"Krone" in Ägypten
Wienerin bleibt in Kairo: "Will ein Zeichen setzen"
Ein beißender Geruch liegt über dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo. Die von der wütenden Menge in Brand gesteckten Wracks dampfen immer noch – es riecht nach Angst. Von allen Seiten strömen bis aufs Blut verfeindete Gruppen über die mächtigen Nil-Brücken Richtung Zentrum, kämpfen sich ihren Weg über Berge von Müll. Die Anhänger Mubaraks sind mit Holzlatten und Stahlrohren bewaffnet, Regimegegner haben Steine aufmunitioniert.
"Hier wird Geschichte geschrieben"
Dazwischen klettern Kinder auf die Löwen- und Pharaonen-Statuen, kreischen Parolen, schwingen die rotschwarz-weiße Nationalfahne. Immer wieder skandiert die Menge: "Hängt den Schuft, seine Zeit ist vorbei!" Aus Wellblech und Schutt werden Barrikaden aufgebaut, in der Ferne Schüsse und Maschinengewehr-Salven. Helikopter kreisen im Tiefflug über dem Stadtzentrum, vereinzelt fallen Demonstranten auf die Knie und richten ihre Gebete in Richtung Mekka. Dazwischen wird lautstark um Brot und Wasser gefeilscht.
Bereits Donnerstagnachmittag ist der Platz mit Hunderttausenden Menschen gefüllt – trotz Panzerblockade und Stacheldraht drängen die Massen zum Hotspot, werden vom heiß umkämpften Platz wie von einem Magneten angezogen. "Hier wird Geschichte geschrieben", brüllt ein Landarbeiter, der eigens aus Luxor angereist ist, "davon kann ich meinen Enkeln erzählen".
Wienerin will in Ägypten bleiben und "Zeichen setzen"
Szenen wie im Bürgerkrieg, und die Versorgungslage wird immer prekärer (viele Läden führen nicht einmal mehr Brot und Joghurt) –, dennoch sind immer noch Hunderte Österreicher in Ägypten, oft Doppelstaatsbürger, die seit Jahren hier leben.
Die Wienerin Natascha K. etwa wohnt in Helwan, einem Vorort von Kairo, und denkt nicht an eine Rückkehr. "Auch ich möchte ein Zeichen gegen das Regime setzen. Bei uns ist es relativ ruhig. Aber die Bürgerwehren haben sich auch hier bewaffnet, etwa mit Messern, die auf Stöcken befestigt sind." Der Preis für Milch und Brot sei bereits in astronomische Höhen geklettert.
Plünderer überfielen SOS-Kinderdorf
Wie knapp die Lebensmittel mancherorts schon sind, zeigen auch die Übergriffe auf das SOS-Kinderdorf in Alexandria. Bewaffnete Männer drangen in das Gebäude ein, rechneten jedoch nicht mit der heftigen Gegenwehr von Direktor und Mitarbeiterinnen – und ergriffen letztlich die Flucht. Die meisten Touristen konnten aber nach der vom Außenministerium generalstabsmäßig geplanten Evakuierung zurück in die Heimat. Sprecher Launsky-Tieffenthal: "Auch am Donnerstag hoben Flieger nach Österreich ab."
Der Dank für das Krisenmanagement ist groß. Mag. Claudia Sprenger (sie war auf dem Airport in der Kairo gefangen) findet nach ihrer Rückkehr nur lobende Worte: "Die Unterstützung war großartig. Unsere Botschaft hat so schnell reagiert wie keine andere."
"Krone"-Reporter Gregor Brandl und Fotograf Klemens Groh berichten aus Ägyptens Hauptstadt Kairo












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