krone.tv-Reportage

Andrang auf Essenspakete und Bücher über Gold

Langsam, Schritt für Schritt, kehrt der Alltag zurück, wie er vor Corona war. krone.tv besuchte eine Buchhändlerin, die von vermehrten Bestellungen von Büchern über Gold berichtet, sowie die Rathaus-Apotheke, deren Antikörpertests von der Ärztekammer gestoppt wurden. Kunden, die laut Testergebnis eine Erkrankung durchgemacht hatten, schilderten andere als die gängigen Symptome. Und: Menschenschlangen bei der Lebensmittel-Notausgabe der Caritas. Seit Corona kommen Bedürftige, die laut Klaus Schwertner „nie gedacht hätten“, dass sie eines Tages das Hilfsangebot der Caritas benötigen würden. Dompfarrer Toni Faber erklärt die Wichtigkeit der baldigen Öffnung der Kirchen und des gemeinsamen Gebets, wenn auch mit Maske.

Zaghafte Schlangen vor dem Eisgeschäft, und in die Bundesgärten, um deren Öffnung sich Bund und Stadt einen Streit geliefert hatten, kommen wieder erste Besucher. Die Regeln, die seit der Pandemie gelten, sitzen tief in den Köpfen.

Die Universitäts-Buchhandlung Schaden in der Wiener Sonnenfelsgasse, ein Traditions-Familienbetrieb seit Generationen. Karin Schaden hat sich penibel auf die Wiedereröffnung vorbereitet. 20 Quadratmeter pro Kunde, Desinfektionsmöglichkeiten, sie und ihre Mitarbeiter tragen natürlich Masken, desinfizieren Türgriffe und Flächen. Ihre Kunden nehmen die Vorschriften ernst: „Viele kommen mit ihrem eigenen Desinfektionsmittel und desinfizieren sich die Hände, bevor sie Bücher angreifen.“

„Es ist traurig, zu Hause zu sein“
Die Freude über die Wiedereröffnung ist groß, die Buchhändlerin ist zuversichtlich, auch wenn die Großkunden vorerst wegefallen sind: „Unser Beruf ist ein kommunikativer Beruf. Das ist traurig, zu Hause zu sein und alles online zu machen, es ist nicht das, was wir machen wollen. Was uns am meisten wehtut, ist, dass die Großkunden alle wegfallen. Bibliotheken sind geschlossen, Schulen sind geschlossen, Museen sind geschlossen, Universitäten sind geschlossen. Wir sind wirklich auf den Einzelkunden angewiesen.“

Bücher über Pest und Gold sind der Hit
Die Chefin erzählt, dass die Online-Bestellungen immer ein Spiegel der Gesellschaft seien. Nach Ausbruch von Covid-19 habe sie Weltuntergangsstimmung gespürt, „aus den Onlinebestellungen bastle ich eine Art Horoskop und erzähle den Kollegen, wie die Menschen so drauf sind“. Hunderte Kunden hätten „Die Pest“ von Albert Camus oder „Liebe in Zeiten der Cholera“ von Gabriel Garcia Marquez verlangt. „Was wir immer noch merken, ist, dass Kunden viele Bücher über Gold kaufen, wir glauben, im Moment ist auch die Nachfrage an Gold gestiegen. Ich bin froh, dass die Themen mittlerweile normaler geworden sind.“ Im Moment, so Schaden, hätten die Kunden mehr Bewusstsein, würden dort einkaufen, wo Händler lokal Steuern zahlen, ihre Mitarbeiter angemeldet haben, die für die Abgaben aufkommen. „Ob das nachhaltig ist, kann man noch nicht abschätzen.“

Polizei patrouilliert weiterhin
Am Wiener Stephansplatz greift eine Polizeisteife drei Männer auf, die sich einen Snack und Kaffee nach der Arbeit gönnen. Der Abstand zwischen ihnen sei zu gering gewesen. Sie müssen Strafe zahlen. Zu Unrecht, finden sie. Toni ist Student und arbeitet im Verkauf in Wien: „Ich habe gerade 50 Euro Strafe bezahlt. Laut der Polizei gab es zwischen uns nicht genügend Abstand, aber niemand hat nachgemessen. Wie kann so was sein?“

