04.06.2020 10:00 |

Die neue Normalität

Nova Rock 2020: Rock‘n‘Roll fürs Wohnzimmer

Nova Rock 2020 abgesagt - von wegen! Um das größte Rockfestival Österreichs durch die Corona-Restriktionen nicht ganz ausfallen zu lassen, haben sich Veranstalter Barracuda Music und Red Bull zusammengefunden, um am 29. Mai eine „Lightversion“ mit Seiler und Speer, Black Inhale und Co. für das Wohnzimmer zu filmen. Ohne Publikum, aber mit viel Wiedersehensfreude und etwas Wehmut. Der allgemeine Tenor: es geht bald wieder aufwärts! Auch für Veranstalter Ewald Tatar, den wir zum Interview gebeten haben.

Das ist die neue Normalität: Vier Bands auf der Bühne, ein paar fleißige Techniker, die für Aufbau, Sound und Licht sorgen. Einige Menschen vom Veranstalterteam, der örtliche Bürgermeister, eine Handvoll ausgewählter Medienvertreter und ein Caterer, der für Speis und Trank sorgt - das war das Nova Rock 2020. Mithilfe von Red Bull und unter dem Motto „You Can’t Cancel Rock’n’Roll“ wurde auf den Pannonia Fields im burgenländischen Nickelsdorf am 29. Mai das vielleicht einzige Open-Air-Popmusik-Festival des Jahres veranstaltet. „Ich bin unglaublich froh, dass wir das überhaupt mit diesem Minimalaufwand geschafft haben“, erklärt Veranstalterchef Ewald Tatar der „Krone“ im Interview, „die Sonne hat gelacht und es gab sogar den typischen Nova-Rock-Wind. Für mich hat sich das einfach gut angefühlt.“

Zeichen des Zusammenhalts
Dem Corona-Virus und seinen dadurch eingeleiteten, strengen Regierungsrestriktionen zum Trotz haben sich die einheimischen Bands Seiler und Speer, Black Inhale, Kaiser Franz Josef und Reverend Backflash sofort für dieses einmalige Event bereiterklärt. Alles Gruppen, die beim „normalen“ Nova Rock teilgenommen hätten und auch schon für das Festival 2021 fix zugesagt haben. Für Bands und Veranstalter ist das Event nicht nur ein Zeichen der Musik, sondern auch des Zusammenhalts. „Es ist ein tolles Zeichen für die Branche“, so Bernhard Speer im Interview, „all die Techniker, die seit Monaten in der Luft hängen und nicht wissen, wie es weitergehen soll, können heute ihrem Job nachgehen. Es ist ein wichtiges Zeichen für die Branche im Allgemeinen.“

Die rund 150.000 Fans, die ansonsten beim Nova Rock zu Gast sind, können sich die 2020er Version via Internet ins Wohnzimmer streamen. Für Seiler und Speer, die unter anderem „Herr Inspektor“, „Ala bin“, „Soits leben“ und den Top-Hit „Ham kummst“ zum Besten gaben, war der Auftritt vor der leeren Ackerfläche auch ungewohnt, aber interessant. „Ein bisschen lächerlich ist es schon, wenn auf der Bühne ungefähr gleich viele Leute stehen wie davor“, reflektiert Seiler den Abend. Speer fügt lachend hinzu: „Aber so neu ist das für uns jetzt auch nicht. In diversen anderen Projekten haben wir jahrelang gespielt, ohne dass uns wer zugesehen hat.“ Produktiv waren die beiden in der Zwischenzeit weniger. Während Speer sich um seinen Garten und die Kinder kümmerte, nutzte Seiler die Zeit zum Ausspannen. „Wir haben jetzt aber auch eine fünfjährige, aufregende Reise hinter uns“, erklärt Speer, „da war es schon ganz okay, dass wir jetzt mal eine längere Pause hatten.“

