02.05.2020 12:36 |

„Familien gefährdet!“

Crew trotz Corona-Verdachtsfällen heimgeschickt

Ein österreichisches Besatzungsmitglied eines TUI-Kreuzfahrtschiffes erhebt gegenüber krone.at schwere Vorwürfe gegen das Reiseunternehmen: Obwohl es an Bord der Mein Schiff 3 am Dienstag mehrere Corona-Verdachtsfälle gegeben hatte, wurden in den Tagen darauf Hunderte Angestellte im deutschen Cuxhaven vom Schiff gelassen und quer durch Europa nach Hause geschickt. Sie seien vor ihrer Abreise nicht darüber informiert worden, dass sich Kollegen mit Grippesymptomen an das Bordhospital gewandt hatten. Erst als sie wieder zu Hause waren und ihre Familienmitglieder in die Arme geschlossen hatten, hätten sie eine E-Mail von TUI bekommen, dass ein Kollege positiv auf den Erreger getestet worden sei und sie sich in Quarantäne begeben sollen.

Touristen waren auf dem Kreuzfahrtschiff schon seit Wochen nicht mehr an Bord - jedoch rund 3000 Besatzungsmitglieder. Die Crews von mehreren anderen Schiffen waren auf den Kanarischen Inseln zugestiegen. Von Teneriffa aus wurde in Richtung Cuxhaven in See gestochen, wo man schließlich am Dienstag anlegen durfte. Von dort aus sollten die Mitarbeiter nach Hause reisen dürfen.

Doch an diesem Tag meldeten sich 15 Crewmitglieder mit leichten Grippesymptomen im Bordhospital. „Um eine Infektion auszuschließen, wurden vom Gesundheitsamt und hafenärztlichen Dienst des Landkreises Cuxhaven umgehend Tests angeordnet. Ein Testergebnis war positiv“, bestätigte TUI. Die Verdachtsfälle seien umgehend in der eigenen Kabine isoliert worden, so das Reiseunternehmen.

Insider: „Hätte mich viel vorsichtiger verhalten“
Trotz dieser Verdachtsfälle wurden viele Besatzungsmitglieder in den Tagen darauf nach Hause geschickt. „Einige Deutsche reisten bereits am Mittwoch individuell zu ihren Familien“, so der Insider im Gespräch mit krone.at. Er selbst durfte am Donnerstag in einen von TUI organisierten Reisebus steigen, um seine Heimreise anzutreten. „Nachdem ich sechs Monate nicht zu Hause war, habe ich meine Familie, die im selben Haushalt wohnt, natürlich geküsst und umarmt“, erklärt das Crewmitglied. „Hätte ich jedoch gewusst, dass es bereits Verdachtsfälle an Bord des Schiffes gegeben hatte, hätte ich mich viel vorsichtiger verhalten, um meine Familie nicht zu gefährden.“

Am Freitag erhielt er schließlich eine E-Mail von seinem Arbeitgeber. „Leider müssen wir euch darüber informieren, dass an Bord der Mein Schiff 3 gestern ein Crewmitglied positiv auf Covid-19 getestet wurde“, war darin zu lesen. Doch für Vorsichtsmaßnahmen ist es nun zu spät. „Hätte ich diese Information vorher erhalten, hätten wir uns vorbereiten können - so hätte ich mich in einem eigenen Zimmer in unserer Wohnung isolieren können“, ärgert sich das Besatzmitglied darüber, dass TUI mit der verzögerten Information Angehörige seiner Mitarbeiter unnötig einer Gefahr ausgesetzt habe.

Mittlerweile wurde Mein Schiff 3 unter Quarantäne gestellt, alle 2899 verbliebenen Mitarbeiter müssen an Bord bleiben. Das Reiseunternehmen teilte mit, dass man nun weitere Tests durchführen werde. Es wurde betont, dass alle Mitarbeiter vor dem Crew-Transfer medizinisch untersucht worden waren, einen umfangreichen Gesundheitsfragebogen ausfüllen mussten und zuvor 14 Tage keine Krankheitssymptome hatten. „Die gesamte Besatzung aller Schiffe befindet sich seit über vier Wochen im Isolationszustand an Bord“, erklärte TUI weiters, da sich über diesen Zeitraum keine Passagiere mehr auf den Schiffen befanden. Der Inider berichtete, dass an Bord der Mein Schiff 3 allerdings keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden, wie beispielsweise eine Maskenpflicht: „Dabei waren wir ja im Schiffsinneren auf engstem Raum zusammen.“

Chaotische Heimreise quer durch Europa
Die von TUI organisierte Heimreise im Reisebus sei „sehr chaotisch“ verlaufen, kritisierte der Insider zudem. Kollegen aus Italien sei angeboten worden, sie am Brenner aussteigen zu lassen. „Von dort hätten sie selber schauen müssen, wie sie nach Hause kommen“, berichtete er krone.at. Auch die Situation an den jeweiligen Landesgrenzen sei ein Glücksspiel gewesen: „Von rumänischen Kollegen hörte ich, dass sie bei der Grenze nicht durchgekommen sind.“

Miriam Krammer
Miriam Krammer
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