01.05.2020 06:00 |

Das große Interview

Wollten Sie‘s nicht wahrhaben, Herr Bürgermeister?

Der Tiroler Skiort Ischgl gilt als Coronavirus-Hotspot Europas: Mit Conny Bischofberger spricht Bürgermeister Werner Kurz (58) über Tausende infizierte Urlauber, Millionenklagen, Imageschäden und die Aufarbeitung der Katastrophe.

Als er sich auf den Weg ins Gemeindeamt zu unserem Facetime-Interview gemacht habe, seien die Straßen leer gewesen, erzählt Werner Kurz, „aber der Radius der Bewegung hat sich vergrößert“. Der 58-Jährige ist Bürgermeister jenes Skiortes im Tiroler Paznauntal, der als „Virenschleuder Europas“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist. 39 Tage lang stand das einstige Partydorf unter Quarantäne.

Am 2. Mai wäre Eros Ramazzotti in Ischgl aufgetreten, als krönender Abschluss einer weiteren erfolgreichen Skisaison. „Da sind normalerweise alle Lifte und Pisten noch offen, man kann wunderbar und grenzüberschreitend Ski fahren“, erklärt Kurz mit spürbarer Wehmut in der Stimme. Statt einer Gesichtsmaske trägt er ein Halstuch, das er sich bei Bedarf schnell über Mund und Nase ziehen kann. Wir führen unser Interview über Facetime.

„Krone“: Herr Bürgermeister, gibt es zur Namensgleichheit mit dem Bundeskanzler eine kleine Anekdote?
Werner Kurz: Die Einheimischen wissen, dass wir weder verwandt noch verschwägert sind, aber Gäste fragen mich schon manchmal, ob ich vielleicht der Vater des österreichischen Regierungschefs bin. (lacht)

Es gibt ja diese Grafik mit den roten Pfeilen, die anhand von Handydaten zeigt, wie sich aus Ischgl das Coronavirus in ganz Österreich und Europa verbreitet hat - bekommen Sie da Gänsehaut?
Da werden uns auch Daten aus dem gesamten Paznaun, Serfaus, St. Anton und St. Christoph zugeordnet. Für mich ist diese Grafik nicht ganz nachvollziehbar. Aber wenn Sie fragen, ob ich Gänsehaut habe: doch.

Laut Robert-Koch-Institut haben sich in Ihrem Ort Tausende Urlauber mit Covid-19 infiziert. In der Apres-Ski-Bar Kitzloch wurde weiterhin ausgeschenkt, obwohl der Barkeeper erkrankt war. Wie konnte so etwas passieren?
Erstens glaube ich, dass diese Zahlen sehr, sehr hoch gegriffen sind. Aber natürlich bedauern wir es sehr, dass sich Gäste bei uns angesteckt haben. Im Übrigen nicht nur Gäste, sondern auch rund 120 Mitarbeiter und Einheimische. Und was das Kitzloch betrifft, es wurde am 7. März für einen Tag gesperrt, die Mitarbeiter unter Quarantäne gestellt und ab 9. März ganz gesperrt. Ab 10. März dann alle Apres-Ski-Lokale.

Aber dann ließ man alle Gäste einfach abreisen, was zur Folge hatte, dass sich das Virus bis nach Island verbreitet hat. Warum hat man nicht alle Gäste getestet?
Vor der Quarantäne hatten wir 1500 Mitarbeiter im Ort und 10.000 Gäste, die wegwollten. Das Ausreisemanagement war sehr chaotisch, da gebe ich Ihnen recht. So was läuft nie perfekt ab. Im Nachhinein ist man natürlich immer gescheiter, aber zum damaligen Zeitpunkt, auf Basis des damaligen Wissensstandes, haben wir nach bestem Wissen und Gewissen agiert. Wir waren außerdem angewiesen auf die Erkenntnisse und Vorgaben der Experten und der Behörde. An die haben wir uns gehalten. Das ist alles sehr, sehr schnell gegangen. Und Österreich ist ja doch auf einem sehr guten Weg …

Trotz Ischgl …
(Keine Antwort)

Könnte es sein, dass Sie es anfangs nicht wahrhaben wollten? Denn Island hat ja Ischgl bereits am 5. März zur Risikoregion erklärt, weil sich Touristen angesteckt hatten.
Nicht wahrhaben … Ich kann nur mit den Informationen arbeiten, die ich habe. Die isländischen Behörden waren mit dem Gesundheitsministerium in Kontakt. Am 6. März gab es eine Info auf Deutsch und Englisch, in der um erhöhte Aufmerksamkeit in Bezug auf mögliche Verdachtsfälle hingewiesen wurde. Dann haben wir Gäste, die Verdachtsfälle waren, und auch Mitarbeiter des Kitzlochs getestet. Dass der Barkeeper infiziert war, habe ich vom Ortsarzt am 7. März gegen 21 Uhr erfahren.

