06.09.2020 07:00 |

Das große Interview

Kartnig: „Irgendwann kommt alles ans Tageslicht“

Mit dem Einzug in die Zwischenrunde der Champions League hat der SK Sturm Graz vor 20 Jahren Fußball-Geschichte geschrieben. Einer der Schöpfer des schwarz-weißen Fußballwunders hat seitdem von den Höhen der Society-Welt bis in den tiefsten Justiz-Sumpf eine emotionale Achterbahnfahrt erlebt: In seinem Haus in Graz-St. Peter hat Hannes Kartnig der „Krone“ Einblick in sein Gefühlsleben gewährt.

Herr Kartnig, vor 20 Jahren gab es europaweit rauschenden Beifall für den SK Sturm - was waren im Nachhinein Ihre Lieblingsmomente dieser goldenen Tage?
An das Auswärtsspiel bei Real Madrid werde ich mich immer erinnern - ich habe im Bernabeu-Stadion den Rasen geküsst. Im Rückspiel haben wir die Real-Bosse im Schloss Eggenberg empfangen. Gigantisch, was die steirische Landesregierung möglich gemacht hat. Wie ein Staatsempfang. Wir haben den Spaniern Lodenmäntel und Steirerhüte als Gastgeschenk überreicht. Präsident Sanz war so bewegt, dass er mir seine brillantenbesetzte Real-Nadel geschenkt hat. Auch Istanbul vergesse ich nie, als wir mit Feuerzeugen beschossen wurden - und dann neben mir der türkische Finanzminister zittern musste, ob Galatasaray mit uns in die Zwischenrunde aufsteigen durfte. Aber die Champions League ist ja nebenbei passiert, denn eigentlich hat mich nur der Meistertitel interessiert. Den hatte es damals in der Steiermark noch nie gegeben. Diese Zeit war ein Wunder! Bürgermeister Nagl hat mir gesagt, dass sie nach unserer Meisterparade mit dem Riesenfeuerwerk am Schloßberg in der Stadt noch zwei Jahre gebraucht haben, um die Konfetti von der Straße zu kriegen.

Das war echte Werbung für Graz und die Steiermark.
Ja, wir haben wirklich etwas geboten. Es macht mich heute noch stolz, dass mich Sir Alex Ferguson nach unserer Niederlage in Manchester getröstet hat: Du braucht dich nicht genieren, du hast eine echt gute Truppe. Auch Herbert Prohaska hat uns gelobt, hat gesagt, dass er gerne in dieser Mannschaft gespielt hätte. Das kann mir keiner wegnehmen!

Was waren die Bausteine für das Sturm-Wunder?
Es war ein Glück, dass ich absolute Fachmänner fürs Sportliche gehabt habe, ich hab’ ja nicht einmal gaberln können. Ivica Osim war als Trainer eine Erscheinung, und Heinz Schilcher hatte tolle internationale Kontakte. Ich war halt der Wilde, der, wenn’s nötig war, gepoltert hat. Alles hat super zusammengepasst! Und ich hab’ viel Geld aufgestellt. Als Präsident hat man ja nur eine Funktion: Entweder du treibst das Geld auf oder du zahlst selbst rein. Und ohne Geld geht gar nichts! Mein Vorteil war, dass ich von der Werbung gekommen bin und genau gewusst habe, welche Budgets die Firmen haben. Und ich hab’ die Gabe gehabt, die Entscheidungsträger richtig anzupacken. Das waren Superzeiten. Aber das Geldaufstellen ist heutzutage wahnsinnig schwer geworden. Deshalb würde ich nie mehr den Präsidenten machen. Außer ich hätte den Chef von Amazon an der Angel.