Kunden beschreiben ungewöhnlichere Symptome bei Corona
In der Rathaus-Apotheke haben knapp über 300 Österreicher in den letzten Wochen einen Corona-Antikörpertest gemacht - bis die Ärztekammer einschritt. Die Ergebnisse liegen nun vor und sind bemerkenswert, erklärt Cand. Pharm. Patrick Höninger (26). Vor allem was die beschriebenen Symptome betrifft, weichen diese von den gängigen Beschwerden oft ab. „Viele haben von Magen-Darm-Problemen und Durchfall berichtet, weniger diese klassischen Symptome wie Lungenentzündung, Lungenbrennen. Das war zwar auch dabei, aber nicht beim Großteil. Viele Leute, die bei diesem Test positiv waren, hatten eher mildere Symptome wie erhöhte Temperatur, Unwohlsein wie bei einer Erkältung. Viele haben gemeint, die Symptome hätten sich anders angefühlt, als sie es gewöhnt sind, ein Kratzen, ein Schnupfen, wie sie es so noch nicht kannten.“

„Irgendwoher muss das Antikörper-Stricherl am Test ja kommen“
Die Kritik an den Tests, die aus China kommen, findet er scheinheilig. „Die meisten Medikamente bei uns sind auch aus China. Wenn jemand auf der Welt Erfahrung mit dieser Art von Viren gemacht hat, sind es natürlich die Chinesen, deswegen ist der Test, den wir durchgeführt hatten, aus China importiert, na no na.“ Und bei den Falsch-Ergebnissen? „Falsch-negativ kann schneller passieren, das könnten Herstellungsfehler sein, auch Fehler bei der Durchführung der Tests. Nur Falsch-positive Ergebnisse sind etwas unwahrscheinlicher, weil irgendwoher muss das Antikörper-Stricherl am Test ja herkommen.“

Corona hat 600.000 Arbeitslose gefordert. 900.000 Menschen sind in Kurzarbeit. Bei „LeO“ in Wien-Meidling stehen Menschen bei der Lebensmittel-Notausgabe der Caritas Schlange. Geduldig warten sie auf ihre Pakete. Klaus Schwertner erklärt die Herausforderungen bei der Sozialarbeit in Zeiten von Corona. „Wir haben einen Krisenstab eingerichtet, der täglich tagt. Unsere Lebensmittelausgabe findet jetzt im Freien stattfindet, wo die Abstände eingehalten werden müssen, wo die Essenspakete schon fertiggeschnürt sind, damit sie unkompliziert und ohne Kontakt verteilt werden können.“

Auch Alleinerziehende und Selbständige nutzen Caritas-Angebot
Über 80 Prozent der Freiwilligen bei der Caritas sind über 60 Jahre alt, berichtet Schwertner. Diese mussten abgezogen werden, da sie zur „Risikogruppe gehören“. Nach einem Aufruf meldeten sich jedoch 4000 Freiwillige, die schnell eingeschult werden konnten. „Das hat mich sprachlos gemacht“, gesteht der Sozialmanager. „Seit Corona sind auch Alleinerziehende, Selbstständige, die überhaupt kein Einkommen mehr haben, in Not. Manche haben sich gerade einen Kredit aufgenommen, um ihr Business aufzubauen.“ Und: „Das sind ganz dramatische Situationen, da geht’s darum, dass sie nichts im Kühlschrank haben und nichts mehr im Börserl ist. Es trifft auch alte Menschen, die zu Hause sitzen und sich so fürchten, dass sie sich nicht nach draußen trauen.“

