30.10.2021 06:01 |

Hilferuf des Personals

Was es braucht, um die Pflegekrise zu lösen

Zu viel Stress, zu wenig Personal, keine Planbarkeit und vor allem keine Aussicht auf Besserung: Die Probleme im Pflegebereich sind längst bekannt. Zwölf Organisationen haben sich jetzt zusammengetan und fordern von der Politik endlich rasch konkrete Maßnahmen.

Gesperrte Betten in Pflegeheimen, Wartelisten in der Hauskrankenpflege, geschlossene Stationen in Spitälern: Ein „Weckruf, ein Hilferuf“ ist der Appell der Organisationen*, die sich schon im Sommer mit einem offenen Brief an die Regierung gewandt hatten. Zwar gibt es nun am 26. November einen runden Tisch, doch das dauert den Vertretern eindeutig zu lang.

Die Prognose ist bekannt: Bis 2030 fehlen 100.000 Pflegekräfte. Und schon jetzt sind teils Stationen zu, obwohl der Bedarf groß und die Betten vorhanden wären – allein: Das Personal fehlt.

Verzweiflung spürbar bei Betroffenen und Personal
So verzeichnet etwa die Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) aus Caritas, Volkshilfe, Diakonie, Rotem Kreuz und Hilfswerk mit Stand Oktober 1400 fehlende Kräfte in der Langzeitpflege. Dazu Michael Opriesnig, Generalsekretär des Roten Kreuzes: „Dahinter stecken Einzelschicksale, denn das heißt ja auch, dass wir Menschen, die Hilfe brauchen, diese teils nicht mehr zukommen lassen können.“ Die Folge – Anrufe verzweifelter Angehöriger mit Weinkrämpfen und Wutausbrüchen – dürfe man nicht unterschätzen: „Das belastet unsere Mitarbeiter: Sie wollen helfen, können es nicht.“ Mit ein Grund, warum viele überlegten, den Beruf aufzugeben.

Geburtenstarke Jahre und zu wenig Investitionen
Weitere Gründe: etwa Dienstplan-Instabilität und Nachtarbeit, die es oft unmöglich machten, Privat- und Berufsleben in Einklang zu bringen, so Elisabeth Potzmann, Präsidentin Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband. Corona habe noch verschärft: Die gestiegene Belastung in der Krise habe viele bewogen, die Arbeitszeit zu reduzieren, früher in Pension zu gehen oder überhaupt aus dem Beruf auszusteigen.

Seit Jahren mache man auf „die demografische Sondersituation aufgrund der geburtenstarken Jahrgänge ab 1939 aufmerksam“, so Walter Marschitz, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Sozialwirtschaft Österreich: „Diese Generationen werden nun pflegebedürftig und erzeugen massiven Bedarf - und die Situation wird nicht zuletzt vor dem Hintergrund der alternden Babyboomer der 60er-Jahre über 30 Jahre lang anhalten.“ Zudem stünde der Sektor vor einer massiven Pensionierungswelle.

Sieben Milliarden Euro jährlich werden für den Bereich ausgegeben, 5,6 Milliarden davon von der öffentlichen Hand. Silvia Rosoli von der Arbeiterkammer Wien: „Im OECD-Vergleich liegt Österreich mit 1,5% des BIP für die Langzeitpflege im Mittelfeld. Die Niederlande wenden rund 4% des BIP auf, Deutschland über 2%.“

Die Vertreter hoffen jetzt auf den runden Tisch. Da brauche es dann aber schon Nägel mit Köpfen, so Markus Mattersberger, Präsident des Bundesverbands Lebenswelt Heim.

Diese Organisationen fordern schnelles Handeln

Lebenswelt Heim - Bundesverband, Gesundheits- & Krankenpflegeverband, AK Wien, ÖGB/ARGE-FGV für Gesundheits- & Sozialberufe, Gesundheits-Gewerkschaft, Sozialwirtschaft Österreich, Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen, Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz, Volkshilfe

Diese Massnahmen fordern die Vertreter jetzt:

  • Eine Rückholaktion für Berufsaussteiger: Betroffene wären aufgrund ihrer vorhandenen Ausbildung rasch einsetzbar, es brauche hier einerseits eine Analyse der Gründe für das Ausscheiden und andererseits kostenfreie Auffrischungskurse.
  • Eine Rückholaktion für Berufsaussteiger: Betroffene wären aufgrund ihrer vorhandenen Ausbildung rasch einsetzbar, es brauche hier einerseits eine Analyse der Gründe für das Ausscheiden und andererseits kostenfreie Auffrischungskurse.
  • Die Unterstützung für Höher- bzw. Weiterqualifikation durch Kostenübernahmen der Ausbildung und Sicherung des Lebensunterhaltes sowie überhaupt das Aufzeigen von Perspektiven und Möglichkeiten.
  • Eine Offensive auch im Bereich der Berufsbildenden Höheren Schulen und Fachhochschulen: Bei Letzteren müssten etwa die Plätze ausgebaut werden. Und bisherige Pilotversuche an Berufsbildenden höheren Schulen müssten ins Regelschulwesen überführt werden. Weiters braucht es mehr Geld für Lehrer und eine Modularisierung der Ausbildungen, damit auch Abbrecher mit einem Abschluss aussteigen könnten.
  • Einen adäquaten Beitrag zum Lebensunterhalt in allen Ausbildungssettings, so etwa auch eine Aufwertung von Praktika, die zumeist ja über einen Berufseinstieg entscheiden.
Silvia Schober
Silvia Schober
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