22.11.2020 10:00 |

Nachtschichten in Imst

Kritik ist das Letzte, was „Tracer“ brauchen

Die Nachverfolgung der Kontakte klappe nicht, sie sei vor allem zu langsam - Kritik wird schnell und gerne geübt. Würden die Kritiker hinter die Kulissen des „Contact Tracings“ blicken können, würden möglicherweise viele verstummen. Der „Krone“ war es exklusiv vergönnt, in der Bezirkshauptmannschaft Imst dabei zu sein. 

Unerwartet steil ist sie angestiegen, die Kurve der Corona-Infizierten. Exponentiell, ein sogenannter Schneeballeffekt. Sinkend ist allerdings langsam aber sicher die Stimmungskurve jener, die diesen Schneeballeffekt hätten verhindern sollen: die „Contact-Tracer“, also die Kontaktverfolger. Permanent wurde Kritik laut, dass die Nachverfolgungen nicht funktionieren würden bzw. zu langsam wären.

Und weil Contact-Tracing nur der imaginäre Überbegriff ist, trifft die Kritik eben die Menschen, die das tun. Der Imster Bezirkshauptmann Raimund Waldner gewährte der „Krone“ einen Einblick in das Herz dieser vermeintlichen Sisyphusarbeit. Hätten die Kritiker diesen Einblick, würden sie wohl augenblicklich verstummen!

„Habe im März wieder zu rauchen angefangen“
Der Eingang der Bezirkshauptmannschaft Imst ist nachmittags verschlossen, die Kräfte werden für den Kampf gegen die Pandemie gebraucht. Thomas Gstrein ist vom „Krone“-Besuch bereits informiert. Der sympathische Imsterberger, einer der erfahrensten „Corona-Ermittler“ im Haus, sperrt auf: „Komm bitte mit, Hände desinfizieren und Abstand halten“.

Ab geht’s in jenen Raum, in dem der „Contact-Tracer“ seit März kaum etwas anderes tut, als eben mit seiner Arbeit die exponentielle Ausbreitung des Virus zu verhindern. „Ich habe im März nach fünf Jahren das Rauchen wieder angefangen“, schmunzelt er, „es war wie ein Überfall, ein Chaos.“ Wenn diese schwierige Zeit vorbei ist, würde er schon wieder aufhören.

Rund 100 Mitarbeiter für Covid-Arbeit abgestellt
Nicht aufhören will allerdings der Arbeitsdruck. „68 Neuinfizierte heute“, sagt er, zwischen 60 und 80 pro Tag seien er und sein Team mittlerweile gewohnt. Gstrein beschreibt den Weg: „Ein positives Testergebnis wird vom Labor an das epidemiologische Team in Innsbruck weitergeleitet. Dieses übermittelt die positiven Fälle den Gesundheitsämtern der Bezirkshauptmannschaften. Wir holen uns dann die Akten dort ab - und dann beginnt die Detektivarbeit.“

Sie beginnt für etwa 50 (!) Tracer. „Insgesamt sind mit der Pandemie rund 100 von 120 Mitarbeitern beschäftigt“, nennt BH Raimund Waldner die unglaubliche Zahl, „und wir haben Teams gebildet - ein Erhebungs- und ein Bescheidteam.“ „Und das Corona-Referat, eine übergeordnete Ebene, die schaut, ob alles klappt“, ergänzt Gstrein. Mitarbeiter des Baubezirksamtes, der Bezirksforstdirektion und sogar Schulabgänger sind mittlerweile im „Assistenzeinsatz“ zum Telefonieren.

„Wir müssen einfühlsam und freundlich wirken“
Die Telefonate seien mitunter schwierig, sagt Gstrein, immerhin sei man der erste, der die positive Testung mitteilt. Akribisch wird mit dem Gesprächsprotokoll als Unterlage die Datenlage erfragt, seit wann gibt es Symptome und mit wem habe man 48 Stunden vorher Kontakt gehabt. Gstrein: „Du musst bei den Leuten positiv wirken, wir müssen einfühlsam sein, speziell bei alten Menschen. Die wollen oft einfach mit jemandem reden.“ 

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Du musst bei den Leuten positiv wirken, wir müssen einfühlsam sein, speziell bei alten Menschen. Die wollen oft einfach mit jemandem reden.

Thomas Gstrein

Habe man von jemandem keine oder die falsche Telefonnummer, werde die Polizei eingeschaltet. Schlussendlich muss aber doch die sogenannte Absonderung, also Quarantäne, mitgeteilt werden. Übrigens ein rechtsgültiger Bescheid, auch wenn er telefonisch erfolgt. Das Protokoll wird nun eingescannt und dem Gesundheitsamt und dem Bescheidteam gesandt.

Das Bescheidteam hat ordentlichen Druck
Und weil der telefonische Bescheid nur 48 Stunden gilt, hat nun das Bescheidteam Druck, diesen schriftlich zu verfassen „Speziell sie sind oft bis spät in die Nacht im Amt, sieben Tage die Woche“, weiß der Imsterberger, „wir natürlich auch.“ Denn man habe sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Alle Neuinfektionen bis 17 Uhr werden am selben Tag fix und fertig gemacht! Und am nächsten Tag geht’s weiter. 

Kontaktpersonen durchtelefonieren und zum Test anmelden, zweiter Akt, nur wesentlich umfangreicher! „Jeder kämpft, wir sind enger zusammengewachsen“, sieht Gstrein das Positive am Ganzen, „aber auf Dauer wäre das kein Leben. Ich habe zwei kleine Kinder, die ich nicht oft sehe und hoffe auf ein baldiges Ende.“ Für den scheidenden Bezirkshauptmann Waldner sind die „Tracer“ Corona-Helden: „Ich bin unglaublich stolz auf das gesamte Team, jeder ist für jeden da. Immerhin müssen wir auch den normalen Betrieb weiter am Leben halten.“

Hubert Daum
Hubert Daum
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