Wiederentdecktes Neuland
Um die größtmögliche Authentizität herzustellen, hat sich Veranstalter Barracuda Music bewusst für das Originalsetting im Burgenland entschieden. Die Red-Bull-Bühne anstelle der Red Stage, ein verkleinerter Backstagebereich und das von Tatar bereits eingangs zitierte Festivalfeeling mit viel Staub, etwas Bier und einem malerischen Sonnenuntergang am Abend. Zwar ohne Besucher, aber mit einem gewissen Kribbeln bei allen Beteiligten, für die sich das Dargebotene ein bisschen wie wiederentdecktes Neuland anfühlte. Für einen Tag konnte man vergessen, dass es bis 31. August keine Events in dieser Art mehr geben wird und die Open-Air-Saison in der Konzertlandschaft völlig ins Wasser fällt. Aufgrund von Reiserestriktionen, einem globalen Fleckerlteppich bezüglich unterschiedlicher Maßnahmen und fehlender Planbarkeit wird wohl auch der Konzertherbst „light“ stattfinden.

Tatar selbst sieht sich und die Branchenkollegen vor allem von der Politik im Stich gelassen. „Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir schon seit Tagen und Wochen die Frage stelle, was sich die Politik in Bezug auf uns Konzertveranstalter denkt. In unserem Marktsegment sind wir mit etwa acht Millionen verkauften Tickets pro Jahr nicht in den Köpfen der verantwortlichen Personen drinnen und ich hoffe, dass es langsam so weit ist, dass wir irgendwann ankommen. Wenn ich eines definitiv nicht tue, dann das Ganze auszusitzen. Ich werde weiterhin Druck machen, dass man uns endlich anhört, weil wir auch kein unwesentlicher Wirtschaftsfaktor in diesem Land sind. Bei den bisherigen Lösungen sieht man, dass Lobbying in Österreich sehr gut wirkt, weil für die sogenannten Hochkultur wie die Salzburger Festspiele oder Grafenegg wurden schnell Lösungen gefunden. Da geht es rein um bestuhlte Situationen, die mit uns überhaupt nichts zu tun haben. Es wird jetzt wirklich Zeit, uns anzuhören und mit uns ins Gespräch zu kommen.“

Einfach Spaß haben
Die Probleme kennt Musiker Speer auch auf Bandebene. „Auch in unserem Team wird es bei manchen Leuten mittlerweile eng. Sie wissen nicht, wann es weitergeht und wie die Regierung entscheidet. Da sollte der Staat helfen und die Leute nicht hängen lassen. Wir rücken in unserem Team alle eng zusammen. Hier wird niemand verhungern und es wird auch keiner rausfallen.“ Solidarität als oberstes Gebot in prekären Zeiten. Der Zusammenhalt der „Musikfamilie“ auf allen Terrains hat für einen Tag jedenfalls wunderbar funktioniert. Den Rock’n’Roll kann man eben genauso wenig niederringen wie das Nova Rock - das zu Pfingsten 2021 stattfinden wird, schon in der Planungsphase steckt und bald die nächsten Bands präsentieren wird. Tatar ist grundpositiv gestimmt: „Ich habe den Wunsch, dass wir 2021 genauso hier am Gelände dastehen wie am Ende des Nova Rock 2019. Mit viel Spaß hinter uns und viel Spaß vor uns. Dass wir alle die Zeit genießen können und positive Gedanken haben.“ Das Nova Rock 2020 gibt es am Freitag, 12. Juni, 20.30 Uhr, auf redbull.com/novarock2020 als Livestream zu sehen.

Wir haben Veranstalter Tatar beim Event zum Interview gebeten:
„Krone“: Ewald, wie fühlst du dich hier unter in paar Handvoll Menschen beim „Nova Rock 2020“ in Nickelsdorf?
Ewald Tatar:
Es ist schön. Mit dem Bewusstsein, dass es heuer wohl die einzige Open-Air-Veranstaltung ist, der ich beiwohnen werde, fühlt sich das gut an. (lacht) Es ist natürlich alles viel kleiner und schmucker, ganz klar. Man kennt so gut wie alle Leute, was normal beim Nova Rock nicht so ist. Nach gut zwei Monaten tut es aber auch gut, aus dem Büro zu kommen und unseren Alltag wieder zu spüren - nämlich ein Konzert zu veranstalten und Livemusik zu hören.

