10.12.2020 06:00 |

„Krone“-Reportage

Corona-Lockdown: Armut unter der Akropolis

Auch in Griechenland steht die Adventzeit im Lockdown still. Nur Apotheken, Supermärkte und Shops mit Weihnachtsartikeln haben offen.

Zwischen Fischerbooten und Fähren funkelt es in allen Farben des Regenbogens. Die Wasseroberfläche im Hafen von Piräus ist ruhig, sie spiegelt die kitschig-bunte Weihnachtsdekoration der Häuser am Pier wider. Am Horizont hinter der Meeresbrandung sendet der Leuchtturm Signale aus.

Es ist Advent in Griechenland - und immer noch, oder wieder einmal, Lockdown.

„Wir haben uns daran gewöhnt, die Menschen sind diszipliniert, und wir haben eine der geringsten Infektionsraten in Europa“, murmelt Taxifahrer Dimitrios nicht ohne Stolz vor sich hin und steuert nach einer kurzen, aber intensiven Preisverhandlung das Zentrum von Athen an.

Coronavirus hin oder her, die Hellenen wollen sich die beschaulichste Zeit des Jahres nicht verderben lassen. Deshalb dürfen neben Apotheken und Supermärkten explizit auch Geschäfte mit Weihnachtsartikeln geöffnet lassen.

Ansonsten gilt nicht nur rund um die Akropolis Ausgangssperre, zumindest ab 21 Uhr, und die wird von der Bevölkerung auch tapfer eingehalten.

Nach dem Glockenschlag herrscht im Herzen der Millionenmetropole Geisterstimmung. Geschäfte sind verbarrikadiert, Tavernen geschlossen. Nur ein paar Speisen-Zusteller liefern sich im Altstadtgewirr ein Wettrennen mit ihren dröhnenden Mopeds.

Und eine Dame mit einem beschrifteten Pappkarton und einem Plastikbecher in der Hand zieht wie eine Schlafwandlerin ihre Kreise.

„Ich weiß nicht, ob ich Corona habe oder nicht“, erzählt sie im akzentfreien Deutsch und zupft ihre Schutzmaske zurecht. „Meine Eltern waren als Fabrikarbeiter in Bayern tätig, dort bin ich auf die Welt gekommen. Vor 16 Jahren übersiedelten wir zurück in unsere alte Heimat. Ich bin nach einem Unfall auf einem Auge blind und kann mir die Krankenversicherung nicht leisten. Ich lebe auf der Straße, und es ist mir so unangenehm zu betteln. Aber wie sollte ich sonst über die Runden kommen?“ Dann wendet sich Frau Xanthi ab - und stapft zu einer Obdachlosenausspeisung.

Die Pandemie trifft überall die Ärmsten der Armen, aber im winterlichen Griechenland merkt man es derzeit ganz besonders …

Gregor Brandl, Kronen Zeitung

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