28.09.2020 20:58 |

Hohe Dunkelziffer

Daten zeigen das wahre Ausmaß der Corona-Pandemie

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind weltweit mehr als 30 Millionen Infektionen mit dem Coronavirus verzeichnet worden. Doch wie weit ist das neue Coronavirus SARS-CoV-2 tatsächlich verbreitet? Immer wieder ist auch von Experten zu hören, dass die offiziellen Corona-Zahlen kein verlässliches Bild der aktuellen Realität zeichnen würden und die Dunkelziffer wesentlich höher sei. Das wahre Ausmaß der Pandemie sei viel schlimmer, legt jetzt auch ein Bericht des „Economist“ nahe, der sich auf Daten von weltweit 279 Antikörperstudien beruft.

Wie viele Menschen haben bereits eine Corona-Infektion durchgemacht und sind jetzt zumindest für eine gewisse Zeit immun? Das wollen zahlreiche Wissenschaftler, etwa auch am renommierten Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland, in sowohl groß angelegten als auch klein dimensionierten seroepidemiologischen Studien herausfinden. Hintergrund: Die offiziellen Meldezahlen spiegeln nur einen Teil der SARS-CoV-2-Infektionen wider. Denn nicht jeder Infizierte entwickelt so starke Symptome, dass er zum Arzt geht, und nicht jeder mit Symptomen wird getestet. Die Annahme ist also, dass die Durchseuchungsrate wesentlich höher ist, als die täglich vermeldete Infektionsrate abbildet.

Untersucht wird deshalb, ob sich im Blut der Studienteilnehmer Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachweisen lassen - ein sicherer Hinweis auf eine durchgemachte Infektion. Die Forscher bekommen so ein genaueres Bild über das Corona-Geschehen. „Die Ergebnisse der Antikörperstudien sind von großer Bedeutung, um Verlauf und Schwere der Pandemie genauer abschätzen und die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen besser bewerten zu können“, unterstrich etwa Prof. Lothar H. Wieler, Präsident des RKI, zum Auftakt der entsprechenden Studie seines Instituts im April.

Im Mai bereits mehr als fünf Millionen Infektionen pro Tag
Der „Economist“ wagte jetzt eine Schätzung basierend auf 279 Antikörperstudien in 19 Ländern: Demnach deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich die Infektionszahlen schon Ende Jänner - also zu einem Zeitpunkt, als der neuartige Coronavirus noch nicht als Bedrohung für die Welt betrachtet wurde - in einer Höhe von mehr als eine Million Neuansteckungen pro Tag bewegt haben dürften. Im Mai dürfte die weltweite Ansteckungsrate dem Bericht zufolge bereits mehr als fünf Millionen pro Tag betragen haben.

Zwischen 500 und 730 Millionen Menschen - rund 6,4 bis 9,3 Prozent der Weltbevölkerung - haben sich demnach mittlerweile infiziert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zwar bislang noch keine Daten zu seroepidemiologischen Studien veröffentlicht, es wird jedoch daran gearbeitet. Die WHO nannte aber als geschätzte Obergrenze der Infektionen zehn Prozent der Weltbevölkerung, was der „Economist“-Schätzung entsprechen würde.

Die Zahl der Infizierten in Antikörperstudien, die direkt mit den offiziellen Meldezahlen verglichen werden kann, sei jedenfalls häufig viel größer, heißt es in dem Bericht. In Deutschland etwa, wo die Zahl der Fälle niedrig war und viel getestet wurde, betrug die Seropositivitätsrate im August das 4,5-Fache der Rate an offiziell registrierten Corona-Fällen. Auch in Ischgl hatte sich etwa bei einer Antikörperstudie bei immerhin 42,4 Prozent der Bevölkerung vor dem Sommer gezeigt, dass es in Bezug auf die oftmals nahezu symptomlos verlaufenden Covid-19-Infektionen eine beträchtliche Dunkelziffer gibt.

Bericht „fast sicher“: Virus weiter verbreitet, aber weniger tödlich
Wenn die Krankheit also weitaus weiter verbreitet ist, als es scheint, ist sie proportional weniger tödlich als offizielle Statistiken, die hauptsächlich in reichen westlichen Ländern erhoben wurden, sie aussehen lassen? Laut dem „Economist“ lautet die Antwort: „Fast sicher.“ Möglich sei aber auch, dass die Todesfälle falsch gezählt wurden. Viele, die seit Beginn der Pandemie an dem neuartigen Virus gestorben sind, hatten etwa keinen positiven Corona-Test. Hier kann wiederum zum Beispiel die Auswertung der Übersterblichkeitsrate helfen, zu genaueren Ergebnissen zu kommen.

So schreibt der „Economist“, dass die Schätzungen, die auf seroepidemiologischen Studien basieren, zwar mit Vorsicht zu genießen seien - trotz aller Ungenauigkeiten würden die Antikörperstudien aber dabei helfen, ein besseres Bild vom wahren Ausmaß der Corona-Pandemie zu zeichnen. In Österreich hatte ein Forscherteam übrigens Ende Juni ein Konzept für eine bundesweite Antikörperstudie präsentiert. Eine solche Studie bräuchte demnach zwischen 5000 bis 10.000 Teilnehmer, hieß es damals. Seither ist allerdings nichts mehr über das geplante Projekt an die Öffentlichkeit gedrungen.

Harald Dragan
Harald Dragan
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