27.04.2020 06:00 |

Brandneues Album

Trivium: Musik mit unbändiger Leidenschaft

„What The Dead Men Say“ nennt sich das neunte Studioalbum der US-Metal-Stars Trivium, die sich auch hierzulande größter Beliebtheit erfreuen. Darauf geht das Quartett zurück zu seinen Wurzeln, ohne aber den Blick nach vorne zu verlieren. Gitarrist Corey Beaulieu erzählt mehr über die Arbeit im Trivium-Bandcamp.

An Leidenschaft und Hingabe hat es Matthew K. Heafy noch nie gemangelt. Der in Florida geborene und aufgewachsene Halb-Japaner hat sich als 13-Jähriger dazu entschlossen, seine Band Trivium zu gründen und ins Metalbusiness einzusteigen. Ohne Plan B. Ohne auch nur irgendwie an irgendetwas anderes zu denken. Wo sonst, außer in den USA wäre so etwas auch möglich und wie es die Märchengeschichte so will, steht er nun, mehr als 20 Jahre später, als eine der größten Hoffnungen auf zukünftige Metalfestival-Headliner prominent im Rampenlicht. Seine Band hat Heafy dabei als parallel laufendes Ventil zum persönlichen Aufwachsen genommen. Vor allem die früheren Alben unterscheiden sich gewaltig. Eines klingt nach Metalcore, das andere nach Metallica, wieder ein anderes entstand in einer Pantera-Hörphase. Heafy hat nie einen Hehl daraus gemacht, absolut demütiger Fan zu sein, das aber lange Zeit zu sehr in seine eigene Musik verwoben. „In Waves“ war 2011 das erste Album, das wirklich zu einer eigenen Identität führte, an der das Kollektiv seitdem unentwegt schraubt.

Stärken bündeln
Auf „Silence In The Snow“ (2015) wurde dem Frontmann inflationärer Einsatz von Klargesang attestiert, der Nachfolger „The Sin And The Sentence“ (2017) mäanderte wiederum zu sehr in Prog-Metal-Gefilden. Ein YouTube-Kritiker verglich die jüngeren Trivium gar mit den Prog-Legenden Dream Theater, was Heafy naturgemäß gefällt, ihm aber wohl auch als Warnschuss galt. „What The Dead Men Say“, das mittlerweile neunte Studioalbum der Amerikaner, versucht nämlich auf Biegen und Brechen alle Stärken der Trivium-Vergangenheit zu bündeln. Da stechen bei Songs wie dem Titeltrack oder „Amongst The Shadows & Stones“ waschechte Metallica-Riffs heraus, frickelt sich der „Catastrophist“ in fingerverknotende Technik-Sphären und sprießen die hochmelodischen Iron-Maiden-Referenzen aus beinahe jeder Pore. Nicht zu vergessen die in den letzten Jahren hochgefahrenen Prog-Elemente, die Trivium wohl auch aus Anschaugründen nicht aus dem Konzept verbannten.

Die Band hat längst ihre eigene Nische gefunden und sich dort mit viel Selbstvertrauen breitgemacht. Die Suche nach dem Neuen mit gleichzeitigem Fokus darauf, die alten Stärken nicht völlig über Bord zu werfen führt zu dem kuriosen Paradoxon, dass Trivium ihre Songs streckenweise überladen. In den oft überlangen Stücken versucht man notorisch möglichst alle Einflüsse einzuweben und nichts auszulassen. Weniger wäre manchmal etwas mehr, auch wenn das einem Perfektionisten wie Heafy mit Sicherheit nicht gerne zu Ohr kommt. Dabei ist der Songwriting-Prozess gemeinhin demokratischer als man vermuten mag, wie Gitarrist und Backgroundsänger Corey Beaulieu der „Krone“ im Interview verrät. „Wir sammeln Ideen zusammen, schreiben Riffs auf und nehmen Demos auf. Es gibt einen riesengroßen Dropbox-Folder, in dem jeder seine Gedanken abladen kann und daraus bedienen wir uns am Ende. Wir gehen es aber längst entspannter an. Früher entstand jedes zweite Jahr ein Album von uns, mittlerweile lassen wir uns mehr Zeit.“

