Reinmayr grübelt

„Eine Frechheit“ - die Grazer Stadionfrage

Was mit dem Rasenproblem wieder zum Gesprächsthema in Fußball-Österreich wurde, sorgt de facto schon jahrelang Diskussionen: das Grazer Fußballstadion. Nun äußerte sich im Zuge einer virtuellen Pressekonferenz auch der ehemalige Sturm-Star Hannes Reinmayr zur ewigen Stadionthematik in der steirischen Hauptstadt. „Eigentlich ist‘s eine Frechheit“, so die schwarz-weiße Legende.

Im Juli 1997 wurde der Neubau des ehemaligen Grazer Bundesstadions Liebenau feierlich eingeweiht. Das Derby der beiden Grazer Mannschaften Sturm und GAK lockte 15 400 Zuschauer ins Stadion, Sturm Graz gewann das Spiel im Arnold-Schwarzenegger-Stadion mit 4:0. Damals in der Startelf: Hannes Reinmayr.

Der ehemalige Mittefeld-Maestro von Sturm, der mit zwölf verschiedenen Teams in seiner Karriere viel erlebt hat, blickt nun kritisch auf die heutige Merkur-Arena. Was in den 90ern finanziell nicht anders möglich gewesen wäre, sehe heute anders aus. Es sei eine Frechheit, dass Sturm trotz Sieg pro Spiel Tausende Euro an die Stadt Graz zahlen muss. Rentabel sei das für Sturm nicht.

Ein-Stadion-Lösung
Kurz vor dem Neubau des Stadions übernahm die Stadt Graz im Jahre 1994 das Stadion vom Bund, beteiligte sich daraufhin mit 30 Prozent am Bau. Die Grazer Stadtrivalen Sturm und GAK zogen ein, eine Ein-Stadion-Lösung wurde geschaffen. Dieses Konzept hielt sich in den ersten Jahren gut, beide Teams verzeichneten hohe Zuschauerzahlen, was auch dem sportlichen Erfolg beider Teams zuzuschreiben ist. Sturm wurde in den Anfangsjahren des Stadions drei Mal Meister, der GAK holte mit zweiten und dritten Plätzen ebenso erfolgreiche Platzierungen, wurde im Jahr 2004 dann ebenso Meister. Zuschauerzahlen über 11 000 bei Sturm sowie ca. 8000 beim GAK zeigten, dass es für Fans kein Problem zu sein scheint, sich mit dem Stadtrivalen ein Stadion zu teilen.

Einige Jahre später begannen erste Schwierigkeiten, beide Grazer Teams gerieten in finanzielle Notlagen. Während sich Sturm durch den beherzten Einsatz von Funktionären und Fans vor der Insolvenz und dem Zwangsabstieg retten konnte, erging es dem GAK schlechter. 2007 musste das Team aus der Bundesliga absteigen, spielte seine Spiele bis 2012 jedoch in der UPC-Arena, wie das Stadion aufgrund von Kontroversen um Schwarzenegger 2006 umbenannt wurde. Danach folgte der Umzug ins Trainingszentrum Weinzödl, das im Laufe der Jahre sukzessive erweitert wurde. Dabei halfen auch Fans tatkräftig mit, 2019 wurde mit deren Hilfe eine neue Tribüne errichtet.

Reinmayr: Verbesserungspotenzial en masse
Mit dem Aufstieg des GAK von der 8. in die 2. Liga zog die Mannschaft wieder nach Liebenau, wo die heutige Merkur Arena steht. Mehr und mehr wurde für beide Teams die Stadionfrage wieder präsent. Wie sollen sich Fans mit einem Stadion identifizieren, das nicht dem eigenen Verein gehört, fragt sich auch Reinmayr. Denn Renovierungen, Verbesserungen am und im Stadion und vor allem die Vermarktung funktionieren durch die Beteiligung der Politik nur sehr schleppend. Und diese wären mehr als notwendig. Trotz mehrmaliger kleinerer Renovierungen und auch einer aktuellen Baustelle bekräftigt Reinmayr, der selbst auch immer wieder Spiele besucht, dass es Verbesserungspotenzial en masse gäbe, welcher Fan stehe schon gern nach einem Spiel im Nieseln am kalten Vorplatz? Hier könnte man mit besserer Infrastruktur sicherlich einiges mehr Puntigamer verkaufen, was sowohl ebendiesem Hauptsponsor von Sturm Graz, der Stadt sowie Sturm selbst zugutekommen würde.