Wie kam es zu der Idee, dieses einmalige Event namens „You Can’t Cancel Rock’n’Roll“ durchzuführen?
Die Idee des Namens entstand gemeinsam mit Red Bull, aber schon bei der diesjährigen Nova-Rock-Absage war das ursprünglich unser Leitspruch. Er bringt es für uns alle auf den Punkt und darum hat sich Red Bull auch bereit erklärt, ihn so einzubauen. Wir ziehen damit wirklich von hinten bis vorne eine Nova-Rock-Linie durch.

War das das Nova Rock in seiner für 2020 möglichsten Form.
Als wir das echte Nova Rock absagen mussten, hätte ich mir nicht einmal gedacht, dass wir etwas in dieser Form veranstalten können. Ich bin wirklich froh, dass wir da mit einem Minimalaufwand etwas machen konnten. Aber es steht eh viel herum, es gibt sogar etwas zu essen. Die Sonne scheint und es gibt sogar den typischen Nova-Rock-Wind.

Genau ein Jahr später, nämlich zu Pfingsten 2021, wird es das Nova Rock hoffentlich wieder in alter Frische geben. Unter anderem auch mit allen vier Bands, die hier heute auftreten.
Exakt. Alle Bands, die heuer gespielt hätten und nächstes Jahr fix dabei sind. Das war auch ein bewusstes Zeichen.

Es geht ja beim Buchen für das Nova Rock 2021 nicht nur um Verträge und Pläne, sondern auch um Reiserestriktionen, die absolut nicht absehbar sein. Wie gestaltet sich der Buchungsprozess daher für dich?
Man kann sich unmöglich absichern, da wir alle nicht wissen, wie sich die Dinge entwickeln. Ich hoffe so bald wie möglich damit beginnen können, Konzerte zu spielen, aber bis 31. August ist das ohnehin illusorisch. Es werden auch im Herbst nicht sehr viele Konzerte übrigbleiben, aber wir wollen die Unsicherheit aus den Köpfen der Leute bringen. Man muss versuchen, dass was noch übrigbleibt, möglichst gut spielen zu können. Damit wollen wir auch Schritt für Schritt für Sicherheit sorgen. Vor Ort können wir für Sicherheit sorgen, aber die mentale Unsicherheit ist derzeit viel schlimmer - das sieht man mitunter auch an der Gastronomie. Das wird ein hartes Stück Arbeit und wird seine Zeit brauchen, aber ich hoffe schon, dass es uns bis Pfingsten 2021 gelungen ist.

Gerade Bands aus den wichtigen Märkten wie den USA oder Großbritannien zu bekommen, wird wohl noch länger schwierig sein. Wie wird diese Lage deiner Meinung nach den ganzen Konzertmarkt verändern oder prägen?
Das wissen wir jetzt alle nicht. Wenn es so bleibt wie jetzt, werden wir auch 2021 keine Konzerte haben, aber davon geht keiner aus. Die Zahlen gehen auch in den USA oder Großbritannien zurück, aber bis 31. August passiert jetzt einmal gar nichts und was danach ist, wird man sehen. Ich gehe aber schon davon aus, dass die Reisemöglichkeiten im Herbst und Winter einfacher sein werden.

Durch die hohen Arbeitslosenzahlen und die Unsicherheiten am Jobmarkt sind die Menschen natürlich auch weniger gewillt, ihr Geld in Freizeit- und Kulturaktivitäten zu investieren. Trifft das mittel- oder langfristig auch euch als Konzertveranstalter?
Wir werden das definitiv spüren. Das zu negieren und so zu tun, als gäbe es die Situation nicht, wäre sehr dumm. Auf der anderen Seite denke ich mir, dass die Menschen trotzdem ausbrechen und einen schönen Abend mit Emotionen erleben wollen - auch in Zukunft.

