Ich habe meine Berufung gefunden; spät, aber doch. Ich werde Aktivist. Also für oder gegen etwas sein. Da bin ich mir nicht so sicher, ob ich das richtig verstanden habe.
Es ist ja auch nicht so, dass mich ein dringendes Anliegen überkommen wäre, aber ich habe eine tolle Entdeckung gemacht. Man kann davon leben, kann ein freiberufliches, versteuerbares Einkommen mit über 20 Wochenstunden bekommen. Das verriet jedenfalls einer jener Aktivisten, die sich derzeit an Autos, Fahrbahnen, Kunstgemälde oder sonst wohin ankleben, um für etwas zu kämpfen. Von wem er bezahlt wird, wusste er nicht so genau. Angeblich von irgendwelchen Schnöseln, die wissen, dass was gemacht gehört, aber das lieber andere machen lassen.
Egal - wenn das Gehalt pünktlich kommt Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob das auch noch neben der Pension geht, die sind ja bei uns ziemlich pingelig, was man womit dazuverdienen darf. Daher heißt es in den letzten Berufsjahren Gas geben. Der Einstieg in die Branche ist für einen Aktivisten der Mastersklasse allerdings gar nicht so einfach. Ich brauche als Gruppe zuerst einen Namen. „Letzte Generation“, wie sich die Ankleber nennen, hätte mir gefallen, ist aber schon vergeben. „Generation gestern“ könnte missverstanden werden, also eher sowas wie „Aktive Spätlese“.
Das Betätigungsfeld sollte wohl gewählt sein, man kann ja nicht mehr überall mitlaufen. Umwelt ist super, aber bei der Fridays for Future-Demo haben sie mich mit Herr Professor angesprochen. Interessiert hätte mich das Fach Vegan-Aktivist. Aber mein Versuch, mich im Supermarkt an die Extrawurst zu kleben, hat nicht wirklich was gebracht. Das Ankleben ist mir zwar geglückt, aber ich hätte die Wurst vielleicht nicht vorher an der Kassa bezahlen sollen. Irgendwie hat meine Aktion dann keinen mehr so richtig interessiert. Auch die Polizei wollte auf meine Selbstanzeige hin nicht ausrücken, um mich medienwirksam von der Wurst zu lösen.
Legalisierte Drogen? Muss ich die dann etwa selber nehmen? Kunst-Aktivisten verstehe ich nicht. Wenn ich Suppe auf Gemälde schütte, wie es jetzt in Mode gekommen ist, bekomme ich Ärger mit meiner Mutter, die mir beigebracht hat, mit Essen nicht zu spielen. Wie wäre es mit Aktivismus-Aktivist? Irgendwie ist mir das zu stressig. Vielleicht bezahl ich doch lieber einen Aktivisten dafür, dass er das für mich übernimmt: Biete freiberufliches, versteuerbares Einkommen mit 20 Wochenstunden.
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