19.04.2021 07:20 |

Ex-Coach im Interview

Bresnik zu Thiems Krise: „Ich habe keine Ahnung“

Günter Bresnik hat im APA-Interview anlässlich seines 60. Geburtstags nicht nur einen Rückblick auf sein Leben gemacht, sondern auch auf aktuelle Entwicklungen im Tennis reflektiert. So hält er u.a. die „Jammerei“ mancher Spitzenspieler wegen der Corona-Blasen für unberechtigt, kritisiert die ATP für den Turnierunterbau und lobt Jürgen Melzer für seine Herangehensweise als Sportdirektor. Zu Dominic Thiem äußert er sich verhalten. „Ich habe keine Ahnung“, sagt er zur Krise des Tennis-Stars.

Sie waren vor Kurzem in Monte Carlo. Wie haben Sie die „Corona-Blase“ erlebt und was halten Sie von manchen Beschwerden der Spieler?
Günter Bresnik: Ich habe es in Monte Carlo erlebt. Man kann immer Dinge schlecht finden. Noch lieber wäre es mir, wenn die Leute wie vor 20 Jahren kein Handy einstecken hätten. Das hat mir noch mehr getaugt. Auf der anderen Seite - wie schön ist es, in Monte Carlo oder Buenos Aires, Cincinnati.. Tennisplätze und Hotels sind nie unangenehm. Es gibt Leute, die arbeiten das ganze Jahr dafür, dass sie zwei Wochen auf Urlaub fahren. Ein Tennisspieler ist nie auf Urlaub, es ist auch ein hartes Brot. Aber die Jammerei, wenn ich mir die ernsthaften Probleme von anderen Leuten anschaue, die ist unberechtigt.

Aber die fehlenden Zuschauer, die kalte Atmosphäre eines leeren Stadions kann schon aufs Gemüt schlagen.
Das sind Umstellungen, mit denen man leben kann. Der eine leidet darunter, wenn man viele Zuschauer hat, der nächste darunter, wenn keiner zuschaut. Manche leiden drunter, dass es statt einer Million nur noch 100.000 zum Gewinnen gibt. Wie will man das irgendwo rechtfertigen, als halbwegs Mensch mit Grips, wenn es andere Leute gibt, die nicht einmal wissen, wie sie für die Familie etwas auf den Tisch bringen. Bei den meisten von den jungen Spielern - behaupte ich bösartig -, ändert sich der Tagesablauf nicht einmal großartig, weil die so und so 90 Prozent der Freizeit auf Playstation, Instagram, Facebook und dem anderen Scheiß verbringen. Es steht ihnen zu, aber dann darf ich nicht darüber jammern, wenn es quasi vorgeschrieben ist, was sie in ihrer Freizeit sonst auch machen würden. Für die älteren Spieler jenseits der 30 ist das schon ein bisserl was anderes.

Trotz über einjähriger Krise arbeiten die Mächte im Tennis weiter nicht zusammen: die French Open haben wieder ohne Absprache mit ATP/WTA ihr Turnier verschoben.
Als Zweiter in der Hierarchie muss ich mich immer am stärksten orientieren, das sind die Grand-Slam-Turniere. Im Spitzentennis regieren die Drei (Nadal, Federer, Djokovic, Anm.) den Sport heute wie vor zehn Jahren. Die Jungen kommen weder mit den sportlichen Erfolgen, noch mit dem, wie sie den Sport in der Öffentlichkeit transportieren, an die heran. Für die drei sind nur Grand-Slam-Turniere wichtig, daher können die machen, was sie wollen.

Und wie sieht es bei den kleinen Turnieren aus?
Für den größten Skandal im Tennis halte ich, was mit den jungen Spielern, Burschen und Mädchen gemacht wird. Ein Future-Titel ist von 18 auf 10 Punkte reduziert worden. Mehr als 18 Turniere werden nicht gewertet. Wenn ich 18 Turniere gewinne, habe ich nicht genug Punkte, dass ich unter den ersten 300 spiele und in die nächste Kategorie (Challenger, Anm.) aufsteige. Das ist für mich der Auswuchs an Blödheit. Die ATP muss dafür sorgen, dass diese Turniere eine entsprechende Punktebewertung kriegen. Das ist wie wenn ich sage, wenn ich vier Jahre in die Volksschule gehe, und ich habe keine Chance, dass ich ins Gymnasium gehe. Wenn einer seine Leistung bringt und nicht aufsteigen kann, ist das System vertrottelt.

Welchen Eindruck haben Sie vom neuen ÖTV-Sportdirektor Jürgen Melzer?
Der Jürgen ist der Erste, den ich da in den letzten 20 Jahren sehe, der zeitlich sehr viel investiert. Bei dem hat man das Gefühl, dass da mehr als ein wirtschaftliches Interesse da ist, dass dort was weitergeht. Das taugt mir. Was gewisse Dinge anbelangt, braucht er halt seine Lehrzeit. Aber er ist so intelligent, dass er sich mit den richtigen Leuten umgibt und extrem fleißig. Er kommt um 8 und geht um 6. Wenn er nicht in der Südstadt ist, ist er irgendwo in Österreich unterwegs. Das ist einmal was anderes.

Sie selbst haben als Davis-Cup-Kapitän einst in den USA auf der Bank sitzend von ihrer Ablöse (damals durch Thomas Muster, Anm.) erfahren. Ein Tiefpunkt ihrer Karriere?
Tiefpunkte sind für mich immer nur Dinge, die ich schlecht mache. Wenn andere Leute einen Blödsinn machen, der auf mich Auswirkungen hat, berührt es mich eigentlich sehr wenig. Ich habe das Glück gehabt, dass ich privat mit meinen Lieben keine beziehungstechnischen Probleme gehabt habe. Enttäuschung war für mich immer ein wichtiger Entwicklungsschritt, wo mich jemand getäuscht hat, oder mich habe täuschen lassen. Es ist etwas bereinigt worden und war oft eine Befreiung.

Haben Sie denn keine persönlichen Tiefpunkte?
Das Einzige, was mich ärgert ist, dass ich das relativ weit fortgeschrittene Medizinstudium nicht abgeschlossen habe. Dann wäre ich wahrscheinlich ein Arzt geworden. Es belastet mich nicht, weil es gut gegangen ist, aber es ist das Einzige, was ich nicht fertiggemacht habe, das ich entschieden habe. Wenn einer jetzt nicht mehr mit mir trainieren möchte und geht woanders hin, da bist du kurzfristig ein bisserl angefressen. Wehgetan hat mir zweimal der Tod meiner beiden Neffen mit 12 und 21. Beruflich wäre es eine Frechheit, wenn ich über irgendwas jammern würde.

Möchten Sie sich zur aktuellen Krise von Dominic Thiem äußern?
Erstens äußere ich mich zu Dominic negativ einmal gar nicht. Und wenn ich Interna nicht kenne, überhaupt nicht. Ich habe keine Ahnung. Ich habe ihn einmal gesehen, das war nicht der angenehmste Zeitpunkt für ihn. Ich mag den Buam, ich weiß nicht, welche Schwierigkeiten er hat. Ich weiß nicht, wie damit umgegangen wird, ob man es anders machen könnte.

Wären Sie denn dafür offen, sollte er Sie um Rat fragen?
Wenn mich wer um Hilfe bittet, ist es für mich das höchste Gebot aufgrund meiner Erziehung: Ich werde nie in meinem Leben Hilfe abschlagen, immer unter der Voraussetzung, dass ich das Gefühl habe, ich kann ihm helfen. Ganz egal, wer das ist.

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