Den Platz gefunden
Trivium wollen nicht nur im Songwriting so perfekt wie möglich vorgehen, auch in der Produktion will man stets den höchsten Standard wahren. Auf Josh Wilbur haben die Amerikaner aber ein weiteres Mal vertraut, so zufrieden war man mit dem Klang des Vorgängers. Und fürwahr - „What The Dead Men Say“ klingt astrein, fast schon klinisch perfekt und schließt damit perfekt an den Qualitätsanspruch des Songwritings an. Amateurhaftes oder die viel zitierte, „echte“ Produktion hat in der Trivium-Welt keinen Platz. Das Album ist sogar so aktuell ausgefallen, dass sich der Closer „The Ones We Leave Behind“ direkt auf die Coronavirus-Pandemie bezieht. „Wir haben mittlerweile unseren Platz auf dieser Welt gefunden“, gab Heafy vor Erscheinen des Albums bekannt, „wir lieben Melodic Death Metal, wir lieben Death Metal, wir lieben Black Metal und wir lieben Hardcore. Auf diesem Album hört ihr all diese Einflüsse gleichberechtigt.“

Der Frontmann hat im Jahr 2018 Zwillinge bekommen und die Prioritäten in seinem Leben neu geordnet. „Das hat uns natürlich eine längere Pause beschert“, kommentiert Beaulieu, „er musste mit der neuen Lebenssituation ja auch erst einmal klarkommen. Plötzlich ist nicht mehr die Band dein Baby, sondern zwei richtige Kinder. Wir müssen uns mit dem Material aber auch nicht mehr hetzen. Trivium ist mittlerweile eine Konstante auf der Metal-Landkarte und wir können unser eigenes Tempo gehen. Dadurch werden auch die Kompositionen überlegter und in sich geschlossener.“ Trivium gelten nicht nur als eine der fleißigsten, sondern auch sympathischsten und arbeitsfreudigsten Bands des Business. Unvergesslich etwa vor vielen Jahren der restlos ausverkaufte Gig in der Wiener Szene. An dem Tag hätte die Band eigentlich frei gehabt, schob aber lieber spontan ein Konzert ein und konnte aufgrund der kleinen Location nicht mal ansatzweise die üppige Produktion auffahren. „Dieses Clubgefühl der alten Tage ist immer herrlich“, erinnert sich Beaulieu, „das hat eine besondere Intimität. Im Endeffekt geht es ohnehin um die Musik und den Energieaustausch zwischen Band und Fans.“

Richtige Richtung
Mit Live-Shows ist auf unbestimmte Zeit nichts zu machen. Die für Sommer geplante, große US-Tour mit den Szenekapazundern Megadeth, Lamb Of God und partiell In Flames hätte den Status von Trivium auf ein neues Level heben sollen. Vorerst hat Frontmann Heafy aber mehr Zeit für die beiden Zwillinge und seine gekonnten Twitch-Gitarrenvideos, die ihm mittlerweile als einträgliches Geschäft die Windeln der Kleinen finanzieren. „2020 hätte wirklich ein tolles Jahr werden sollen“, seufzt Beaulieu, „wir hatten wirklich viel geplant, aber es ist ja nur aufgeschoben.“ Bis es wirklich wieder auf die Bühnen geht, haben die vielen Trivium-Fans zumindest ausreichend Zeit, sich mit dem neuen, detailtreuen und einmal mehr kunterbunten Material auf „What The Dead Men Say“ zu befassen. Auch wenn die ganz großen Hits und Ohrwürmer außen vor bleiben ist das Album eindeutig ein Schritt in die richtige Richtung. Nämlich jene, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Band kongruent verbindet.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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