Jugendliche und Substanzkonsum - ein brisantes Thema auch in Tirol. Das belegen die steigenden Zahlen. Am kommenden Wochenende wird darauf beim 10. Kinder- und Jugendpsychiatrie Kongress Innsbruck der Fokus gelegt.
Seit Jahren sei – unter anderem verstärkt durch die Maßnahmen der Corona-Pandemie – ein „deutlich geändertes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen den Substanzmissbrauch betreffend“ zu beobachten, betonen Kathrin Sevecke, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall und Innsbruck, und Klaus Kapelari, Leitender Oberarzt an der Klinik Innsbruck für Kinder- und Jugendheilkunde. Die jungen Betroffenen mischen immer mehr Substanzen miteinander – etwa Alkohol mit Benzodiazepinen, Ketamin und Opioiden.
„Gesellschaftliche Stimmung färbt auf sie ab“
„Prinzipiell ist ihnen egal, was sie konsumieren. Es wird das genommen, was gerade zugegen ist – also völlig wahllos und ohne darauf zu schauen, wie die Substanzen untereinander wirken“, schildern Sevecke und Kapelari. „Viele erzählen uns, dass sie sich betäuben möchten. Neben oft erlebten Traumata spielt die gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit mit Krieg, Klima und Teuerung eine Rolle, die gesellschaftliche Stimmung färbt auf sie ab.“
Die Zahlen der Aufnahmen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Dunkelziffer von konsumierenden Kindern und Jugendlichen in Tirol ist deutlich höher.
Kathrin Sevecke, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Das führe vermehrt zu stationären Aufnahmen bis hin zur Intensivstation. „Stationäre Aufnahmen haben in dieser Phase deutlich zugenommen – wir sprechen hier von einer sieben- bzw. achtfachen Vermehrung“, lassen die beiden aufhorchen.
„Erwachsene verkaufen Medikamente auf Straße“
Die Beschaffenheit von illegalen Substanzen sei für Kinder und Jugendliche mittlerweile kein schwieriges Unterfangen mehr. „Über das Handy können sie im Darknet sehr unproblematisch Substanzen bestellen. Und es mehren sich die Geschichten, dass erwachsene Patienten ihre eigene Medikation – zum Beispiel Tabletten – einfach auf der Straße zu billigen Preisen verkaufen“, weiß Sevecke.
Sobald Kinder und Jugendliche mit einer Überdosis eingeliefert werden, werden sie im geschlossenen Bereich behandelt – allerdings nur so lange, wie eine Eigen- oder Fremdgefährdung gegeben ist. „Wenn diese nicht mehr vorliegt, müssen wir die Betroffenen per Gesetz auf den offenen Bereich verlegen. Ab 14 Jahren dürfen sie selbst entscheiden, ob sie dort bleiben möchten. Das erschwert es uns, macht uns hilflos“, sagt die Direktorin. Somit sei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen zu halten und ihnen Verständnis für ihr Suchtverhalten zu vermitteln.
Wir ermutigen Eltern, mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben, gemeinsam zu essen, auf Verhaltensänderungen Acht zu geben, den Freundeskreis einzuladen.
Klaus Kapelari, Leitender Oberarzt an der Klinik Innsbruck
Eltern seien ebenfalls gefordert. „Auch sie müssen in Kontakt mit ihren Kindern bleiben, auf Verhaltensänderungen schauen – etwa in der Schule oder die Körperhygiene betreffend – und den Freundeskreis im Auge behalten, diesen sogar am besten zu sich nach Hause einladen“, zählt Kapelari auf.
Im Zuge von Eltern-Gruppen lernen die Erziehungsberechtigten den richtigen Umgang mit ihren konsumierenden Kindern. Fragen wie „Gebe ich ihnen Geld für Drogen? Wie gehe ich mit Aussetzern und Gewalteskapaden um?“ werden besprochen und darauf Antworten geliefert. „Derartige Angebote sind wichtig, doch sie sind nicht Teil der Regelfinanzierung, was durchaus bedauerlich ist“, betont die Medizinerin.
Experten tauschen sich am Wochenende aus
Unbestritten ist, dass es sich hierbei um eine breite Thematik mit verschiedenen Blickwinkeln handelt. Hochkarätige Experten tauschen sich darüber am Wochenende im Zuge des 10. Kinder- und Jugendpsychiatrie Kongresses an der Klinik Innsbruck aus.
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