3700 Wohnungen

Auf Straße gelandet: „Mein Wien-Appartment“ hilft

Auf der Straße kann jeder landen. „Mein Wien-Apartment“ hilft Gestrandeten seit nunmehr 50 Jahren mit einer Unterkunft.

Vorurteile sind schwer abzulegen. Die meisten denken nichts Gutes, wenn sie einen Obdachlosen auf der Straße sehen. Selber schuld, ein Alkoholiker, zu faul, um zu arbeiten. Das glaubt der Großteil, bis es ihn selbst trifft.

Plötzlich ohne Unterstützung auf der Straße
Und das kann schnell gehen. Wie bei Lena B. Die 20-Jährige lebte in einer betreuten Wohngemeinschaft. „Einen Tag nach meinem 19. Geburtstag musste ich gehen“, erzählt sie. Das ist üblich. Ohne Unterstützung steht man auf der Straße - von einem Tag auf den anderen. „Meine Betreuer haben mir lediglich den Kontakt von einem Obdachlosenheim gegeben.“ Dort hielt sie es nur zwei Wochen aus.

Ab dann hüpfte Lena ein halbes Jahr von einer Couch zur anderen. Bis es nicht mehr ging. „Ich kannte die Gruft (Anm.: Notschlafstelle der Caritas), weil ich schon mal Spenden dorthin brachte. Ich wollte aber nie selbst dort sein müssen“, schildert sie. Aber es blieb ihr keine andere Wahl. Und das war gut. Denn Mitarbeiter von „Mein Wien-Apartment“ wurden auf sie aufmerksam, boten ihr eine Wohnung an. Sechs Monate später hat sie nun einen Job und wird in Kürze mit ihrem Freund in die gemeinsame Wohnung ziehen.

3700 Wohneinheiten

... stellt der Fonds für temporäres Wohnen „Mein Wien-Apartment“ mit der Tochterfirma Migra derzeit zur Verfügung.

„Ich war zwei Jahre lang in der Gruft“
Kurt B. lebt seit einem halben Jahr in einem „Mein Wien-Apartment“. Nach 39 Jahren im Gastgewerbe brach er zusammen, kurz darauf war seine Wohnung in einem Altbau weg - von Spekulanten aufgekauft. „Ich war zwei Jahre lang in der Gruft. Vor allem im Lockdown war es schlimm. Durch das Eingesperrtsein wurden viele verrückt“, beschreibt der 60-Jährige. Durch den Fonds für temporäres Wohnen kam er von der Straße weg.

Genauso wie Andi K., der 2019 seinen Job verlor - drei Monate nachdem er sich einen Kredit auf eine Wohnung aufnahm. „Anfangs habe ich noch versucht, alles zu bezahlen. Irgendwann ging es nicht mehr“, erzählt der 52-Jährige. Und dann war auch der Lebenswille weg, zwei Selbstmordversuche hat er hinter sich. Seit Mai lebt er im Wien-Apartment, hat weniger Sorgen und eine neue Liebe gefunden. „Ich habe endlich wieder Auftrieb“, sagt er und: „Ich kenne jetzt beide Seiten - alles zu haben und nichts zu haben - und weiß, dass Obdachlosigkeit jeden treffen kann.“

Einzigartige Lösung für Menschen, die Bleibe suchen
Im Dezember 1971 wurde der Fonds für temporäres Wohnen (ehemals „Zuwandererfonds“) gegründet. Das Ziel war, den zahlreichen Gastarbeitern, die von Wiener Firmen eingeladen und gebraucht wurden, schnell und unbürokratisch Unterkünfte zur Verfügung stellen zu können. Seit Anfang an waren die vier Sozialpartner im Vorstand des Fonds vertreten.

Heute ist der Fonds unter der Marke „Mein Wien-Apartment“ bekannt und hat sein Portfolio erweitert. Nicht nur Menschen, die gerade aus beruflichen Gründen aus dem Ausland oder den Bundesländern nach Wien kommen, finden hier eine Anlaufstelle für eine schnelle und unbürokratische Wohnlösungen. Auch jene, die sich in einer prekären Situation befinden.

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Es gibt weltweit keine andere Stadt, die über eine derartige Einrichtung verfügt.

Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ)

In den letzten 50 Jahren gab der Fonds 65.000 Menschen ein temporäres Zuhause. Oft gerade dann, wenn sie es am dringendsten benötigten. „Es gibt weltweit keine andere Stadt, die über eine derartige Einrichtung verfügt“, unterstreicht Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ).

Die Wohnungen werden für sieben Monate bis fünf Jahre vergeben. Die Auslastung beträgt derzeit 95 Prozent.

Viktoria Graf
Viktoria Graf
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Donnerstag, 02. Dezember 2021
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