27.12.2021 18:00 |

Interview

„Das Virus lässt sich nicht beeindrucken“

Jeder und jede kann etwas tun, um die Herausforderungen, die die Pandemie mit sich bringen, besser zu bewältigen. Was das ist, verrät Star-Psychiater Reinhard Haller im „Krone“-Interview zum Jahreswechsel.

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Krone: Sowohl das Jahr 2020 als auch 2021 hatten einige unliebsame Überraschungen parat. Warum haben wir Menschen oft so große Probleme damit, uns auf Unvorhergesehenes einzustellen?
Reinhard Haller: Veränderungen und Neues lösen immer eine gewisse Angst aus. Unsere Generation hat so etwas ja auch noch nie zuvor erlebt. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind wir von Krieg und Pandemien verschont geblieben. Corona war also vollkommen neu. Da ist die Angst auch eine natürliche Reaktion.

Krone:Corona ist noch nicht vorbei und wer weiß, was nach Omikron kommen wird. Wie sollen wir ins neue Jahr starten, welche Einstellung wäre nun hilfreich?
Haller: Ich denke, dass diese Situation für jeden, auch für mich selbst, bedrückend ist. Niemand hat damit gerechnet, dass sich die Pandemie so lange hinziehen würde. Das Ende ist nicht abzusehen, auch die Wissenschaft stößt bei Voraussagen an ihre Grenzen. Und das ist wohl ein Hauptproblem. Wichtig ist nun, die Vorsicht nicht zu verlieren und zu versuchen, eine gewisse Widerstandskraft, eine gewisse Zähigkeit aufzubauen. Jetzt braucht es Marathonqualitäten. Vielleicht lässt sich die Situation auch als Herausforderung sehen, für die man die Hemdsärmel aufkrempelt und sich nicht nur von den gefahrvollen Momenten erdrücken lässt.

Krone: Der Jahreswechsel ist für viele Menschen die Zeit der Vorsätze. Ist es überhaupt besser, sich auf das zu konzentrieren, was man noch selbst beeinflussen kann?
Haller: Bei Corona wäre dieser Bereich jener des Schutzes vor dem Virus. Psychologisch betrachtet kann auch eine Einstellungsänderung helfen: Wie heißt es so schön? Jede Krise ist auch eine Chance. Und das stimmt. Gegen das Virus an sich lässt sich ja nichts machen, aber wir können uns den Glauben erhalten, dass sich die Dinge doch noch gut entwickeln werden. Man sollte möglichst positiv und widerstandsfähig bleiben.

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Wichtig ist, die Vorsicht nicht zu verlieren und zu versuchen, eine gewisse Widerstandskraft auszubauen. Jetzt braucht es Marathonqualitäten.

Reinhard Haller

Krone: Oft wurde im vergangenen Jahr über eine Coronamüdigkeit in der Bevölkerung gesprochen. Hat man das nicht ein wenig herbeigeredet?
Haller: Nein, ich glaube, wir alle haben die Schnauze voll, aber das Virus lässt sich davon eben nicht beeindrucken. Die Pandemie wird vorbeigehen, aber es ist eine Frage der Zeit. Wichtig wäre, dass sich jeder fragt, was er oder sie jetzt tun kann. Denn die Kritik an politischen Entscheidungen in der Vergangenheit oder das Protestieren allein löst kein Problem. Der Mensch hat diesen Reflex, immer einen Schuldigen zu suchen. Wer aber alles auf Wissenschaft, auf die Politik und die Behörden projiziert, der gibt auch ein Stück weit seine eigene Verantwortung ab. Es ist schade, dass die Proteste derart ausarten, denn das ist ein zusätzliches Problem, das wir gerade überhaupt nicht brauchen können.

Krone: Die Stimmung, vor allem bei den Demonstrationen, ist extrem aufgeheizt. Woher kommt diese Wut?
Haller: Ich denke nicht, dass es Wut ist, denn Wut ist etwas Kurzfristiges und Heftiges, das auch eine befreiende Wirkung, also einen aggressionsabbauenden Effekt hat. Bei diesen Protesten aber spürt man Hass. Das köchelt schon wochenlang vor sich hin, es gibt keine befreiende Funktion. An Hass kann man auch nichts Gutes finden, kalter Hass ist auf Zerstörung ausgerichtet. Dass dieser Hass so viele Menschen ansteckt und sich fortpflanzt, macht mich zutiefst besorgt.

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Jeder kann sich fragen, was er tun kann. Kritik an politischen Entscheidungen oder das Protestieren allein löst kein Problem.

Reinhard Haller

Krone: Und woher kommt der Hass?
Haller: Hass ist ein Teil der emotionalen Grundausstattung des Menschen. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Vor den Lockdowns konnte der Hass noch anders abgebaut werden, beim Sport, auch bei Diskussionen zum Beispiel. Durch die Lockdowns wurde das teilweise unmöglich gemacht. Lange Zeit wurde der Hass auch nur im Netz ausgelebt, jetzt sucht er sich in den Massenansammlungen ein Ventil. Rettungsleute, Pfleger, Ärzte und Wissenschaftler werden dann oft zu Blitzableitern, zu Adressaten des Hasses - weil diese Menschen symbolisch für das Coronavirus stehen.

Krone: Was lässt sich gegen diesen kollektiven Hass unternehmen?
Haller: Eine wichtige und schwierige Frage. Niemand weiß so recht, was zu tun ist. Der Hass muss jedenfalls ein Stück weit unterbunden werden. Und das geht nur mit Transparenz. Auch sollte den Menschen, die bei den Protesten mitlaufen, bewusst sein, mit wem sie sich da ins „Hassbett“ legen. Zudem sind es ganz unterschiedliche Gruppen, die hier mitmarschieren. Zum einen gibt es jene, die echte Sorgen und Ängste haben - und das ist ja legitim. Zum anderen gibt es welche, die zu wenig Angst haben, die gleichgültig sind. Und dann gibt es die tonangebende Gruppe, eine kleine Gruppe, die die anderen instrumentalisiert und die die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dieser Gruppe sollte man strickt die Grenzen aufzeigen. Denn die Freiheits-Parolen müssen dort enden, wo die Freiheit der anderen beginnt, das Gleiche gilt für die Gesundheit. Die Politik sollte nun entemotionalisieren.

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Die Freiheits-Parolen müssen dort enden, wo die Freiheit der anderen beginnt. Gleiches gilt für die Gesundheit. Die Politik sollte entemotionalisieren.

Reinhard Haller

Krone: Wie sieht Ihr persönlicher Start ins neue Jahr aus? Irgendwelche Vorsätze gefasst?
Haller: Ich fasse zwar Vorsätze, aber nur kleine und unspektakuläre. Denn dann besteht die Chance, sie länger durchzuhalten - also bis zum Dreikönigstag. Letztes Jahr habe ich mir vorgenommen, mehr Wasser zu trinken, das habe ich ganz gut durchgehalten. Heuer werde ich mir vornehmen, jede Woche eine Wanderung zu unternehmen. Ein Jahr, 52 Wandertage.

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