Altes Handwerk

Eine Verbeugung vor dem Weiblichen

Vorarlberg
08.06.2021 08:55

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert der Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er die Nüschtr- und Schappalemacherin Reinhelde Sieber besucht.

Fast schon ein Frühsommertag. Ich fahre übers Bödele nach Schwarzenberg. Vor mir ein landwirtschaftliches Fahrzeug, das ich nicht überholen kann und mich zur Geduld zwingt. Ich halte an, steige aus. Blicke auf den glasklaren, blauweißen Bergprospekt des Bregenzerwalds. Ein Anblick, so berauschend schön, wie man ihn vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr sieht in dieser Reinheit. Ich weiß, dass ich mich bei Reinhelde Sieber verspäten werde, aber dieses Innehalten muss sein.

Eine Flinkheit, die verblüfft
Ich gehe davon aus, dass sie es als Wälderin verstehen wird. Außerdem habe ich Blumen mit dabei. Die helfen, mich zu entschuldigen. Die Haustür steht sperrangelweit offen, wie das früher in den Bauernhäusern üblich war. Ich rufe. Keine Antwort. Gehe die Treppe hoch und höre eine Stimme. Frau Sieber ist schon eifrig in ein Gespräch mit dem Fotografen vertieft. Sie ist eine zierliche, sehr kleine Dame, aber von einer unglaublichen Wachheit - das spüre ich sofort. Mit ihren 84 Jahren hat sie noch eine Flinkheit, die mich verblüfft. Sie trägt die Juppe, eigens für diesen Termin.

Nüschtr sind außerordentlich fein gearbeitete Rosenkränze aus Silber mit unterschiedlichsten Perlen. Die Bezeichnung leitet sich von „Pater Noster“ ab. (Bild: Mathis Fotografie)
Nüschtr sind außerordentlich fein gearbeitete Rosenkränze aus Silber mit unterschiedlichsten Perlen. Die Bezeichnung leitet sich von „Pater Noster“ ab.
Die Schwarzenbergerin Reinhelde Sieber ist eine der letzten Nüschtr- und Schappalemacherinnen. Und auch mit 84 übt sie ihren Beruf mit Leidenschaft aus. (Bild: Mathis Fotografie)
Die Schwarzenbergerin Reinhelde Sieber ist eine der letzten Nüschtr- und Schappalemacherinnen. Und auch mit 84 übt sie ihren Beruf mit Leidenschaft aus.

Ich entschuldige mich und strecke ihr gleich die Blumen hin. Wir verfallen automatisch in die alte „Ihr“-Form. So habe ich noch mit meiner Großmutter geredet. Eine wunderbare Art der Höflichkeitsbezeugung aus vergangener Zeit. Frau Sieber lächelt, nimmt den Blumenstrauß und wässert ihn sofort.

Sie ist Schappale- und Nüschtrmacherin. Das Schappale ist eine goldene Flitterkrone, die bis heute von ledigen Mädchen im Bregenzerwald getragen wird - ein letztes Mal bei der Hochzeit. Mit Nüschtr ist der Rosenkranz gemeint. Die Bezeichnung stammt vom Pater noster, dem lateinischen Vaterunser. Auf dem Tisch hat Frau Sieber einige Nüschtr bereitgelegt. Zauberisch gearbeitete Silberkettchen mit unterschiedlichsten Perlen. Ich lerne, dass es früher „Wiebrnüschter“ und „Mänüschtr“ gegeben hat. „D’Wiebr hond halt die nöblare Nüschtr kah“, erklärt Reinhelde den Unterschied.

Filigran und von großer Symbolkraft
Tatsächlich haben die Frauenrosenkränze filigranere Kreuze und Perlen. Sie zeigt mir ein auffallend langes und kostbares Exemplar, das Erbstück von ihrer Mutter, einen sogenannten „Totennüschtr“. Es handelt sich dabei um die Kombination aus den Gesätzen aller Rosenkranzgeheimnisse, den man Psalter nannte. An der Verzweigung, wo das Kettchen mit dem Kreuz baumelt, ist ein winziges Silberetui eingearbeitet. Platz für eine Reliquie. „Dieser Nüschtr wurde nur an einem Jahrestag getragen“, erklärt Reinhelde, „bei einem Requiem oder, wenn die Frauen mit der Schtucha in das Haus eines Verstorbenen gegangen sind.“ Frau Sieber benutzt so viele alte Dialektausdrücke, dass ich immer wieder nachfragen muss. Eine „Schtucha“ war eine weiße Kopfbedeckung, ähnlich einem Nonnenschleier, die zur Wälder Trauertracht gehörte.

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Außerdem haben die Frauen die Kunst des Schappalemachens wie ihren Augapfel gehütet. Das war ein ganz großes Geheimnis.

Reinhelde Sieber

Ein großes Geheimnis
Aufgewachsen ist sie in Schwarzenberg. Sie ist Mutter von fünf Buben und einer Tochter. Nach der Hochzeit - „Damals hat man immer an einem Montag geheiratet“ - lebte sie mit ihrem Mann bei den Schwiegereltern in einer schlichten Kammer. „Als das dritte Göble kam, sagte ich, wir brauchen einfach mehr Platz. Wir haben dann im Lauf der Jahre angestellt“, womit sie an- und ausbauen meint. Dann zeigt sie mir die wirklichen Meisterwerke aus ihrer Hand - die Schappale. „Es gab damals nur eine einzige Frau im Wald, die das noch wirklich konnte. Die Pfarrersköchin. Ich wollte unbedingt bei ihr lernen, aber sie war etwas schwierig. Außerdem haben die Frauen die Kunst des Schappalemachens wie ihren Augapfel gehütet. Das war ein ganz großes Geheimnis. Zum Glück konnte ich noch bei der Köchin lernen. Kurz darauf ist sie nämlich gestorben. Heute führt die Tradition meine Tochter fort, worüber ich sehr froh bin.“

Es sind Kunstwerke aus feinsten Goldgespinsten und -drähten, deren Fertigung immense Zeit beansprucht. Ob sie denn überhaupt noch so gut sehen könne, frage ich, und Reinhelde zeigt mir gleich, wie sie ein „Blüamle“ fertigt. Das Schappale in seiner Zartheit und Feingliedrigkeit ist die wohl schönste Verbeugung vor dem Weiblichen, die eine Bauerntracht je hervorgebracht hat. „Früher mussten die Frauen halt das nehmen, was sie zur Verfügung hatten“, erzählt Reinhelde. „Deshalb war das Grundgestell der Krone ganz einfacher Büscheledroht.“

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