08.06.2020 11:30 |

Mission Pride

„Das queere Leben findet überall statt“

Laut einer aktuellen Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte gehen 45 Prozent der LGBTIQ*-Menschen in Österreich nicht offen mit ihrer Sexualität um und nutzen Strategien, diese zu verheimlichen.

Mit „Mission Pride“ bietet der Verein GoWest einen persönlichen Zugang zum Thema „Outing“ und ruft Vorarlberger auf, ihre Geschichten zu teilen. Mit-Initiator Tom Pfanner hat der „Krone“ mehr über das Projekt und den Mut, sich zu bekennen, erzählt.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die „Mission Pride“ zu starten?

Wir erleben in unserer Vereinsarbeit eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Erfahrungen im Ländle. Für die einen ist ein Outing ein beiläufiges Ereignis, für andere hingegen ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem merken wir auch eine Entfremdung von Pride, also dem Symbol der Regenbogenfahne. Mittlerweile ist es auch bei Unternehmen oder Institutionen populär, Flagge zu zeigen. Das Thema Pride ist also im Mainstream angekommen. Nur manchmal stellt sich die berechtigte Frage, welche Beweggründe tatsächlich dahinter stecken. Gibt’s eine Message oder ist alles nur ein Marketing-Gag? Und daher wollen wir sichtbar machen, was Pride für einen Menschen bedeutet, der in Vorarlberg lebt. Unser langfristiges Ziel ist es, aus allen 96 Gemeinden Vorarlbergs eine Geschichte zu erzählen.

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Für die einen ist ein Outing ein beiläufiges Ereignis, für andere ist es auch heutzutage immer noch unmöglich, sich überhaupt zu bekennen.

Tom Pfanner

Was versteht man denn in der LGBTIQ*-Community unter „Pride“?

Pride heißt bekanntlich Stolz. Der Begriff ist sozusagen ein Gegenentwurf zu den Schammomenten, in welchen man sich fragt: „Kann ich es jetzt sagen oder besser nicht?“ Im Grunde ist Pride also ein positiv besetztes Bekenntnis zu sich selbst. Und wir versuchen herauszufinden, was das konkret in einem Leben bedeutet. Gleich ob das Outing in der eigenen Familie, das Hissen einer Regenbogenfahne oder sozialpolitische Arbeit - am Ende handelt es sich dabei um Bekenntnisse mit unterschiedlichen Wirkungen.

Die „Mission Pride“ läuft über den ganzen Monat Juni. Wie ist die erste Resonanz nach dem Auftakt?

Natürlich ist das Ziel, in einem Monat zumindest eine Bekennungs-Geschichte aus jeder der 96 Gemeinde zu finden, sehr ambitioniert. Aber das Scheitern ist einkalkuliert. Wenn es am Schluss dann doch nur 57 Geschichten sind, so bleibt die Frage: Was ist mit den anderen 39? Und da beginnt dann die eigentliche Mission: Eine Auseinandersetzung über queeres Leben in einer Region, die sich neuerdings als Landstadt bezeichnet. Die erste Resonanz war viel positiver, als wir erwartet hatten. In der ersten Woche haben sich schon fünf Leute gemeldet und ihre eigene Story eingereicht. Wir möchten das Projekt jedenfalls weiterführen.

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Die eigentliche Mission ist eine Auseinandersetzung über queeres Leben in einer Region, die sich neuerdings als Landstadt bezeichnet.

Tom Pfanner

Stimmt eigentlich das Klischee, dass die Menschen in Städten offener als jene auf dem Land sind?

Gute Frage! Ich glaube, genauso wie man Vorurteile gegenüber LGBTIQ*-Menschen hat, gibt es diese auch gegenüber der Provinz. Das ist auch etwas, was wir aufbrechen wollen. Lustigerweise haben wir aus den Städten derzeit nur Bregenz mit dabei und diese Geschichte haben wir selbst erarbeitet. Es gibt überall andere Herausforderungen, aber das queere Leben findet überall statt - egal ob Stadt oder Land.

Dein eigenes Bekennen ist ja schon viele Jahre her. Was hat sich seitdem deiner Meinung nach in der Gesellschaft getan?

Es ist 13 Jahre her und seitdem ist rechtlich viel weitergegangen, ich denke da etwa an die Ehe für alle. Das ist natürlich toll. Es gibt auch über die Medien eine ganz neue Art von Repräsentation, man merkt einfach, dass queere Menschen sehr viel selbstbewusster und präsenter sind. Allerdings merken wir bei unseren Workshops an den Schulen, dass es noch viel zu tun gibt. Junge Menschen kommen zwar mit unseren Themen in Kontakt, aber diese sind immer noch sehr negativ behaftet. Und wir haben nicht das Gefühl, dass Schulen ein sicherer Ort für queere Menschen sind, um sich zu entfalten.

In einer eurer Geschichten ist auch zu lesen, dass ein lesbisches Paar nicht ernst genommen wurde, als es bei einer öffentlichen Institution eine Partnerkarte angefordert hat.

Das ist ein typisches lesbisches Problem. Bei Schwulen wird gleich ein Schalter umgelegt: Kaum geht das Gerücht um, ein Mann sei schwul, glauben es alle. Bei homosexuellen Frauen ist es hingegen eher so, dass sie argumentieren müssen. Es heißt dann, sie würden nur herumexperimentieren oder hätten noch nie einen richtigen Mann gehabt. Sie müssen sich rechtfertigen. Das zeigt letzten Endes auch, dass es in Teilen unserer Gesellschaft immer noch nicht ganz angekommen ist, dass zwei Frauen ein Paar sein können.

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Junge Menschen kommen in den Schulen zwar mit unseren Themen in Kontakt, aber diese sind immer noch sehr negativ behaftet.

Tom Pfanner

Ist es nicht auch ein Ziel, sich nicht mehr bekennen zu müssen?

Solange unsere Gesellschaft noch immer automatisch davon ausgeht, dass ein Mensch hetero ist und auch ein dementsprechendes Leben führt, kommt man als LGBTIQ*-Mensch um ein Bekenntnis zu sich selbst nicht herum. Ob in der Familie oder am Arbeitsplatz - das sind die Momente, in welchen wir uns bekennen müssen. Dieses „Zu-sich-stehen-Müssen“ verbindet uns letztlich aber auch.

Anmerkung der Redaktion: „Queer“ ist ein Sammelbegriff für Personen, die nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen . Mehr Info zum Projekt unter www.mission-pride.at

Zum Verein:

GoWest ist ein gemeinnütziger Verein für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* Personen, welcher queere Lebensweisen in Vorarlberg sichtbar macht. Das Ziel ist es, die Anliegen von LGBTIQ*-Menschen und deren Angehörigen in Vorarlberg zu vertreten. Für den Pride-Monat Juni wurde das Projekt „Mission Pride“ ins Leben gerufen.

Sandra Nemetschke
Sandra Nemetschke
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