Im März Jobzusage, im April bei der Lebensmittel-Notausgabe
Frau Birgit ist Mindestpensionistin und auf Unterstützung angewiesen. Dennoch versucht die 62-Jährige, in der Krise auch Positives zu sehen. Sie kommt seit zwei Jahren zu „LeO“: „Schwieriger war es vorher. Ich komm hierher, weil meine Pension nicht reicht. Die Sache ist ein bisschen entspannter, man ruft an, kommt her, kriegt sein Paket, es geht schneller.“ Stefan H. ist 52 und hatte vor dem Corona-Ausbruch eine fixe Jobzusage in Aussicht. Nun lässt auch er sich helfen: „Ich persönliche empfinde es so, dass man ein bisschen die Scham ablegen soll, wenn man die Möglichkeiten nutzen kann. Das klingt jetzt ein bisschen berechnend, das sehe ich aber nicht so. Ob jetzt Lebensmittel vernichtet oder weggeworfen werden oder mit Ablaufdatum an Leute weitergegeben werden, für die das eine große Entlastung ist ... Manche rennen mit 800 Euro Arbeitslosengeld herum. Da kannst‘ in Wien nicht viel machen. Wenn du eine Wohnung hast, eine Gas- und Stromrechnung, ist schon alles vorbei.“

„Ältere nehmen Situation nicht so ernst, weil sie vom Krieg vorbelastet sind“
Die Fahrschule Skarabela in Großenzersdorf hat drei ihrer Fahrzeuge zu Lieferwagen für Essen auf Rädern umfunktioniert. Raimund Pattermann ist Fahrschullehrer, er unterstützt mit seiner Hilfsbereitschaft die Caritas. Er ist gerade am Weg zu einer Alleinerzieherin in Wien-Donaustadt. „Die Leute freuen sich grundsätzlich, dass sie Lebensmittel bekommen und eben nicht außer Haus gehen müssen. Die älteren Personen, die nehmen die Situation eher nicht so ernst, weil sie teilweise auch noch vom Krieg vorbelastet sind. Die sagen: ‚Damals habe ich es auch überlebt.‘ Ich selber hab' jetzt keine Angst vorm Virus, aber ich habe trotzdem den nötigen Respekt, dass ich den Virus übertragen kann.“
Pattermann zieht sich Handschuhe an und packt die vollen Einkaufstaschen aus dem Kofferraum.

„Natürlich ist das eine finanzielle Entlastung“
Ines Z. hat zwei Kinder, die sie nun zu Hause unterrichten muss. Für den Job, sie ist momentan Praktikantin, bleibt erst nach Feierabend Zeit. Deshalb ist sie froh, dass Herr Pattermann ihr das Essenspaket für einen Unkostenbeitrag von drei Euro nach Hause liefert. „Das Management ist schon mehr geworden wegen der Kinderbetreuung.“ Sie muss die Schularbeiten ihrer Kinder überwachen und sie beim Lernen unterstützen. Und das in „zwei verschiedenen Klassen mit verschiedenen Lehrern und verschiedenen Systemen“. Gerade erst hat sie bei der Caritas angerufen, um sich zu erkundigen: „Ich habe nicht gewusst, wie viele Leute zur Ausgabe kommen, wenn da ein Massenauflauf ist, ist das natürlich auch nicht gescheit und man darf die Kinder nicht mitnehmen, ich kann sie ja nicht alleine lassen. Die Dame von der Caritas war sehr nett und hat vorgeschlagen, sie können mir das Essen zustellen. Da habe ich mich sehr gefreut, weil das natürlich auch eine finanzielle Entlastung ist.“

Sehnsucht nach Nahrung für die Seele
Die Menschen sehnen sich auch nach Nahrung für die Seele. Dompfarrer Toni Faber blickt der baldigen Öffnung der Kirchen erwartungsvoll entgegen. „Nichts gegen Baumärkte, nichts gegen einzelne Händler, ganz viel Mitgefühl mit denen, die noch nicht aufsperren können. Aber wir müssen einen Blick auf unsere Kirchen und Räume machen, die bisher zwar für das persönlich Gebet offen gestanden sind, aber nicht für das gemeinschaftliche. Das muss sich stufenweise ändern lassen, bei Einhaltung aller Sicherheitsabstände, bei allen Auflagen, ob wir jetzt Gesichtsmasken tragen müssen oder nur eine gewisse Anzahl an Personen hineinlassen.“

Abstand halten, Hände desinfizieren, nicht unter die Räder kommen. Die Rückkehr ins Leben wird noch lange dauern.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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