10 Jahre danach

Kaprun-Gedenken: “Wunden bleiben ein Leben lang”

Österreich
11.11.2010 21:58
Am zehnten Jahrestag der Seilbahnkatastrophe von Kaprun haben sich am Donnerstag rund 200 Menschen zu einer Gedenkveranstaltung in der Nähe des Unglücksortes getroffen. Bei dem Brand im Stollen der Standseilbahn kamen am 11. November 2000 155 Menschen ums Leben, nur zwölf haben das Inferno überlebt. "Die Wunden bleiben ein Leben lang", sagte eine Mutter, die beim Unglück ihren Sohn verlor, in einer berührenden Ansprache.

Viele der rund 200 Angehörigen waren mit Blumen und Kränzen erschienen, die sie noch vor Beginn in der Gedenkstätte ablegten. Diese war durch Hunderte Kerzen zu einem Lichtermeer geworden. Teilgenommen haben auch einige der zwölf Überlebenden, Helfer von damals, Vertreter der Gletscherbahnen und Politiker.

Bürgermeister: "Ereignis nie vergessen"
Bürgermeister Norbert Karlsböck eröffnete den offiziellen Teil: "Es liegt in unserer Verantwortung, dieses Ereignis nie zu vergessen. Deshalb versichere ich Ihnen, dass Kaprun und im Besonderen die Gedenkstätte ein Zentrum des gemeinsam Erlebten ist und für alle Zeiten bleiben wird." Man möge einander am zehnten Jahrestag die Hände reichen, "in der Hoffnung, dass dies helfen kann, die Last zu lindern", so der Bürgermeister.

Angehörige: "Wunden bleiben ein Leben lang"
Die Reden der Angehörigen beinhalteten dann auch Vorwürfe. Uschi Geiger, die einen Sohn in den Flammen verloren hat, kritisierte erneut das Strafverfahren, in dem alle 16 Beschuldigten freigesprochen wurden. Alle hätten auf ein Zeichen der Justiz gehofft. Es sei ein schweres Los, dass keine Schuldigen gefunden wurden. "Viele von uns stehen hier alleine gelassen mit unseren Sorgen und Nöten." Man habe zwar inzwischen gelernt, mit den Folgen des Unglücks zu leben, "aber die Wunden bleiben ein Leben lang, die Seele braucht einen dicken Verband".

3.652 Tage der "Verweiflung und Enttäuschung"
Werner Kirnbauer, der ebenfalls einen Sohn verloren hatte, sagte, dass jeder der 3.652 Tage seit dem Unglück "ein Tag der Verzweiflung und Enttäuschung" gewesen sei. Die Justiz habe nicht einmal versucht, die Ursache des Infernos zu begründen, das wegen "menschenverachtender Profitgier und Schlamperei" geschehen sei. "Wir kennen das Gesicht der Verantwortlichen."

Versöhnlichere Worte schlug Landeshauptfrau Gabi Burgstaller an. Sie meinte, dass es vielleicht leichter falle, das Unglück zu verarbeiten, wenn man bereit sei zur Versöhnung. Und auch Bundeskanzler Werner Faymann lenkte den Blick in die Zukunft: Kein Gericht könne das Unglück ungeschehen machen. Aber man müsse die Lehren daraus ziehen. "Wir haben die Verantwortung, die Sicherheitsmaßnahmen auszubauen. Der Sparstift darf niemals dort angesetzt werden."

Betriebsleiter: "Ich möchte um Verzeihung bitten"
Deutlich spürbar war die Betroffenheit auch bei den Vertretern der Gletscherbahnen Kaprun. Betriebsleiter Günther Brennsteiner suchte selbst die Gedenkstätte auf und ging den Hinterbliebenen nicht aus dem Weg, sondern stellte sich dem persönlichen Gespräch. "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, ich möchte aufrichtig um Verzeihung bitten", sagte er am Rande der Veranstaltung. Er möchte mit seinem Tun und Wirken und gemeinsam mit dem Unternehmen alles tun, "dass nie mehr etwas so Schreckliches passiert".

Mit einem "Gefühl der Ohnmacht" verließ der frühere Landesrettungskommandant Gerhard Huber, der vor zehn Jahren den Einsatz leitete, am Donnerstag die Gedenkstätte. Er stellte sich die Frage: "Hat das alles so sein müssen?" Den Hinterbliebenen könne man nur sagen, dass bei dem Unglück niemand habe leiden müssen, weil der Tod blitzartig eingetreten sei. "Aber Trost gibt es keinen."

Viele hatten Tränen in den Augen
Im Anschluss an die Reden wurde ein kurzer ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Nach einer guten Stunde war die Gedenkveranstaltung beendet. Danach durften ausschließlich Angehörige in die Gedenkstätte, um sich in aller Ruhe an die lieben Verstorbenen zu erinnern. Viele von ihnen kamen danach mit Tränen in den Augen heraus.

Nicht ganz verstanden haben etliche Teilnehmer, dass die Gletscherbahnen eine der beiden Seilbahnen aufs Kitzsteinhorn auch während der Veranstaltung fahren ließen. Betriebsleiter Brennsteiner sagte dazu, eine Bahn habe man ohnedies gestoppt, aber man hätte auch die Wünsche der Skiläufer und Sportler, die zum Training hier seien, berücksichtigen müssen.

Feuer in Führerhaus ausgebrochen
Bei der Katastrophe vor zehn Jahren war Feuer im Heizstrahler des Führerhauses ausgebrochen und rasch auf die komplette Zuggarnitur übergegriffen. Zwölf Menschen konnten noch aus dem Stollen fliehen, für die anderen gab es keine Rettung mehr. Im Strafprozess wurden später alle 16 Beschuldigten freigesprochen, weil das Gericht keinem ein schuldhaftes Verhalten nachweisen konnte. Etliche Angehörige bemühen sich deshalb noch heute um ein neues Verfahren oder mehr Schmerzensgeld.

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