12.11.2020 09:47 |

Wirbel in Kroatien

Kriegsopfer-Gedenkzug findet trotz Corona statt

Trotz Corona-Pandemie wird in Kroatien nächste Woche der alljährliche Gedenktag für die Opfer der ostkroatischen Stadt Vukovar abgehalten. Bis zu 500 Menschen dürfen am kommenden Mittwoch an dem traditionellen Trauerzug durch die ostslawonische Stadt teilnehmen, berichteten Medien des Balkanlandes. Eigentlich sind Versammlungen auf höchstens 50 Personen beschränkt, doch für diese Veranstaltung wurde erst Montag eine Ausnahme beschlossen. Das sorgt für heftige Kritik.

Bis zu 500 Teilnehmer werden unter kontrollierten Bedingungen an dem Gedenkzug teilnehmen dürfen. Sie können sich in Gruppen von 25 Personen mit ausreichender Distanz durch die Stadt bewegen, wobei sie Schutzmasken tragen müssen, hieß es. Die Entscheidung, eine Massenversammlung inmitten der Pandemie zuzulassen, wurde von kroatischen Ärzten als „Heuchlerei“ kritisiert. Aus dem Verband von Krankenhausärzten (HUBOL) hieß es, dass die Epidemie in Kroatien bereits außer Kontrolle geraten sei, weshalb es strengere Maßnahmen brauchen würde und keine großen Versammlungen zuzulassen wären. Der bekannte Forscher Ivan Djikic von der Frankfurter Goethe-Universität appellierte an die Regierung, aus gesundheitlichen Gründen auf den Gedenkzug zu verzichten und stattdessen einen virtuellen Gedenktag abzuhalten.

„Krisenstab agiert politisch“
Ein Teil der links- und liberalgerichteten Opposition zeigte sich ebenfalls kritisch. Die Regierung werde Kriegsopfern gedenken, indem die Gesundheit und das Leben der Stadtbewohner von Vukovar gefährdet, kritisierte die bürgerlich-liberale Allianz GLAS („Stimme“). Die Plattform „Mozemo“ von dem links-grünen Block betonte, dass man in einer Situation mit Tausenden Neuinfektionen und 35 bis 40 Todesfällen pro Tag der Gesundheit Priorität einräumen sollte. „Die Maßnahmen des Krisenstabs dürfen nicht willkürlich und politisch opportunistisch sein, weil das zusätzlich das Vertrauen in die Institutionen schwächt“, hieß es. Auch in den Medien wurde die Ausnahme kritisiert: „Es hat sich erneut bestätigt, dass der Krisenstab die Entscheidungen auf politischen und nicht auf epidemiologischen Kriterien basiert“, kommentierte das Nachrichtenportal „Index“.

Regierung verteidigt Ausnahmeregelung
Veteranenminister Tomo Medved verteidigte die Ausnahme für Vukovar in Hinblick auf den wichtigen Platz, den die Stadt in der kroatischen Geschichte einnimmt. „Es ist unsere Pflicht, den Opfern von Vukovar und Skabrnja und dem Leiden im Heimatkrieg zu gedenken“, sagte er am Dienstagabend im kroatischen Fernsehen. Die Gedenkfeier sei optimal organisiert worden, sodass die Gesundheit der Teilnehmer berücksichtigt werde, argumentierte er.

Am 18. November 1991 war Vukovar nach knapp dreimonatiger Belagerung durch die Jugoslawische Armee und serbische Milizen gefallen. Die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Laut kroatischen Quellen wurden während der Belagerung mehr als 3000 kroatische Soldaten und Zivilisten verschiedener Nationalitäten getötet, noch heute werden rund 300 Bewohner vermisst. Als größtes Kriegsverbrechen gilt die Ermordung von etwa 200 Menschen, die von serbischen Truppen unmittelbar nach dem Fall der Stadt aus dem Krankenhaus auf die Schweinefarm Ovcara gebracht und getötet wurden.

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