Der Kunst- und Kulturbereich wurde von der Politik lange etwas stiefmütterlich behandelt und gerade bei großen Events im Populärmusikbereich wie auch Großkonzerten oder euren Festivals hat man bis dato noch keine wirkliche Lösung gefunden und auch die Aussichten gehen derzeit noch gegen null. Inwiefern fühlst du dich dabei persönlich im Stich gelassen?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir schon seit Tagen und Wochen die Frage stelle, was sich die Politik in Bezug auf uns Konzertveranstalter denkt. In unserem Marktsegment sind wir mit etwa acht Millionen verkauften Tickets pro Jahr nicht in den Köpfen der verantwortlichen Personen drinnen und ich hoffe, dass es langsam so weit ist, dass wir irgendwann ankommen. Dass wir die Möglichkeit auch bekommen, uns an den Tisch zu setzen und unsere Bitten und Wünsche zu äußern. Wenn ich eines definitiv nicht tue, dann das Ganze auszusitzen. Ich werde weiterhin Druck machen, dass man uns endlich anhört, weil wir auch kein unwesentlicher Wirtschaftsfaktor in diesem Land sind. Bei den bisherigen Lösungen sieht man, dass Lobbying in Österreich sehr gut wirkt, weil für die sogenannte Hochkultur wie die Salzburger Festspiele oder Grafenegg wurden schnell Lösungen gefunden. Da geht es rein um bestuhlte Situationen, die mit uns überhaupt nichts zu tun haben. Es wird jetzt wirklich Zeit, uns anzuhören und mit uns ins Gespräch zu kommen.

Nachdem die Regeln etwas aufgeweicht wurden - willst du nun kurzfristig kleinere Events noch diesen Sommer veranstalten?
Nein. Ich muss sagen, für uns ist das nur in anderen Dimensionen interessant. Es bewegt sich derzeit alles mit bestuhlten Situationen oder mit großen Abständen im Stehbereich. Das ist ein Krampf und bringt nichts und deshalb wollen wir lieber aktiv Lösungen suchen für die Zeit nach dem 31. August. Bis dorthin ist noch viel Zeit, aber wir müssen das Ganze endlich angehen und Wege und Mittel finden, wie man Konzerte im Stehbereich hochfährt. Gerne auch stufenplanmäßig. Wir haben jede Menge Ideen und Konzepte, brauchen aber jetzt einmal einen Ansprechpartner, mit denen man daran arbeiten kann.

Die Meinung zum Corona-Virus und seinen Auswirkungen haben sich auch in Österreich bei jedem Einzelnen oft geändert, weil man auch mit einer Art Präzedenzfall zu tun hatte. Wie ging es dir persönlich über die letzten zweieinhalb Monate?
Ich bin derzeit bezüglich Corona absolut beruhigt. Es ist kein Thema, das mein Leben nachhaltig beeinflusst, aber ich muss zugeben, dass mich das Ganze mit der anfänglichen Angstmache drei, vier Tage ordentlich erwischt hat. Da bin ich wirklich auf diesen Zug aufgesprungen, aber ansonsten versuche ich schon, allem realistisch entgegenzusehen. Ich will der Sache jetzt positiv begegnen, denn so ticke ich. Es bringt nichts, uns zu verstecken und Angst zu haben. Es muss irgendwie weitergehen und deshalb habe ich mir als Ziel gesetzt, nur mehr positiv nach vorne zu schauen. Schlechter kann es nicht werden.

In einem Jahr werden wir hier hoffentlich wir vor einem kompletten Nova Rock stehen. Wie stellst du dir den Pfingstbeginn 2021 diesbezüglich vor?
Ich habe nur den Wunsch, dass wir 2021 genauso wieder dastehen wie am Ende des Nova Rock 2019. Mit viel Spaß hinter uns und viel Spaß vor uns. Dass wir alle die Zeit genießen können und nur mehr positive Gedanken haben.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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