Hätten Sie im Nachhinein etwas anders gemacht?
Mein größter Fehler war, dass ich zum Schluss falsche Leute in den Vorstand geholt habe. Da kam viel Unruhe rein, und gute Leute haben uns verlassen. Außerdem war ich zu vorlaut. Schwarzgeld haben ja alle bezahlt - aber ich war der Vorlauteste, deshalb ist mir letztlich passiert, was passiert ist.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Sturm heute?
Ich werde immer Sturm-Fan sein. Nur ins Stadion gehe ich nicht. Ich meide betrunkene Fans, von denen ich beleidigt werden könnte. Das brauch ich nicht! Wobei ich denke, dass 90 Prozent noch klatschen würden, denn ich hab’ Sturm Erfolg gebracht. Es war zwar mein Verhalten nicht ganz korrekt mit dem steuerschonenden Modell, aber die Leute wissen, dass ich es mit Herz gemacht und mich nie am Klub bereichert hab’. Es hat mir riesigen Spaß gemacht, als damals 15.000 Leute meinen Namen gerufen haben. Sogar heute krieg ich noch Dankesbriefe. Unlängst habe ich in Italien einen getroffen, der immer aus Tirol zu unseren Spielen nach Graz gereist ist. Das war für ihn die schönste Zeit. Und nicht nur für ihn!

Sie haben viele Fußball-Derbys erlebt - halten Sie den GAK in Graz für förderlich oder hinderlich für Sturm?
Der GAK ist lebensnotwendig für Sturm. Bei Derbys kommt viel Geld rein. Wer das nicht sieht, ist ein Dummkopf und hat von Unternehmergeist keine Ahnung. Konkurrenz belebt das Geschäft.

Was macht Hannes Kartnig eigentlich heute privat?
Ich bin Pensionist, arbeite aber nach wie vor in meiner Werbefirma mit, die mein Sohn führt, und betreue meine alten Kunden. Aufhören kann ich nicht, weil es mir Spaß macht. Ich brauche die Arbeit, sonst würde ich wohl nicht mehr lange leben.

Das Hai-Aquarium in Ihrem Haus ist seit Jahren leer, ist der Rolls-Royce noch da?
Hab’ ich verkauft! Nach dieser Justizgeschichte hätten sie mir Steine nachgeworfen, wenn ich mit dem Rolls fahre. Man muss nicht provozieren. Man muss klüger werden und ruhiger. Dann hat man seine Ruhe.

Was würde Hannes Kartnig nie mehr machen?
Mit dem Gesetz in Konflikt kommen - das bringt nix. Denn irgendwann kommt alles ans Tageslicht.

Wer hat Ihnen in den Zeiten von Gerichtsprozessen und Gefängnis Halt gegeben?
Mein Sohn und meine Frau Claudia. Aber auch Kunden und Politiker.

Wie ist nach der langen Haftstrafe Ihr Verhältnis zur Justiz?
Ich bin niemandem böse. Die mussten tun, was im Gesetz steht. Die Justiz war sehr korrekt zu mir. Ich war ja auch kein Schwerverbrecher. Brutal war nur die Zeit als Freigänger, als Neider, die mich auf der Straße gesehen haben, angerufen haben und wissen wollten, ob der Kartnig auf der Flucht ist.

Wofür können Sie sich heute begeistern?
Ich reise gerne, höre gerne Musik - vor allem Oper - und treffe Leute, mit denen man lustig sein kann.

Mit wem würden Sie gerne einen Kaffee trinken?
Da gibt’s viele. Sebastian Kurz kenne ich, Didi Mateschitz ist ein Supermann. Ich liebe aber auch die Schlagersänger - die Paldauer, Semino Rossi, Helene Fischer

Wie verbringen Sie die nächsten Monate?
Ich bleibe in Österreich. Man weiß ja auch nicht, wie sich die Lage entwickelt. Die Jugendlichen mit ihren Corona-Partys müssen umdenken, auch wenn sie sich für unverwundbar halten.

Zum Abschluss: Welche Frage würde sich Hannes Kartnig selbst stellen?
Vielleicht die Frage, ob Hannes Kartnig glücklich ist? Und ich bin glücklich! Ich hab’ ein schönes Leben gehabt. Trotz der schwierigen Situation. Von meinem Darm-Krebs habe ich mich zum Glück erholt. Jetzt hoffe ich, dass ich noch lange gesund bleibe. Ich möchte irgendwann tot umfallen, ohne gelitten zu haben

Volker Silli
Volker Silli
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