Ist es eine gute Strategie zu sagen: Wir haben eh alle Anweisungen befolgt, oder wie der Gesundheitslandesrat in der „ZiB“ sagte, wir haben alles richtig gemacht?
Das ist keine Strategie. Dass wir alle Anweisungen befolgt haben, ist eine Tatsache. Unsere Strategie ist es, Ischgl ein neues Image zu geben, als den Ort darzustellen, der er ist: mit einer wunderbaren Landschaft, einem exzellenten Skigebiet, hervorragender Gastronomie und gastfreundlichen Menschen.

War der Partytourismus ein Irrweg?
Ischgl war in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich, nicht nur im Partytourismus. Das ist auch nicht der Tourismus, den wir uns wünschen. Wir wollen im Gegenteil unsere Qualitätsstandards noch verbessern. Daran arbeiten wir.

Halten Sie es für richtig, dass das Kitzloch im Winter einfach wieder aufsperrt - unter demselben Namen?
Ob der Besitzer das Lokal umbenennt, ist seine eigene Entscheidung, das kann ich nicht beeinflussen.

Der deutsche Außenminister hat die geplante Öffnung der Grenzen bereits als „falsch und verfrüht“ bezeichnet, weil man in Ischgl gesehen habe, was ein Infektionscluster in einem beliebten Urlaubsgebiet anrichten kann. Können Sie diesen Schaden je wiedergutmachen?
Irgendwann sollte es auch vorbei sein. Diese Katastrophe betrifft ja nicht nur Ischgl, sondern ganz Österreich. Wir leben vom Tourismus, da hängen Arbeitsplätze und Existenzen dran …

Könnte es sein, dass es in Tirol eine klare Hierarchie gibt? Nämlich ganz oben den Liftbetreiber, dann erst der Hotelier und Gastronom und am Schluss der Mensch?
Noch einmal, es gibt eine Behörde, die die Entscheidungen trifft. Wenn die Behörde gesagt hätte, wir machen am 5. schon alles zu, dann hätten wir am 5. zugemacht. Da gibt es keine Hierarchie.

Hat die Gier Regie geführt statt der Rücksicht auf die Gesundheit?
Aber es geht hier ja auch um unsere eigene Gesundheit! Sie werden doch nicht annehmen, dass wir uns selber aus lauter Gier anstecken würden. So sehr wir die Infizierung von Urlaubsgästen bedauern, auch Einheimische sind erkrankt … Alle, die betroffen sind, haben mein aufrichtiges Mitgefühl …

5000 Urlauber bereiten eine Millionen-Sammelklage vor. Mit welchem Gefühl sehen Sie dem entgegen?
Wir sind sehr interessiert daran, dass das alles aufgeklärt wird, arbeiten eng mit den Behörden zusammen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Da geht es immerhin um den Vorwurf der schweren Körperverletzung mit Todesfolge, um kriminelle Handlungen. Auch Sie persönlich wurden angezeigt.
Ich vertraue dem Rechtsstaat Österreich und dann schauen wir, was herauskommt.

Heißt das, Sie sind für die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens?
Da stehe ich dahinter, ja.

Der Imageschaden für Ischgl, aber auch für ganz Tirol, ist sehr hoch. Welchen Zeitraum haben Sie sich für die Imagekorrektur gesetzt?
Das wird noch Wochen und Monate dauern.

Nicht Jahre?
Nein. Wir haben schon jetzt einen finanziellen Verlust von einem Drittel der Jahressaison. Hier geht es um Existenzen, wir werden sehr bald erste Maßnahmen setzen. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird.

Woraus schöpfen Sie diese Zuversicht?
Die Ischgler haben schon die Lawinenkatastrophe 1999 und die Hochwasserkatastrophe 2005 überlebt. Wir sind Stehaufmanderl, die Paznauner halten zusammen. Wir schaffen auch diese Katastrophe.

Wenn Sie Corona reihen müssten, an welcher Stelle würde es stehen?
Das Tragischste war sicher die Lawine. Aber sowohl bei der Lawinenkatastrophe als auch beim Hochwasser konnte man das Unglück greifen, das Virus hingegen ist präsent, obwohl man es weder sieht noch spürt, das hat eine ganz andere Dimension.

Wenn Sie jetzt einen Wunsch frei hätten, was wäre es?
Dass alle schnell wieder gesund werden, dass wir das Virus besiegen und endlich wieder zu einem normalen Leben zurückkehren können.

Was wird 2025 sein?
Da wird der Kurz Werner nicht mehr Bürgermeister sein. Da werde ich zurückdenken und mir sagen: Wir haben es geschafft. Es geht allen im Tal wieder gut. Wir haben unsere Aufgaben gemacht und letztendlich - nach Lawine und Hochwasser - auch Corona überstanden.

Der Ortschef
Geboren am 15. Mai 1961 in Zams. Der karenzierte Diplompädagoge und Lehrer an der Neuen Mittelschule in Kappl ist seit 2010 Bürgermeister von Ischgl. Er bezeichnet sich selbst als „ÖVP-nahe“, ist aber nicht Parteimitglied. Seit 20 Jahren mit Beatrix verheiratet, der gemeinsame Sohn (Daniel, 29) lebt in Berlin.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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