12.06.2021 10:55 |

Arbeit,Psyche & Corona

Corona-erschöpft und fertig mit der Welt

Corona-Erschöpfung ist die neue Art des Burnouts. Warum dieses Phänomen verstärkt auftritt, wie man die Symptome erkennen kann und was sich dagegen tun lässt - die „Krone“ hat die Hintergründe.

Nach mehreren Jahren in einer Werbeagentur wechselte Liliane Winder (Name von der Redaktion geändert) ins Marketing eines mittelständischen Betriebs, wo sie mittlerweile ein mehrköpfiges Team leitet. Überstunden - auch abends oder am Wochenende - gehören für die alleinerziehende Mutter einer Tochter im Volksschulalter dazu. Vor Corona hat ihr das nichts ausgemacht. Heute aber weiß die 38-Jährige an manchen Tagen nicht mehr, wo ihr der Kopf steht: "Natürlich bin ich froh, dass ich im Gegensatz zu anderen meinen Job nicht verloren habe. Aber es ist anstrengend, dass unser Zuhause seit über einem Jahr zugleich Büro, Schule und Lebensraum ist.

Ausgebrannt
Die paar Wochen, in denen meine Tochter ohne Schichtbetrieb in der Schule und ich normal im Office waren, kann ich an zwei Händen abzählen. Ich bin einfach nur müde und urlaubsreif. Dann aber frage ich mich: Was sollen zwei Wochen Urlaub ändern?“ Es gibt sehr viele Menschen, denen es ähnlich wie Liliane Winder geht. Das Phänomen ist derart ausgeprägt, dass WHO bereits einen Begriff dafür ersonnen hat - „Pandemie-Müdigkeit“ bzw. „Corona-Erschöpfung“ wird diese neue Form des Burnouts genannt.

Pandemie-Müdigkeit
Auch Dr. Maria Rehberger, Klinische- und Gesundheitspsychologin mit Fokus auf Arbeits- und Organisationspsychologie, bemerkt seit einigen Monaten einen deutlichen Anstieg dieser Beschwerden: „Nach über einem Jahr Pandemie sind die Menschen erschöpft. Im Gegensatz zu einem ’normalen’ Burnout, sind die Betroffenen buchstäblich fertig mit der Welt. Sie fragen sich: Wo soll das alles hinführen? Wann wird sich etwas ändern? Wann geht es zu Ende? Wird es jemals wieder wie vorher? Diese Fragen beziehen sich meist auf das große Ganze. Das verschärft die Problematik, schließlich ist man von anderen abhängig. Hinzu kommt, dass man kein Licht am Ende des Tunnels sieht. Man fühlt sich machtlos und hilflos.“

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Nach über einem Jahr Pandemie sind die Menschen erschöpft. Im Gegensatz zu einem ’normalen’ Burnout, sind die Betroffenen buchstäblich fertig mit der Welt

Maria Rehberger

Normalerweise, so Rehberger, könne man Dinge im eigenen Leben ändern, um aus einem Burnout wieder herauszukommen. Das sei im Falle einer Corona-Erschöpfung jedoch nicht möglich, da vieles eben nicht in der eigenen Macht stehe. Zudem höre man ständig nur negative Nachrichten. Auch Gespräche würden sich so gut wie immer um Corona drehen - ein erhöhtes Konfliktpotenzial inklusive.

Soziale Kontakte sind wichtig
Letzteres hat bei vielen Menschen dazu geführt, dass sie ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert haben: „Ich bin keine Corona-Leugnerin. Aber ich hinterfrage die Maßnahmen, mit denen wir seit einem Jahr leben müssen. Mit manchen Bekannten kann ich darüber nicht reden. Es endete immer wieder im Streit“, so Liliane Winder. Dabei wären gerade Sozialkontakte wichtig: „Der Austausch mit Familie und Freunden kann einen manchmal aus einem sich anbahnenden Burnout herausholen. Wenn möglich, sollte man sich persönlich treffen. Gespräche über Corona sollte am besten vermieden werden, um dem Thema nicht noch mehr Einfluss auf das ohnehin schon belastete Gefühlsleben zu geben“, so Psychotherapeutin Rehberger, die außerdem rät, etwas Neues zu lernen - etwa eine Sportart oder eine Sprache.

Professionelle Hilfe
Und es ist keineswegs ein Zeichen von Schwäche, wenn man sich an einen Profi wendet. Laut Rehberger können mitunter schon zwei, drei psychotherapeutische Sitzungen helfen - sofern man sich früh genug dafür entscheidet. Erste Anzeichen für ein coronabedingtes Erschöpfungssyndrom sind übrigens Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Überdies fühlen sich Betroffene weniger körperlich, als vielmehr psychisch erschöpft - und sind oft derart angespannt, dass sie schon bei Kleinigkeiten ausrasten.

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Ich weiß zwar immer noch nicht, wann das alles ein Ende nehmen wird. Aber mir ist klar: Da ich ohnehin nichts daran ändern kann, macht es keinen Sinn, mir ständig den Kopf darüber zu zerbrechen

Liliane Winder

Liliane Winder hat sich dafür entschieden, mit einer Therapeutin zu sprechen. „Ich weiß zwar immer noch nicht, wann das alles ein Ende nehmen wird. Aber mir ist klar: Da ich ohnehin nichts daran ändern kann, macht es keinen Sinn, mir ständig den Kopf darüber zu zerbrechen.“

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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