06.11.2020 18:47

Warum der Hass?

„Vorstellung, dass der Westen Muslime angreift“

Der widerwärtige Anschlag vom zweiten November in Wien reiht sich ein in eine Serie an islamistischen Angriffen in Frankreich, Belgien, Deutschland, Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Seit Jahren kämpfen westliche, liberale Demokratien mit dem Thema; dem Terror ein Ende zu setzen, ist uns bisher nicht gelungen. Woher dieser Hass auf Europa kommt, hat krone.tv-Journalistin Damita Pressl diese Woche bei „Moment Mal“ gefragt.

Es sind „Mitglieder einer kleinen, sich als Elite verstehenden Gruppe der ,einzig wahren Muslime‘“, erklärt Extremismus-Experte Thomas Schmidinger, und vergleicht den Dschihadismus mit einer Sekte. Der Westen als Feind biete sich an, erklärt Soziologe Kenan Güngör, denn dass der Westen Muslime angreife, „das ist kein Narrativ, das nur die Dschihadisten nutzen. Das sind leider kollektive Vorstellungen und Gemeingut in großen Teilen der islamischen Welt, die nicht nur von religiösen Gelehrten, sondern auch von Politikern genutzt werden“.

Zusätzlich sei problematisch, so Güngör, dass die Religiosität in der islamischen Welt ganz allgemein um ein Vielfaches höher sei - und damit sei auch Religionskritik ein klares Tabu. Aus dieser Mentalität heraus ergeben sich also ganze Protestwellen und Boykotts, wenn ein europäischer Staatschef die Meinungsfreiheit in unseren Gesellschaften verteidigt.

Aber wie kann es sein, dass ein junger Mann in Österreich heranwächst, nichts mit der islamischen Welt zu tun hat, und dennoch beschließt, in der Innenstadt Unschuldige zu richten? „Das sind alles junge Menschen, die eine starke Entfremdungserfahrung machen“, erklärt Schmidinger die Gemeinsamkeiten zwischen jenen Jugendlichen, die sich dem sogenannten Dschihad anschließen. Darin fänden sie dann Zugehörigkeit, einen Lebenssinn und eine Bedeutung.

„Der Dschihadismus bietet Vollinklusion in eine Gruppe, die dich immer mehr auch von der Gesellschaft ausgrenzt“, sagt Schmidinger - wie das in einer Sekte der Fall ist. Deradikalisierung sei daher grundsätzlich möglich, es sei aber ein langer Prozess. Patentrezept gäbe es keine.

Wichtig sei allerdings die emotionale Integration, erklärt Güngör, denn jemand, der sich der Mehrheitsgesellschaft wirklich zugehörig fühlt, kommt nicht auf die Idee, in den Glaubenskrieg zu ziehen. „Jugendliche, die hier aufwachsen, haben oft das Gefühl, nicht wirklich gewollt zu sein. Das machen die Amerikaner besser.“ 

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