Die Politik scheint jedoch nicht auf einen Neubau aus. In einer Prüfung des Stadtrechnungshofs 2020 wird die Notwendigkeit eines neuen Stadions nicht als gegeben gesehen. Das Stadion sei ausgelastet, aber nicht überlastet. Trotz roter Zahlen im Millionenbereich für die Stadt, die Mieten decken die Kosten nicht, ein neues Stadion würde mindestens 40 Millionen Euro kosten, das sei zu viel.

Damit geben sich beide Klubs jedoch nicht zufrieden. Der GAK hält das Trainingszentrum Weinzödl weiterhin instand, Sturm kokettierte schon mehrmals öffentlich mit den Plänen eines eigenen Stadions, wohl auch, um Druck auf die Politik auszuüben. Es gebe angeblich ein Areal in Graz Puntigam, das Sturm mithilfe der Heineken Gruppe (zu der auch Puntigamer gehört) kaufen könnte und dort ein Stadion errichten kann. Realisiert wurden diese Pläne bis jetzt nicht.

Sturm-Fans für Zwei-Stadion-Lösung
Besonders befürworten Fans des SK Sturm eine Zwei-Stadion-Lösung. Mit der Initiative ,,Sturm braucht eine Heimat‘‘ wird schnell klar, dass es für Fans nicht mehr zeitgemäß ist, sich mit dem Rivalen ein Stadion zu teilen. Denn nach dem durch finanzielle Probleme notwendigen Verkauf der ehemaligen Heimstätte, der Gruabn, an die Stadt Graz, habe Sturm keine Heimat mehr. Sturm habe keine Möglichkeiten, eigene Wünsche im Stadion zu erfüllen, man könne zwar als Mieter selbst Geld in die Hand nehmen, ,,niemand käme jedoch auf die Idee als Mieter einen Wohnungsumbau zu bezahlen‘‘, verkneift sich die Initiative einen Seitenhieb auf den GAK nicht, der von etwaigen Renovierungen mit dem Geld des SK Sturm ebenfalls profitieren würde. Sturm könne aus dem Stadion kein Profit ziehen und verliere finanziell immer mehr den Anschluss an Rapid, Austria und den LASK, alles Teams, die neue Stadien bauen oder bauten, die von der Politik mitfinanziert werden. Der GAK jedoch, zeigen sie sich tolerant, soll auch eine eigene Heimstätte bekommen, jeder Verein brauche seine Heimat.

Exkurs: Hier gibt‘s Hannes Reinmayr im krone.at-Fußball-Podcast zu begutachten:

Finanziell nicht rentabel
Finanziell rentiert sich das Stadion Liebenau für keinen Beteiligten. Steuerzahler müssen Verluste ausgleichen, beide Teams können das Stadion nicht sachgemäß vermarkten, Fans haben keine Identifikation mit dem Stadion. Für die Politik scheint das Stadion keinen allzu großen Stellenwert zu haben, vielleicht auch wegen mangelnder Fußballkenntnis. Denn wer zu einem Rasen, wie dem in der Merkur-Arena meint ,,er war etwas angegriffen, aber mit ein bisschen gutem Willen, hätte man durchaus drauf noch spielen können‘‘, O-Ton von Finanz-Stadtrat Rieger, der hat wohl selbst sehr selten Fußball gespielt. Dass noch dazu Journalisten bei einer PK zum Auftakt des Sportjahr Let’s Go Graz ein Rasen-Fotografier-Verbot auferlegt bekamen spricht Bände. Warum wird das Thema nicht endlich angegangen? ,,Mich wundert’s auch, woran das liegt. Vielleicht daran, dass man eine neue U-Bahn bauen möchte‘‘, meint Reinmayr locker und kritisierend dazu. Die Rufe nach einer Lösung der Stadionfrage werden lauter und lauter. Nun kommen sie auch von jenen, die im Stadion ihre größten Erfolge feierten. Reinmayr wurde in Liebenau zwei Mal Meister.  Damit Sturm wieder im Konzert der Größeren mitspielen kann, brauche es ein eigenes Stadion, meint er.

Gastautor Maximilian Klesl, Publizistik-Uni Wien

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