28.05.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Pauls Jets: Pittoreske Schönheit der Melancholie

Nach dem gefeierten Debütalbum „Alle Songs bisher“ legen die Wiener Pauls Jets diese Woche mit „Highlights zum Einschlafen“ nach. Ein Album voller Melancholie und Fantasie, Fiktion und Realität, Lokalkolorität und Fernweh. Songwriter und Frontmann Paul Buschnegg erklärte der „Krone“ im ausführlichen Gespräch, warum man keine klassische Band ist, was sie mit Reinhold Messner zu tun haben und wieso man viel von 2020 hält.

Die Deutschen lieben uns, das kann man so sagen. Wanda, Bilderbuch, Voodoo Jürgens - wenn gegenwärtige österreichische Tonkunst über die Grenzen schwappt, geifern die Fachmagazine nach jedem Klang und ergehen sich in nicht enden wollenden Lobeshymnen. Man muss Schmäh (Wanda) oder Idiom (Voodoo Jürgens) oft gar nicht verstehen, Musik ist schließlich eine universelle Sprache. Man muss auch die Botschaften und Inhalte nicht erfassen, um sich in den Orbit des magischen Sound-Sogkreises zu begeben. So geschehen etwa beim letztjährigen Debütalbum der Wiener Pauls Jets namens „Alle Songs bisher“. (Underground)-Hit um Hit reihte sich auf dem Debüt, von der Indie-Szene erkannt und gefeiert, vom Mainstream anfangs vorsichtig beäugt, aber schnell intensiv ins Herz geschlossen. „Highlights zum Einschlafen“ kündigt man jetzt an. Doppeldeutig, in die Irre führend, mystisch - alles, was die Band an sich schon ausmacht, spiegelt sich kongruent im Titel wider.

Die „offene Form“
Doch der Terminus „Band“ ist eher ein Behelfswort, das weiß Mastermind Paul Buschnegg im „Krone“-Gespräch: „Eigentlich sind wir eine Zweckband und treffen uns hauptsächlich zum Arbeiten und nur selten, um auf ein Bier zu gehen. Ich mag auch den Begriff Band nicht und würde, offene Form‘ bevorzugen. Eine Band ist für mich ein verrückter Haufen, der ohne einander nicht leben kann und quasi zusammenwohnt. Das tun wir zwar immer auf Tour, aber nicht zuhause im Alltag. Wir haben uns für dieses Album aber dazu gezwungen, öfter im Proberaum zu stehen und zusammenzuarbeiten.“ Mit den Sternen waren Pauls Jets im März auf erfolgreicher Deutschland-Tour, die ganz großen Städte wie Berlin oder Hamburg gingen sich durch die Corona-Krise aber nicht mehr aus. Während Pauls Kollegen Romy Park und Xavier Plus heimfuhren, blieb der Songwriter noch ein paar Tage bei Freunden in Berlin.

Berlin. An Glanz der freien Kulturszene hat die deutsche Bundeshauptstadt mittlerweile auch schon verloren, doch es bleibt ein Sehnsuchtsort für freiliebende Kreative. Für all jene, denen die Fesseln des klassischen Wiens manchmal zu eng sitzen. Für Buschnegg hat die sich durch alle Songs ziehende Melancholie und Düsternis auch nichts mit der angeblichen Morbidität seiner Heimat zu tun. „Die Songs entstanden zwischen Tür und Angel und manche davon waren sogar zu traurig, um sie aufs Album zu nehmen. Wien nehme ich an sich eher als langweilige und einsame Stadt wahr. Natürlich bin ich in Berlin Gast für ein paar Tage und kriege daher bewusst das Hedonistische und den Spaß mit, aber wenn ich heimkomme, wirkt Wien immer ein bisschen bieder.“ Vom Biedersein sind die Songs auf dem zweiten Pauls-Jets-Album weit weg. Es geht um Schlaf, Betten, Liebe, Sex und das Alleinsein. Um das Zwischenmenschliche und Echte, um Persönliches und Fiktionales. Ein nicht zu fassendes Gebräu aus Themen, Stichwörtern und Ideen, zusammengemixt in ein Indie-Rock-Kostüm, dass Buschnegg trotz aller Melodieverliebtheit nicht beim Pop verortet sehen möchte.

Limitation als Trumpf
„Der Begriff Pop impliziert für mich Musik von Dua Lipa, Justin Bieber oder Julian le Play. Man kann uns ruhig in Genres oder Subgenres unterteilen und sich dabei die Zähne ausbeißen, ich habe kein Problem damit. Ich würde uns aber schon eher als eine Rockband sehen.“ Die besondere Magie, die aus den Klängen der Songs fließt, fußt prinzipiell auf der kompositorischen Limitation Buschneggs. „Ich kann mir nicht so gut komplexe Strukturen merken, deshalb haben meine Songs einfache Muster und klingen vielleicht etwas poppig. Die Diversität im Sound wollte ich eher beim Debütalbum haben, hier war das nicht mehr so das große Thema. Ich habe aber grundsätzlich nach dem Fertigstellen das Bedürfnis, Dinge anders zu machen.“ Perfektionsgedanken ohne zu viel Perfektionismus reinzulegen, auch das zeichnet „Highlights zum Einschlafen“ aus.

