14.11.2021 18:00 |

Altes Handwerk

Die wohlige Wärme eines Ofens an kalten Abenden

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er dem Ofenbauer Simon Voppichler über die Schulter geschaut.

Um die Kapelle im Ortsteil Steinebuch in Egg im Bregenzerwald pfeift ein kalter Wind. Es ist ein ruhiger, fast vergessener Flecken mit sanften, aber auch steil ansteigenden Wiesen und einem offenen Blick auf die schneebedeckte Niedere. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Hals hoch. Die Luft riecht nach Schnee. Bald kommt der Winter. Wie anheimelnd der Gedanke, jetzt, in dieser kalten Zeit, einem Ofensetzer über die Schulter schauen zu dürfen. Ich klingle an der Tür einer Werkstatt im modernen Bregenzerwälder Baustil. Zwei junge Burschen steigen gerade ins Auto und sagen noch: „Der Simon kommt gleich.“ Dann brausen sie davon in Richtung Schwarzenberg.

Der Simon Voppichler kommt aber nicht. Wir warten lange. Dann taucht er auf, Handy am Ohr - Terminabklärungen. Er ist ein junger, gut aussehender Mann. Das Reden ist seine Sache nicht. Im Wald redet man nicht. Man arbeitet. Er führt uns gleich in den Schauraum, wo er uns das Exemplar eines in seiner Werkstatt gebauten, schlichten und sehr eleganten Ofens zeigt. Auch die Schlosserarbeiten haben Simon und seine drei Mitarbeiter angefertigt. „Die Schlosserei habe ich selber perfektioniert. Ich habe in der HTL in Bregenz Maschinenbau gelernt, was mir sehr zugute kommt. Jetzt können wir das komplette Stück in der hauseigenen Schlosserei bauen.“

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Ich bin ein richtiger Wälder

Simon Voppichler

Behagliche Wärme
Dietmar, meinem Fotografen, ist die Kälte vermutlich auch in die Glieder gefahren. Ob Simon den Ofen der Fotos wegen befeuern könne, fragt er. Simon stutzt, verschwindet und kommt mit Holzscheiten wieder. Im Nu entsteht eine Behaglichkeit, und wir alle stehen da wie kleine Buben, die so gern ins prasselnde Feuer blicken. „Der Name Voppichler klingt nicht gerade wälderisch“, bemerke ich. „Stimmt. Wir stammen ursprünglich aus dem Südtirol. Aber das geht bis auf die dritte Generation zurück. Ich bin ein richtiger Wälder.“ Sein Vater Ewald hat die kleine Firma vor über dreißig Jahren aufgebaut.

„Man muss sich seinen Namen schon erkämpfen“, bemerkt Simon. „Inzwischen können wir stolz darauf sein, dass ein Großteil unserer Kundschaft aus dem Bregenzerwald stammt. Mundpropaganda ist immer noch die beste Werbung.“ Er zeigt uns jetzt die Schlosserei, wo es so sauber und aufgeräumt aussieht, dass man vom Boden essen könnte. Jedes Werkzeug hat seinen Platz. Genauigkeit und Bedachtsamkeit zeichnen die Voppichlers aus. Alles hat seinen Platz und seine Ordnung.

Dann geht es auf eine Baustelle in Schwarzenberg, wo gerade ein über 200 Jahre alter Kachelofen wieder aufgebaut wird. Er ist deshalb so besonders, weil er aus der berühmten Keramikwerkstatt Geser stammt. Mit unendlicher Sorgfalt wurden die alten Kacheln ausgebaut und gereinigt. Jetzt liegen sie ausgelegt auf dem Boden. Die Grundplatte aus Sandstein steht bereits, und die erste Reihe der Kacheln ist gesetzt, ausschamottiert und mit der Hafnerzange geklammert. „Jede Kachel wird einzeln vermessen, denn nach dem Abbau passen die Kacheln nicht mehr sauber zusammen.“ Wir treffen jetzt auch wieder die beiden Burschen vom Anfang. Es sind Simons Bruder Tobias, der gerade die Gesellenprüfung mit Auszeichnung bestanden hat und Lehrling Marc, der aus der Werkraumschule kommt und jetzt im zweiten Lehrjahr ist.

Kompliziertes Innenleben
Ein historischer Kachelofen hat ein kompliziertes Innenleben aus Schamottsteinen und Feuerraum, von dem aus Kanäle angelegt werden. Das ist eine Art Zugsystem, das durch den gesamten Ofen geführt wird. So wird die Energie ausgeklügelt an die Schamotte und Kacheln abgegeben, weshalb die Wärme bis zu zwölf Stunden anhält. „Die Alten wussten schon, wie man brennstoffsparend heizt.“

Der Kachelofen war in früheren Zeiten aber nicht nur zum Beheizen der guten Stube da, während in den Schlafkammern, den Gaden, die Eisrosen an der Fensterinnenseite erblühten. Er wurde vielseitig verwendet, diente zum Erwärmen von Kirschkernkissen oder zum Trocknen der Wäsche. In einem eingebauten Wärmefach wurden Speisen warm gehalten. Am Gumpiga Donnschtig, dem fast vergessenen Brauchtum des Bratenstehlens am letzten Donnerstag in der Faschingszeit, konnte es passieren, dass sich der Braten plötzlich in Luft aufgelöst hatte, denn in den Bauernhäusern wurden zur damaligen Zeit die Haustüren bekanntlich nicht abgeschlossen. Auf der Bank vor dem wärmenden Kachelofen verbrachten die Großeltern ihre letzten Jahre, wie es oft erzählt wird. Damals lebten alle Generationen noch in einem Haushalt.

Ein anrührendes Objekt, das die Voppichlers da wieder aufbauen, mit so viel Geschichte und auch Geschichten, die man sich dort wohl erzählt hat, und die nur zu selten aufgeschrieben wurden. Man spürt den Respekt dieser Handwerker vor der Kunst der Altvorderen. Auch wenn die jungen Männer wenig reden, an der Behutsamkeit, wie sie die Kacheln in die Hand nehmen, lässt sich eine große Wertschätzung erkennen.

Robert Schneider
Robert Schneider
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