope Springs - Wie beim ersten Mal" fesseln die Oscar-Preisträgerinnen Tilda Swinton und Meryl Streep mit sensationellem Rollenspiel.

Herzzerreißende Frauenporträts sind ihr die liebste Kost. In ihrem Oscar-Film "Michael Clayton" spielte Tilda Swinton ein Karrieremonster, an dem eine geradezu tollwütige Angst zu versagen nagt. Und in "Julia" gab sie eine Alkoholikerin, die morgens auf dem Rücksitz irgendeines Wagens neben irgendeinem Kerl aufwacht – und ließ uns an ihrem Seelenkater teilhaben.

Nun, in "We Need to Talk About Kevin" (ab 5. Oktober im Kino), einer Bestseller-Verfilmung nach Lionel Shriver, Regie: Lynn Ramsay, fesselt sie als Mutter, die sich verstört fragt, was sie falsch gemacht hat. Denn ihr 16-jähriger Sohn Kevin hat in der Schule ein Blutbad angerichtet – mit Pfeil und Bogen, wie ein Jäger, der sein Wild gezielt niederstreckt. Zermalmt zwischen Demütigungen, Vorwürfen und Anfeindungen, geht Tilda Swinton in der Rigorosität ihrer Darstellung an ihre Grenzen – was ihr den Europäischen Filmpreis einbrachte. Rückblenden zeigen die Stationen einer Familiengeschichte bis hin zur finalen Wahnsinnstat auf.

"Fragile Befindlichkeit unserer Gesellschaft"
Swinton: "Der Film schildert die fragile Befindlichkeit einer gefährdeten modernen Gesellschaft. Als Mutter hofft und glaubt man ja immer, seine Kinder zu kennen. Doch eigentlich ist Erziehung der pure Albtraum." Unweigerlich denkt man an das US-"Batman"-Massaker. Tilda Swinton, 51, oszilliert zwischen ohnmächtiger Fassungslosigkeit und distanzierter Scham, zeigt sich einmal mehr wandelbar, bleibt ihrem Typ aber treu. Ein androgynes Wesen, das Gesicht puristisch nackt, fällt doch schon Wimperntusche, die sie ohnehin nie trägt, für sie unter Kostümierung.

Eine Independent-Garbo, die mit Verve gegen die "zulässige Weiblichkeit" und gängige Schönheitsideale verstößt und bewusst die bleiche Projektionsfläche für die Ideen anderer gibt. Eine Expertin für Pferdewetten zudem, die einem alten schottischen Landadelsgeschlecht entstammt, das sich bis ins neunte Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Und eine Frau, die Tür an Tür mit dem 20 Jahre älteren Vater ihrer Zwillinge (Honor und Xavier, 13, Anm. d. Red.), dem Dramatiker John Byrne, wohnt, und mit dem Künstler Sandro Kopp, 35, eine anregende Liebesbeziehung unterhält. Ein evolutionäres Familienkonzept, das, scheint’s, alle glücklich macht.

Tilda Swintons Filmfigur scheitert an der Nicht-Kommunikation mit ihrem Sohn. Ein Part, der ihr als Mutter Angst macht? Swinton: "Ich habe einen guten Draht zu meinen Jungs. Noch ist das so. Man versucht ja immer, die Fehler der Eltern nicht zu wiederholen. Und macht dabei dann andere."

Meryl Streep, das Chamäleon
Meryl Streep, die dreifache Oscar-Preisträgerin, ist ein Chamäleon. Zuletzt fesselte sie in dem Polit-Biopic "Die Eiserne Lady". In "Mamma Mia" hatte sie in Latzhosen unter griechischer Sonne getanzt und gesungen (!). Nun kommt sie mit "Hope Springs – Wie beim ersten Mal" (Start am 27. September) in unsere Kinos, einem köstlichen Lehrstück in Sachen eingerostetes Eheglück. Regie: David Frankel - für ihn ging sie in "Der Teufel trägt Prada" mit der affektierten Arroganz in der Modeszene herrlich selbstironisch ins Gericht.

An der Seite von Grantscherm Tommy Lee Jones spielt sie eine Frau, die ihren Gatten zur Paartherapie bugsiert, scheint doch alle Leidenschaft nach rund 30 Jahren Eheleben erloschen. Wie die beiden auf der Therapiecouch die vertrackte Sprachlosigkeit mit ungeniert-offenen Worten und sodann angewandter Intimität in einer primitiven Absteige zu bekämpfen suchen, treibt einem die Lachtränen in die Augen.

Meryl Streep, 63, die in diesem Jahr mit ihrem Mann, dem Bildhauer Don Gummer, den 34. Hochzeitstag feiert, scheint ein Rezept für ein entspanntes Langzeitglück gefunden zu haben. Streep: "Leicht ist es sicher nicht, mit einer Schauspielerin verheiratet zu sein. Doch wer dem anderen Freiräume lässt, erntet Nähe. Und Zeit ist immer noch das Schönste, was wir einander schenken können. Auch ich muss manchmal durchatmen, innehalten. So wie ein Bauer, der sein Feld ein Jahr ruhen lässt und nichts anbaut. Und in diesen Pausen will ich meinen Mann ständig um mich haben. Früh. Mittags. Abends. Und nachts."

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