"Krone" in Kairo

"Wenn er heute nicht fällt, dann wird Blut fließen"

Ausland
04.02.2011 19:37
Mit einem Farbenmeer an rot-weiß-schwarzen Nationalflaggen, bunten Transparenten und von den Häusern hängenden Spruchbändern starteten Hunderttausende erzürnte Ägypter nach dem Freitagsgebet in den "Tag der Abreise" für den verhassten Despoten Hosni Mubarak, der auch am 11. Tag der Revolution nicht aufgeben will. "Wenn er heute nicht fällt, dann wird Blut fließen", erzählt ein Demonstrant der "Krone" auf dem zum Bersten vollen Tahrir-Platz. Dann wirft sich der junge Mann mit einem Jutesack voll Steinen und einer Wellblechplatte zur Verteidigung in die Menge...

Alle Wege zum heiß umkämpften Platz sind schon in den Morgenstunden um kurz nach neun Uhr völlig verstopft. Die Schlange wälzt sich über die mächtigen und von Bürgerwehren belagerten Nil-Brücken – alle wollen auf den Tahrir-Platz, alle wollen dabei sein, wenn der verhasste Diktator endlich fällt. Verschleierte Frauen mit Brotkörben schieben sich an Stacheldrahtzäunen vorbei. Vätern steht der Schweiß auf der Stirn, sie nehmen ihre Söhne an die Hand. Auch Tausende Studenten sind mit dabei.

Und die Menschen haben sich auf eine lange und heiße Nacht vorbereitet: Hektisch wird Proviant, bestehend aus Brot, Oliven und Wasserflaschen, über die Barrikaden gereicht. Am Eingang stehen Dutzende Mubarak-Gegner (viele von ihnen haben von den Schlachten der vergangenen Tage immer noch Wunden auf dem Kopf), verteilen weiße und gelbe Helme – sie sollen vor den Wurfgeschoßen und den Angriffen der in der Menge versteckten Unterstützer des Regimes sowie der Geheimpolizei schützen.

"Wir gehen erst, wenn auch Mubarak geht"
Zunächst müssen alle an den bewaffneten Soldaten vorbei, die seit Tagen auf Panzern in Stellung liegen. Dann kommt die Kontrolle durch die Bürgerwehren. Auf dem Platz selbst haben viele Demonstranten bereits eine regelrechte Zeltstadt errichtet: "Wir schlafen hier, gehen erst nach Hause, wenn auch Mubarak geht." Die schlimme Befürchtung vieler hier: Wenn der greise Diktator heute nicht geht, dann wird auf dem Tahrir-Platz einmal mehr Blut fließen…

Zunächst lief alles aber relativ friedlich ab. Knapp nach 13 Uhr rief der Muezzin zum gemeinsamen Freitagsgebet. Die Gläubigen holten ihre Teppiche hervor, warfen sich auf die Knie und beteten Richtung Mekka: "Damit dieser Albtraum endlich zu Ende geht."

Ärzte kommen mit der Versorgung nicht mehr nach
Doch dann heizte sich die Stimmung immer weiter auf. Jeder Funke könnte plötzlich einen Flächenbrand auslösen! Durch die Luft geschleuderte Brocken aus Schutt, Holzlatten als Waffen, wilde Prügeleien – für die Rettungskräfte herrschte am Nachmittag Großeinsatz. "Wir kommen mit der Versorgung nicht mehr nach", erzählt der Arzt Ali Hosam in seinem blutverschmierten Kittel.

"Erst gestern starben drei Menschen in meinen Armen. Ein alter Mann wurde mit einem Kopfschuss hingerichtet. Zwei Studenten versuchten wir noch wiederzubeleben. Sie wurden von einem Wurfgeschoß am Kopf getroffen. Aber auch für die beiden kam jede Hilfe zu spät." Oft nur notdürftig können die Verletzten mit Verbänden versorgt werden. Doch Minuten später strömen sie schon in den Hexenkessel zurück...

Aufgeben will aber auch am 11. Tag der Revolution niemand. Immer wieder peitschen die verzweifelten Parolen der aufgebrachten Volksmenge durch die engen und von Müll verstopften Häuserzeilen. "Hängt ihn auf! – Nieder mit dem Regime! – 30 Jahre sind genug – Wir wollen endlich richtige Demokratie!" Freitagnachmittag dann die nächste brandgefährliche Entwicklung im Machtpoker zwischen Volk und dem "wankenden Pharao" Mubarak: Die Massen begannen mit dem Marsch zum verhassten Präsidentenpalast...

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