Im Gegensatz zum Debüt klingt das Album runder und mehr aus einem Guss. Das Wort „Barock“ fällt beim 23-Jährigen oft. „Orchestral“ möchte man einwenden und hinzufügen. Und trotz dieses arrangierten Bogens ließen sich Pauls Jets viel Platz für Imperfektion. Manche Songs wurden im Studio live eingespielt, bei anderen, wie etwa der famosen Single „Blizzard“, die eigentlich für einen Kurzfilm geschrieben wurde, hat sich Buschnegg bewusst für den Rough Mix entschieden, weil er besser und echter klang als die verschönerte Version. „Der Beat im Song stammt von Springsteens ,Streets Of Philadelphia‘ und erst im Jänner, nach fast einem Jahr, haben wir ihn noch schnell umgekrempelt.“ Der Song ist inhaltlich ungewohnt explizit und deutlich geschrieben. „Das ist mitunter dem Film geschuldet. Es geht darin quasi um den Nonsens wohlstandsverwahrloster Kids bei einer Party im Wald. Es war einfach interessant über das Kaputtsein zu schreiben und nichts zu beschönigen.“ Beschönigen tut Buschnegg nichts bewusst, manchmal sind im aus dem eigenen Leben gegriffene Details, aber doch - eben - zu explizit. Den Soundtrack für die Generation Z zu schreiben, hat man Pauls Jets schon vor einem Jahr angedichtet.

Wienerischer als gewollt
In „Blizzard“ kommt sogar ein Auszug aus Reinhold Messners Buch „Arena der Einsamkeit“ vor. Der Bergsteiger und die Musiker - eine mehr als interessante Gemengelage. „Meine Mutter wollte einige Bücher wegschmeißen und da war eines von ihm dabei. Ich habe es dann in Hamburg am Hafen gelesen und da stach mir eine Passage ins Auge. Wir haben natürlich um die Rechte angefragt und ich war etwas überrascht, dass es dann so schnell ging. Immerhin war das kurz vor der Deadline.“ Buschnegg ist beim Songwriting Realist mit Fantasie. Das schlägt sich auch in ohrwurmträchtigen Nummern wie „Der Teufel“, „Für die Fische“ oder das skurille „Trap Band“ durch. Der Witz der Band liegt oft in der Traurigkeit, was Pauls Jets dann am Ende halt doch wieder wienerischer macht, als der Frontmann es vielleicht selbst erfasst. „Ich habe sehr großen Respekt vor fröhlichen Liedern, das ist sicher die schwierigste Disziplin. Ich bin eigentlich kein Verfechter von Musikschreiben als Therapie, aber da steckt schon was dahinter.“

Der rote Faden von „Highlights zum Einschlafen“ liegt für Buschnegg im Jahr 2019 verortet. „Das Jahr impliziert einen gewissen Lebensabschnitt, der mir im Rückblick sehr traurig vorkam. Ich habe es dann aber noch einmal reflektiert und bin draufgekommen, dass ich doch auch viele tolle Menschen kennengelernt habe und Dinge sehr schön waren.“ Die Textzeile „2020 war ein schönes Jahr, es kommt zwar erst, aber ich sag es mal“ im Song „Trap Band“ kann man angesichts der Gegenwart dann doch unter vorauseilendem Übermut verbuchen. Aber vielleicht auch wieder nicht, denn mit der Platte gelingt Pauls Jets ein weiterer Quantensprung am Scheideweg zwischen Indie- und Mainstreamszene. Die Angst, dort irgendwo zerrieben zu werden, hat Buschnegg nicht. „Jeder will gerne im Radio gespielt werden und hat das im Hinterkopf. Kurz muss der Song sein und peppig. Die Hookline muss passen. Man sollte diese Gedanken aber abdrehen. Als Indie-Band muss man stattdessen den dümmsten und verrücktesten Scheiß machen, der Spaß macht.“

Freibad und Isolation
Auf die Bühne dürfen Pauls Jets nach den neuen Regierungsverordnungen auch bald, aber eben auch nur für eine limitierte Anzahl von Fans. Die für 8. September avisierte Release-Show im Wiener Konzerthaus bleibt vorerst, doch die Ungewissheit nagt natürlich auch am jungen Trio. „Das Album kommt jetzt halt an dem Tag raus, wo die Freibäder öffnen“, lacht Buschnegg, „wir wollten es aber auch nicht verschieben, weil es ziemlich gut zur Isolationszeit und der ganzen Corona-Sache passt.“ Melancholie und Elegie halten sich auf „Highlights zum Einschlafen“ die Waage. Wie ist der Titel denn eigentlich zu verstehen? „Die Highlights sind in dem Fall die Songs. Man kann sich super beruhigen damit und einmal ordentlich chillen, vielleicht führt das ja zum Einschlafen“. Auf ihrem zweiten Album beweisen Pauls Jets jedenfalls eindrucksvoll, dass die noch viel zu sagen haben und nichts von ihrem kompositorischen Feuer verloren haben. Und dieses Mal wird wohl nicht nur die deutsche Fachpresse jubeln und jauchzen. Übrigens: Buschnegg schreibt schon fleißig am dritten Album.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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