09.05.2021 09:55 |

Vorarlberg Testmeister

Die falsche Sicherheit der Antigenschnelltests

Sie gelten als Eintrittskarte zu Veranstaltungen, in die Gastronomie oder zum Friseur. Rund 370.000 Antigentests werden derzeit pro Woche abgenommen.

Landeshauptmann Markus Wallner und Sicherheitslandesrat Christian Gantner feiern sich als Weltmeister, genauer gesagt als Test-Weltmeister! Bei den Antigen-Schnelltest (rund 1,95 Millionen) und PCR-Tests (rund 240.000) wurde vergangene Woche die 2 Millionen-Marke überschritten. Entsprechend hoch waren und sind die Kosten: 12,5 Millionen Euro wurden seit Pandemiebeginn für Material, Durchführung und Auswertung aller Testungen ausgegeben. Das Land verrechnet die Summen an den Bund weiter.

Davon können andere Bundesländer nur träumen
Weltmeisterlich - das darf auch einmal erwähnt werden - ist in jedem Fall die Organisation. Vom zuständigen Landesrat Gantner über die ITler, Apotheker, Rot-Kreuz-Mitarbeiter bis hin zu den freiwilligen Helfern in den Gemeinden sind alle um einen reibungslosen Ablauf bemüht. 144 Gratis-Teststationen inklusive Bus gibt es im ganzen Land. Die Anmeldung über die Landesseite funktioniert in der Regel perfekt. Wer nicht gerade zu Stoßzeiten unterwegs ist, hat innerhalb von wenigen Minuten nach der Probenabnahme das Testergebnis auf dem Smartphone. Ein Ablauf, von dem Testwillige in anderen Bundesländer und Länder nur träumen können. Dort wird von Wartezeiten bis zu einer Stunde - trotz Termin - berichtet. Oder auch vom Einlangen einer negativen Test-Bestätigung nach drei Tagen.

Zutritt nur mit Test
Extrem zugenommen hat das Testaufkommen in Vorarlberg mit den ersten Öffnungsschritten Anfang Februar. Nach dem Start des Pilotprojekts Mitte März schossen die Zahlen geradezu durch die Decke. 368.990 Tests wurden allein in der vergangenen Woche abgewickelt. Neben der Erlaubnis zum Schulbesuch dienen die Befunde Kindern und Jugendlichen als Eintrittskarte zum Training. Weiters öffnen negative Ergebnisse die Türen zum Wirt, ins Theater oder in die Sporthalle. Und so wanderte auch so mancher Test-Gegner zum mehr oder weniger freiwilligen „Nasenbohren“.
Je mehr Tests, desto besser ist der Überblick über das Infektionsgeschehen. Und gerade in Hinblick auf die arg gebeutelten Branchen war der Schritt, Gastro und Co. unter Auflagen wieder zu öffnen, ein wichtiger und richtiger.

Fakten

Mit den in Vorarlberg verwendeten Antigen-Schnelltests werden Nukleokapsid-Proteine nachgewiesen. Wie andere Coronaviren verfügt das SARS-CoV-2-Virus über vier Strukturproteine, die eine Antikörperantwort auslösen. Die Mehrzahl der Antikörper wird gegen das am häufigsten vorkommenden Nukleokapsid-Protein gebildet. Ist jemand mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert, repliziert sich das Virus in der Schleimhaut. Das Problem: Bei frisch Infizierten fällt der Antigentest in der Regel noch negativ aus. Denn erst, wenn die Schleimhautzellen absterben und ausgeschieden werden, sind diese voller Nukleokapsid-Antigene und landen - im Falle eines Antigen-Schnelltests - auf dem Abstrichtupfer. Allerdings werden bereits zwei, drei Tage vor dem Absterben der Schleimhautzellen und vor dem Auftreten möglicher Symptome über noch lebende, also frisch infizierte Zellen infektiöse Viren übertragen.

Falsche Sicherheit
Dass Zutrittstests die optimale Lösung sind, darf aber angezweifelt werden. Speziell die Antigentests haben ihre Grenzen: Zum einen ist der Anteil falsch positiver Ergebnisse sehr hoch. Und zum anderen warnen Mediziner wie der deutsche Star-Virologe Christian Drosten davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Sein Hauptkritikpunkt an den Eintritttests: Antigentests schlagen erst am Tag nach Symptombeginn an, die ersten drei von acht infektiösen Tagen zeigt der Test hingegen ein negatives Ergebnis. „Im Moment kann ich nur sagen, es ist nicht alles so simpel, wie das zum Teil in der Politik auch argumentativ verarbeitet wird, so nach dem Motto: Jetzt kann ja alles öffnen, weil wir haben jetzt Schnelltests“, meinte Drosten in seinem Podcast. Wesentlich besser geeignet seien Antigen-Schnelltest indes für Menschen mit Symptomen. Oder auch für die Anwendung an Schulen, um Cluster herauszufiltern. Und eines bleibt ebenfalls Fakt: Jeder Test ist besser als keiner.

Sonja Schlingensiepen
Sonja Schlingensiepen
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