20.09.2020 06:00 |

Album „Alles fließt“

Kultrocker BAP drehen noch einmal kräftig auf

Der Ort, den Wolfgang Niedecken für das Gespräch über das neue BAP-Album „Alles fließt“ ausgesucht hat, könnte passender kaum sein: Es ist ein schwimmendes Bootshaus. Man sitzt an der Reling, und direkt darunter strömt der Rhein von den Bergen kommend dem Meer zu. Niedecken ist mit dem Fluss groß und alt geworden - im März wird er 70.

Im 20. Studioalbum der Kölner Rockband fließt tatsächlich so einiges zusammen. Die Themenvielfalt der 14 Songs, jene typische BAP-Mischung aus Alltagsbeobachtung, Liebeslied und politischem Bekenntnis, erinnert an die legendäre Frühzeit der Band, besonders an „Zwesche Salzjebäck un Bier“ von 1984. Ebenso breitgefächert ist das musikalische Spektrum: Von lauten Rocknummern mit kräftigen E-Gitarren über Reggae-Beats mit jauchzenden Bläsern bis hin zu traditionellen Gitarrenriffs und Akustik-Balladen ist alles dabei. Wie stets bei Niedecken schwingt eine bittersüße Melancholie mit.

Die Mähne ist noch da
Ja, die große Zeit von BAP. In den ersten Kanzlerjahren von Helmut Kohl waren die Kölner Mundart-Rocker die gefühlt einzig richtige Opposition. In seinen Texten griff Niedecken Themen auf, die Millionen bewegten - etwa Nazivergangenheit („Kristallnaach“) und Arbeitslosigkeit („Fortsetzung folgt“). Die Mähne von damals hat er immer noch, nur ist sie jetzt grau. 70 sei ein Alter für Golf und Parkbank, gesteht er sich in dem Lied „Op Odyssee“ ein - um sofort dagegen zu rebellieren: „Mann dat wöhr dä Horror, denn wie Ronnie, Keith un Bob will ich leever rocken, bess dä Herrjott säht: “Kumm ropp!‘“ („Mann, das wär der Horror, denn wie Ronnie, Keith und Bob will ich lieber rocken, bis der Herrgott sagt: “Komm rauf!‘“)

Tatsächlich mischt sich BAP immer noch ein und bezieht etwa mit „Ruhe vor‘m Sturm“ Stellung gegen Rechtspopulisten. „Skrupellose Bauernfänger, weltweit an der Macht, schwarmdemente Spießer haben sie brav dahin gebracht“, lautet der Text ins Hochdeutsche übersetzt. Denn auch darin ist sich BAP treu geblieben: Obwohl Kölsch von immer weniger Menschen gesprochen wird, hat die Gruppe daran festgehalten - sicher zurecht: Die weiche und biegsame Mundart macht den Zauber ihrer Musik wesentlich aus. Wobei Niedecken betont: „Du musst nicht meinen, dass die Leute kein Kölsch mitsingen können. Das können die alle, auch in Bayern und in der Schweiz. Genauso wie wir anfangs die Beatles mitgesungen haben, ohne alles zu verstehen.“ Gerade das lässt Freiraum für eigene Interpretation.

Veränderte Technik
Die frühen BAP-Alben hatten bei aller Professionalität etwas Handgemachtes, Ursprüngliches. Mit „Alles fließt“ schließt sich der Kreis auch hier. Als im August 2019 die Grundtakes der 14 Songs im Castle-Studio in Dresden eingespielt wurden, sang Niedecken direkt mit. „Also nicht erst am Schluss, wenn alles schön arrangiert ist. Das habe ich über Jahrzehnte falsch gemacht und erst bei meinen letzten Soloplatten in New Orleans und in Woodstock gelernt. Ich singe ja über Dinge, die mich bewegt haben, ich singe mir Sachen von der Seele. Das ist fast schon therapeutisch. Und das kann man beliebig oft wiederholen, bis es absolut clean ist.“

Bewegend ist die Hommage an seine Tochter: „Josie, sorry mittlerweile Josephine.“ Mitsingpotenzial hat „Huh die Jläser, huh die Tasse“, ein Song, in dem BAP all jene hochleben lässt, „die unsere Gesellschaft zum Teil schlecht bezahlt oder sogar unbezahlt im Ehrenamt zusammenhalten“, wie Niedecken es formuliert. Wegen Corona erhielt das Lied zusätzliche Aktualität. Die Pandemie macht BAP bei der geplanten Präsentation des Albums in einem Kölner Traditionssaal einen Strich durch die Rechnung. Auch an eine Tournee ist derzeit nicht zu denken, und ob Niedecken im März wie geplant seinen 70. in der Lanxess-Arena feiern kann, steht gleichfalls in den Sternen. Er will nichts überstürzen: „Ich weiß, es ist ein schlimmes Wort für einen Rock ‘n‘ Roller, aber ich sage es trotzdem: Wir müssen vernünftig bleiben.“

Ambivalentes Verhältnis
Das Album erschien am 18. September, dem 40. Todestag von Niedeckens Vater, der der Band ihren Namen gab: BAP ist von „Bapp“ - Kölsch für Papa - abgeleitet. Josef Niedecken hielt wenig von den Ambitionen seines Sohns und hat die Gruppe nie auf der Bühne gesehen. Die Fans wissen, dass es zu einer Aussprache nie mehr gekommen ist. Davon erzählt der bis heute bekannteste BAP-Song „Verdamp lang her“. Nun ist der Sohn selbst schon Großvater. „Wer mit 70 noch nicht merkt, dass er jetzt auf die Zielgerade einbiegt, der ist ein Meister im Verdrängen“, sagt er. Angesichts seines Alters und des allgemeinen Zustands der Musikbranche will er nicht ausschließen, dass „Alles fließt“ das letzte BAP-Album ist. „Genausogut kann es sein, dass wir nochmal aktiv werden. Alles möglich. Alles im Fluss.“

 Wien Krone
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